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Mitfahrt im VW Polo WRC

Ritt auf dem heißen Stuhl

Stier / Latvala - VW Polo WRC Mitfahrt 2014 Foto: VW 6 Bilder

Dass ein Rallye-Chronist neben einem Vizeweltmeister eine echte Wertungsprüfung im Weltmeisterauto absolvieren darf, kommt nicht alle Tage vor. Dass zu der Übung neben Handbremswende und Riesensprung auch 200-Meter-Lauf und Embryohaltung gehören, konnte ja vorher keiner wissen.

20.01.2015 Markus Stier

Mit quietschender Bremse kommt der Polo WRC an der Zeitkontrolle am Eingang des Olympiastadions abrupt zum Stehen. Aus der rechten Tür stürzt der Beifahrer und setzt unverzüglich zu einem 200-Meter-Sprint auf der Tartanbahn an. Die Zeiten als drahtiger Sportstudent sind zwei Jahrzehnte her, und die Strecke ist entgegen der üblichen Richtung im Uhrzeigersinn zu durchlaufen, aber das soll keine Ausrede sein. Keuchend und mit mäßiger Zeit stoppt der Eilende vor dem Zeitnehmertisch. In einer Zangenbewegung ist der Chauffeur mit dem Polo mittlerweile von der anderen Seite eingetroffen. Japsend verkündet der Co-Pilot: "Wir brauchen ganz schnell eine neue Bordkarte."

Gaudi-Veranstaltung Rallye-Legend

Es ist ein Déjà-vu-Erlebnis. Vor zehn Minuten war ich schon mal hier. Es war ein beschaulicher Vormittag. Die Sonne schien warm auf das Stadion von San Marino, in dem sich 200 Rallye-Autos mit blitzenden Chromstoßstangen und poliertem Lack aufgestellt hatten. Die Sportstätte, in der sich einst große Nationen wie Malta und Luxemburg bei den Olympischen Spielen der kleinen Staaten maßen, ist nun Sammelstätte für die Teilnehmer der Rallylegend, einer riesigen Party, die ein paar Italiener aus der Taufe hoben, um ihre alten Gruppe-B-Feuerstühle mal wieder auszuführen, und die längst zur Kultveranstaltung herangewachsen ist.

Es geht hier eigentlich nur um die Gaudi. Turboventile zwitschern, Fahrer halten Schwätzchen. Aushilfs-Co-Pilot Stier war zeitig am Kontrollpunkt, reichte pünktlich die Bordkarte, bekam die korrekte Zeit von 17.26 Uhr eingetragen und wanderte entspannt zurück zum VW-Service auf dem Weg zu einem großen Abenteuer. Eins der großen Privilegien eines Rallye-Korrespondenten ist die Möglichkeit, ab und zu neben einem der großartigsten Auto-Artisten der Welt Platz zu nehmen und sich vorführen zu lassen, was die ausgefuchstesten Allradautos der Gegenwart so zuwege bringen.

Aus Sicherheitsgründen finden solche "Taxifahrten" meist auf kurzen, weiträumigen Micky-Maus-Kursen statt. Die Fahrer lassen die Autos ein bisschen um die Ecken rutschen, es soll ja nichts kaputtgehen und keiner Angst haben. Das hier ist was anderes. Die Prüfung La Tane ist ein verwirrendes, acht Kilometer langes Asphaltnadelöhr. Kein Geringerer als der zweifache Weltmeister Luis Moya hat den Aushilfs-Copiloten vorbereitet. Der frühere Ansager von Carlos Sainz hob die Augenbrauen: "La Tane? Eine Menge Kubica-Kurven", sprach er in Anlehnung an den polnischen Formel-1-Helden, der 2014 in der WM das einmalige Kunststück schaffte, zwölfmal von der Straße zu fliegen.

Mitfahrt im Polo WRC außerhalb der Wertung

Jari-Matti Latvala verließ die Straße in dieser Saison viermal. Der Finne ist mein Fahrer im Weltmeister-Auto Polo WRC. Wir fahren nicht in Wertung, nur so darf während der Rallye der Beifahrer getauscht werden. Wir haben Startnummer null und sind das Vorprogramm, das den Zehntausenden Fans verkündet: Jetzt beginnt die Show. Es geht offiziell um nichts, für Latvala geht es um die Bestzeit.

Im Kreise von ehrwürdig ergrauten Ex-Champions will sich der Vizeweltmeister nichts nachsagen lassen. Er steht voll im Saft, fährt die Saison seines Lebens. Es wird schnell werden, ein Hauch von Gefahr. Es werden sich Bilder in die Festplatte fräsen, die du noch als tüdeliger Opa gestochen scharf im Kopf haben wirst. Nur dieses Bild hier stimmt nicht. Auf der gemütlichen Wanderschaft rollt ein weiß-blauer VW Polo vorbei. Es ist meiner.

