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Andreas Mikkelsen im Porträt

Der Märchenprinz

Rallye Spanien 2015 Siegerpodium Mikkelsen Foto: VW

Die Welt ist so ungerecht. Da sieht dieser Typ nicht nur unverschämt gut aus, er fährt auch spitzenmäßig Ski und Motorrad, hat dazu einen reichen Vater und eine bildhübsche Freundin, und seit Ende Oktober ist der Norweger Andreas Mikkelsen auch noch ein Weltklasse-Rallye-Fahrer.

18.12.2015 Markus Stier Powered by

Diese Geschichte war lange fällig, aber er hat die Welt zappeln lassen. Nach drei dritten Plätzen zum Saisonauftakt flog Andreas Mikkelsen in Argentinien von der Straße. Sein Sportchef hatte zum Angriff ermuntert und stellte sich schützend vor seinen Bruchpiloten: "Wie man Dritter wird, weiß er ja längst", sagte Jost Capito trocken. Als sein Schützling den dritten Werks-Polo in Finnland hochkant in den Wald stellte, sagte der VW-Motorsportdirektor grinsend: "Er lässt mich warten."

Da kamen sie wieder, die Zweifel. Ein Jahrzehnt diskutiert die Rallye-Gemeinde, ob dieser Norweger nicht völlig überschätzt ist. Zu bilderbuchmäßig lief das alles ab, zu schön, um wahr zu sein, ist die Geschichte von diesem hoch aufgeschossenen Blondschopf, dessen Vater mit dem Verkauf eines Spirituosen-Imperiums in Skandinavien reich geworden war. Der Junior besuchte ein Sportgymnasium und war noch nicht einmal alle Milchzähne los, da war er schon Mitglied in zwei Nationalmannschaften - mit Skifahren und Motocross war aber Schluss, als die Knie streikten.

Vater Steinar setzte den Filius auf einem zugefrorenen See in ein Rallye-Auto. Mit 16 war der Teenager bereits schneller als der norwegische Meister Thomas Schie. Henning Solberg, älterer Bruder des Weltmeisters Petter und selbst eine etablierte Rallye-Größe, lud seinen Beifahrer Ola Floene zu einem Test. Als er seinen Co ermunterte, sich neben diesen Milchbubi zu setzen, rief der: "Willst du mich umbringen?" Wild und furchtlos war der Youngster, der dank Papas Millionen gleich ganz oben in den Sport einstieg. Mit einem Ford Focus WRC tobte er als 17-Jähriger über irische Buckelstraßen, zerstörte bei seinem neunten WM-Lauf in Wales ein nagelneues Auto an einem Felsen. Schon da schieden sich die Geister: Verdient jemand solche Chancen, wo sich andere mühsam hochdienen?

Mikkelsen sorgt als Jungspund für Furore

Aber dieser Jüngling lieferte auch Resultate und einen Rekord nach dem anderen: jüngster Sieger einer britischen Rallye, jüngster Sieger eines norwegischen Meisterschaftslaufs, jüngster Fahrer, der bei einem WM-Lauf in die Punkte fuhr. Als Norwegen erstmals einen WM-Lauf zugesprochen bekam, unterschrieb Premierminister Jens Stoltenberg eine Sondergenehmigung, um Mikkelsen starten zu lassen. Auf den Verbindungsetappen musste oft noch Floene fahren, auf den Prüfungen fuhr der Jungspund mit 17 in die Top Ten der Weltspitze. Als der 22-jährige Jari-Matti Latvala 2008 in Schweden als jüngster WM-Laufsieger aller Zeiten für Furore sorgte, ging unter, dass der erst 17-jährige Mikkelsen auf Rang fünf gefahren war. Der gerade erst zurückgetretene Doppelweltmeister Marcus Grönholm erklärte sich zu seinem Mentor.

Aber es war nicht alles golden oder rosarot. 2008 kam die Finanzkrise, und das Ende der WRC-Generation mit Zweilitermotoren war Ende 2010 absehbar. Steinar Mikkelsen verkaufte die beiden Ford Focus, solange sie noch etwas wert waren, und erklärte seinem Sohnemann, es sei Zeit, erwachsen zu werden.

Der sollte sich fortan selbst um Sponsorengelder kümmern. Der Papa versprach, zu der rangeschafften Summe das Gleiche obendrauf zu packen. Als der Filius merkte, dass der alte Herr Ernst machte, war es für eine dritte WM-Saison zu spät. Das Geld reichte gerade mal für den norwegischen Subaru-Markenpokal, den Mikkelsen gnadenlos aufmischte.