Jari-Matti sollte am Service warten, ist aber dann doch selbst zur Zeitkontrolle gefahren und hat seinen neuen Beifahrer verpasst. Ein Streckenposten hält den Finnen an, der Beisitzer rennt unter dem Gelächter von Teams und Fans hinterher. Endlich im Auto. Kleines Missverständnis. Kein Problem. Alles gut. Zumindest für zwei Minuten. Dann fragt Jari-Matti, wann wir am Start der Prüfung sein müssen. Das hat Stier mindestens ein halbes Dutzend Mal im Kopf ausgerechnet. "Um viertel vor sechs, aber ich schaue noch mal nach."

Die Bordkarte klemmt im Roadbook, das ich nicht aus der Hand gegeben habe. Schließlich ist die Bordkarte das Heiligtum jeder Rallye-Besatzung. Hier werden alle Zeiten eingetragen, das pünktliche Eintreffen und Absolvieren aller Kontrollen notiert. Stier findet die Bordkarte nicht. Es ist einer dieser fürchterlichen Momente im Leben, wo der Abtaster im Hirn kurz ins Leere greift. Blut schießt in den Kopf, das Herz sinkt in die Hose. Die Karte ist weg. Sie muss beim Verfolgen des Autos aus dem Roadbook gefallen sein. Stier hat es vergeigt.

Boardkarte sorgt für Hektik im Cockpit

Im Normalfall würden wir dafür aus der Wertung genommen. Erst jetzt wird die Symbolik klar, die große Null neben dem roten Bullen auf der rechten Tür. Zum Glück fahren wir nicht in Wertung. Dann sagt Jari-Matti: "Ohne Bordkarte lassen sie uns nicht in die Prüfung starten." Tausende an der Strecke werden enttäuscht sein, werden lästern, dass Latvala vermutlich schon wieder abgeflogen sei der dass die angeblich so unverwüstliche Technik der Tedeschi versagt hat.

Wir werden zum Service zurückkehren und erklären müssen, warum wir schon wieder da sind und warum die Reifen aussehen wie neu. Jari-Matti sagt, was Stier denkt: "Wir drehen um." Und so stehen wir nun wieder am Zeitnehmertisch, machen den armen Kerl mit unserer Hektik nervös. Der gute Mann kramt in seiner Aktentasche, findet nichts, kramt wieder. Nach einer Ewigkeit zückt er ein blaues Papier, eine Bordkarte. "Siebzehnsechsundzwanzig", belle ich einen Tick zu laut. Der Eingeschüchterte schreibt, wie ihm geheißen, und ist froh, als wir eilig wieder am Horizont verschwinden.

Es war keine Zeit, alle Gurtschlösser festzumachen, das Kabel der Gegensprechanlage ist nicht eingesteckt. Stier lotst Latvala mit Handzeichen zur Prüfung, 1-a-Krisenmanagement. Noch sind wir in der Zeit. Aber warum ist die neue Bordkarte blau? Die andere war grau. Der Zeitnehmer hat uns eine vom Morgen gegeben, nur um uns los zu sein. Was soll's, die Nachmittagsschleife ist identisch, nur dass wir laut der neuen Karte plötzlich nur 15 statt 19 Minuten Zeit bis zum Start haben.

Egal, wir sind rechtzeitig da. Latvala hechtet zur Zeitkontrolle: "Ich regle das." Dann reißt er die rechte Tür auf, versucht beim Anschnallen zu helfen, fingert mit nervösen Fingern am Gurtschloss herum. Der Gurt ist verdreht, also alles von vorn. Ich komme mir vor wie ein nörgeliges Kind, das vom genervten Papa im Kindersitz arretiert wird. Nur dass der Kleine zu einem Riesenbaby angewachsen ist. Stammbeifahrer Miikka Anttila ist locker 30 Kilo leichter. Na gut, der ist auch kleiner.

Auch ohne einen Finger zu rühren, überschreitet der Delinquent die anaerobe Schwelle. Versuchen Sie mal, gleichzeitig den Bauch einzuziehen und dabei nur ganz flach zu atmen. Endlich ist der Gurt fest, aber das Kabel der Gegensprechanlage steckt hinterm Rücken. Es ist ein entwürdigendes Schauspiel, in dem der ausgewachsene Stier eine fötale Haltung einnehmen muss, damit Papa Latvala hinter ihn greifen kann.

Latvala verzichtet auf den Aufschrieb

Als endlich alles an der richtigen Stelle sitzt und sich der zwölfmalige WM-Laufsieger in seinen Stuhl wirft, schnaubt er ins Helmmikro: "Noch 30 Sekunden." Abgesehen vom Schnaufen von rechts befällt eine tiefe Ruhe das Cockpit. Gut, es gab ein kleines Problem, aber wir haben es gemeinsam gelöst. Wir haben die richtige Zeit trotz der falschen Bordkarte, wir haben uns nicht vernavigiert und standen pünktlich am Start. Immerhin.