Ernst des Lebens

Es war kein spaßiges Jahr. Der von Erwachsenen so gern heraufbeschworene Ernst des Lebens brach sich mit harter Gewalt Bahn. Es kommt nicht oft vor, dass ein erst 20-Jähriger den Tod eines Menschen verantworten muss. Bei der Larvik-Rallye flog Mikkelsen von der Straße. Wo niemand hätte sein sollen, stand ein zehnjähriges Mädchen, das noch an der Unfallstelle starb. Die Mutter meldete sich und beschwor ihn, er solle sich bloß nicht einfallen lassen, jetzt aufzuhören. Zur Erinnerung und zur Mahnung fährt die kleine Denise seitdem immer mit - ihr Name steht auf der Rückseite seines Helms.

Der Titel eines norwegischen Gruppe-N-Meisters ist indes nicht die Visitenkarte, die Sportchefs hastig zur Unterschrift von Werksverträgen nötigt. Mikkelsen schlug sich mit Gelegenheitsfahrten durch. Ein zweiter Platz beim Finale der Intercontinental Rally Challenge in Schottland öffnete die Türen zum Skoda Fabia S2000 des britischen Skoda-Importeurs. Mikkelsen dankte das Vertrauen 2011 und 2012 mit dem IRC-Titel.

Als VW 2012 für den WRC-Einstieg übte und mangels homologiertem World Rally Car eine komplette Saison mit Skoda Fabia in der zweiten WM-Liga bestritt, durfte sich neben anderen Talenten auch Andreas Mikkelsen probieren. Der war zuweilen schneller als der spätere Weltmeister Sébastien Ogier - und erhielt einen VW-Werksvertrag.

Mikkelsens bester Kumpel ist Thierry Neuville

In der ersten Saison neben Ogier und Latvala, den zwei besten Fahrern der Welt, holte er zwar siebenmal Punkte und wurde WM-Zehnter, aber die Kritiker meldeten sich wieder. Müsste man mit dem besten Auto im Feld und diesen Möglichkeiten im besten Team der Branche nicht zumindest mal aufs Podium fahren? Und müsste er nicht zumindest ab und zu die Teamkollegen schlagen?

Die Kritiker verwiesen auf Thierry Neuville, Mikkelsens besten Kumpel aus IRC-Tagen und Shootingstar bei Citroën, bei M-Sport-Ford und schließlich bei Hyundai, wo man ihn zur Nummer eins machte. Man wohnt jetzt Tür an Tür in Monte Carlo. Als Neuville 2014 in Deutschland seinen ersten WM-Sieg feierte, sprang ein Lulatsch in weißem Fahreranzug aufgeregt auf den ins Ziel rollenden Hyundai zu. Es war Mikkelsen, der sich unbändig für seinen Kollegen freute, der doch eigentlich sein Rivale sein müsste.

Nicht immer auf dem technischen Stand der Teamkollegen

So schnell dreht sich der Wind. Neuville hat eine schwere Saison hinter sich und wurde beim Kampf um Platz zwei in der Marken-WM beim Finale in Wales nicht nominiert, Mikkelsen dagegen ist jetzt ein gefeierter Mann, denn er hat es endlich geschafft: Dreimal war er 2014 schon Zweiter, aber immer war am Ende ein Teamkollege vor ihm. Nicht dieses Mal in Spanien.

Eigentlich hatte Sébastien Ogier mit einer knappen Minute Vorsprung schon gewonnen. Mikkelsen kämpfte mit Latvala um Platz zwei, was bereits eine Herkulesaufgabe ist, denn der Finne gewann auf korsischem Asphalt und ist ein echtes Asphalt-Ass. Im VW-Team weist man gern darauf hin, dass man sich vom Sonnyboy-Lächeln des Andreas Mikkelsen nicht täuschen lassen soll. Der Norweger gilt als harter Arbeiter und echter Profi. Die ganz große Wildheit am Lenkrad hat ihm schon Marcus Grönholm ausgeredet, aber auf Asphalt sah Mikkelsen immer noch Defizite. Er meldete sich beim englischen Rundstreckenspezialisten Rob Wilson an.

Die Früchte der Arbeit erntete der Youngster auf diesen letzten zwölf Kilometern in Duesaigües, in die er mit 1,4 Sekunden Vorsprung ging, den heißen Atem des heranstürmenden Latvala im Nacken. Den ersten Tag auf Schotter hatte Mikkelsen verwachst. Es fiel schwer, sich nach dem geteerten Labyrinth der korsischen Insel auf die Staubpfade Kataloniens umzustellen. Für Ogier und Latvala waren 2015 je 22 Testtage vorgesehen, Mikkelsen musste sich mit der Hälfte begnügen.