Eigentlich würde die Arbeit des Copiloten jetzt erst richtig anfangen, aber wir haben entschieden, dass ich besser keinen Aufschrieb vorlese. Ich weiß, dass eine "Oikea hidas kirra" ein enger Rechtsabzweig ist und dass "Vasen ylin hyppi" so viel wie "links über Kuppe" bedeutet, aber der Aufschrieb von Latvala kennt allein zehn Begriffe für unterschiedliche Asphaltbeläge und ist ein Sammelsurium von Abkürzungen, die selbst ein Finne ohne Training nicht begreift.

Aber Latvala gehört zur Sorte Fahrer, die durchaus auch ohne Anleitung den richtigen Weg findet und der für neuralgische Stellen ein fast fotografisches Gedächtnis hat. Der Pilot schaltet die Motorelektronik auf böse und blickt konzentriert durch seine orangefarbenen Brillengläser, Stier schaltet im Hirn vom Schuldgefühlszentrum um ins Genussareal. Dann katapultiert sich der Polo von der Startlinie.

Die erste Attraktion ist ein Kreisverkehr, den der VW nach einem kurzen Zupfer an der Handbremse so mühelos quer in einem Strich durchmisst, wie ich es früher selbst auf der Carrera-Bahn nie hingekriegt habe. Die breite Straße wird zu einem grauen Tunnel, schlängelt sich in engen und langen Kurven durch ein Wäldchen. Der Polo untersteuert ein bisschen, später wird Latvala zugeben, dass die Abstimmung für den Ernstfall nicht gepasst hätte.

Es geht im Zeitraffer durch ein Dorf. Es gibt Mauern, und es gibt Fäuste. Die Mauern knurren finster: Bleib bloß weg! Die Fäuste Hunderter Fans am Pistenrand signalisieren: Schneller! Schneller! So schnell geht das in Bella Italia. Am Abend nach Ausfall mit gebrochener Getriebehauptwelle noch mit Häme überschüttet, eroberte der Mann aus Suomi die Herzen der Azzurri im Sturm, vor allem, als er sie auf Italienisch begrüßte und gelobte, ihre schöne Sprache demnächst noch besser zu lernen. Jetzt jubeln sie ihm zu, als wäre er der Messias, oder zumindest Andrea Pirlo.

Achterbahn ohne Schienen

Vergiss jede Achterbahn, die du je gesehen hast. Die hier hat keine Schienen. Bäume, Zäune, Wälle aus Beton und Menschen schießen vorbei. Aber der sonst so zappelige Jari-Matti, der oft wirkt, als würden in seinem Körper ständig ein kleiner Junge und ein ausgewachsener Kerl um die Kontrolle ringen, sitzt da wie der erste Geiger im Orchester, voller Ruhe und Hingabe, entschlossen, große Kunst zu schaffen.

Dann spricht der Maestro: "Jetzt kommt der Sprung." Moment, man hatte mich zwar auf einen eventuellen Hüpfer vorbereitet, aber wir waren doch schon zweimal in der Höhe. Einmal hingen wir zu meinem Entzücken ein paar Meter auf zwei Rädern schief in der Luft. Mein einziger Beitrag in der Gegensprechanlage war lautes Lachen. Das bleibt mir jetzt im Hals stecken.

Es hebt den Polo aus den Federn, und wir fliegen eine Ewigkeit. Als sich die Nase senkt und die Straße ins Bild kommt, ist sie ein schmaler Hohlweg, gesäumt von Böschungen mit Bäumen. Wir landen mittig auf der Straße und dank der großen Federwege auch erstaunlich sanft. "Das war aber ein Schöner", sagt Jari-Matti nach diesem Riesen-Hyppi. Es gibt leider kein Foto vom Flug des Phoenix. Die Fotografin wird sich später entschuldigen. Wir sind ihr aus dem Bild gesprungen: "Ihr wart so viel schneller und höher als alle anderen."

Viel zu bald ist es vorbei. Ich hätte noch Stunden so weitermachen können, von mir aus wären wir so direkt über den kompletten Apennin gedüst, dem Sonnenuntergang entgegen zu einem Cappuccino in Florenz. Stattdessen: Ziel. Anhalten. Am Morgen ist Latvala mit Aufschrieb Bestzeit in 4.44 Minuten gefahren. Jetzt waren es 4.36. Niemand wird diese Zeit unterbieten.

Jari-Matti lehnt sich rüber: "Jetzt kann ich’s dir ja sagen: Die Kuppe habe ich voll genommen." Das heißt: sechste Welle, Tempo 170, wie auf der berühmtesten Sprungkuppe der Rallye-Welt im finnischen Ouninpohja. Nur ist da die Landebahn doppelt so breit. Der Mann links muss lachen: "Jetzt hast du auf nur einer Prüfung einen schönen Eindruck bekommen, wie das Beifahrerleben so aussieht, mit allen Höhen und Tiefen."

Einen Kilometer später wartet das Team mit Scheibenwaschwasser und Getränken. Jari-Matti steigt aus und sagt: "Also, ich hatte Spaß." Stier schält sich aus dem Polo und wirft einen sehnsüchtigen Blick zurück auf den heißen Stuhl. Im Fußraum schimmert es neben dem knallroten Feuerlöscher hellgrau. Ach guck mal, da ist die verlorene Bordkarte.

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