Das überarbeitete Auto, das die Teamkollegen zu Saisonbeginn bekamen, erhielt er erst beim fünften Lauf in Portugal. Und auch zum Saisonende war der dritte VW-Polo in Sachen Fahrwerk und Differenzialen nicht immer auf dem Stand der beiden Topautos. Eine Topausrede, die Mikkelsen nie über die Lippen kam.

Erster Sieg in Spanien

Als Latvala in Spanien zwei Plattfüße eingefahren hatte und es knapp wurde, saß Mikkelsen mit seinem Ingenieur Richard Browne zusammen. "Was ist dein Plan?", fragte der Ire. "Der Plan ist, den Finnen in den Arsch zu treten", verkündete sein Fahrer feierlich. Browne gab die Ansage brühwarm an Latvalas Ingenieur weiter, und vor der nächsten Prüfung stand der Finne grinsend vor dem Norweger und raunte ihm zu: "Ich kenne deinen Plan."

Die beiden Nordmänner verstehen sich außerhalb ihrer Rennautos prächtig. Wie bei Latvala ist es ausgesprochen schwer, mit Mikkelsen Krach zu kriegen. Geschenke gibt es aber deshalb lange nicht. Latvala fuhr zum Schluss eine Bombenzeit, aber Mikkelsen war noch einmal um 1,7 Sekunden schneller.

Er öffnete an der Zeitkontrolle die Tür, um zu erfahren, ob er Zweiter oder Dritter wäre. Als Radioreporter Julian Porter durchgab, Ogier sei in die Leitplanke gekracht und draußen, konnte der Norweger es nicht glauben. Zweimal fragte er: "Sicher?"

"So wollte ich eigentlich nicht gewinnen", sagte er, aber dann kam er zu dem Schluss: "Ich habe das verdient." Denn es gab da dieses Wochenende in Schweden, wo er gegen Ogier in einem Kopf-an-Kopf-Rennen um den Sieg kämpfte und eigentlich schon gewonnen hatte, aber das wusste er nicht, denn seit dieser Saison bekommen die Fahrer keine Zwischenzeiten mehr ins Cockpit gesendet. Am Ende steckte Mikkelsen in einer Schneewehe. Ogier hat die Bedrohung durch den jungen Norweger erkannt und tanzte auf der Motorhaube, als hätte er gerade den Titel gewonnen. Als der Weltmeister in Spanien benommen auf der Leitplanke sitzt, ist Mikkelsens erster Satz: "Es tut mir leid für Sébastien."

Das gute Omen

Manager Erik Veiby und Physiotrainer Roy Snellingen sind schon am Flughafen und drehen wieder um. Die ganze Familie ist da. Mikkelsens Mutter Petra, Stiefmutter Lena, die zwei Neffen und Freundin Marghrite. Sie ist noch ziemlich mager nach der Chemotherapie. Im Vorjahr wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert. Sie hat eine Chemotherapie und eine Knochenmarkstransplantation hinter sich. Andreas schnitt ihr im Winter eigenhändig die seit jeher hüftlangen Haare ab, damit es nicht so deprimierend würde, die lange Pracht langsam ausfallen zu sehen.

Erst an dem Sonntagmorgen in Spanien hatte sie das Selbstvertrauen, die Baseballmütze abzunehmen und den brünetten Kurzhaarschnitt zu zeigen. Es war ein gutes Omen. Ihr Freund fuhr die erste Asphaltprüfung seines Lebens und ist nun angekommen im erlauchten Kreis der WM-Lauf-Sieger.

Steinar Mikkelsen steht milde lächelnd unter einem Sonnenschirm. Es waren nicht drei, sondern am Ende zehn Jahre, bis der Plan aufging. Auch er ist jetzt irgendwie am Ziel. Nicht schlecht für ein verwöhntes Kind, oder? Vater Mikkelsen hebt den Zeigefinger: "Verwöhnt, was seine Möglichkeiten anging - aber Andreas hat sich noch nie wie ein verwöhntes Kind benommen."

STECKBRIEF

Name Andreas Mikkelsen

Geburtsort Oslo

Geburtstag 22.6.1989

Beruf Rallye-Profi

Ab dem elften Lebensjahr auf dem NTG-Sportgymnasium, wird er in die Motocross-Nationalmannschaft und ins alpine Skiteam berufen. Bei der Junioren-WM belegt er Rang drei. Nach einer Knieverletzung wird Mikkelsen mit 16 Rallye-Profi, seit 2013 ist er VW-Werksfahrer in der WM.

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