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Rallye Sardinien 2015

Ogier gewinnt turbulentes Wochenende

Sébastien Ogier - VW - Rallye Sardinien - WRC Foto: xpb 17 Bilder

Beim längsten WM-Lauf des Jahres auf Sardinien behielt VW-Werksfahrer Sébastien Ogier die Nerven und die Kontrolle. Mann der Rallye Sardinien war aber ein Neuseeländer im Hyundai.

15.06.2015 Markus Stier

Urlauber schwärmen nach dem Besuch der Mittelmeer-Insel Sardinien gern vom smaragdfarbenen Meer, Rallyefahrer haben nach dem Besuch gern Albträume von Steinen. Die kommen als gewachsener Fels, als Bruchsteinmauer und als loses Geröll in einer Häufigkeit vor, die im WM-Kalender ihresgleichen sucht. "Manchmal brauchte ich gar keinen Aufschrieb vorlesen. Es ging ausschließlich darum, den Steinbrocken auf der Strecke auszuweichen, die überall herumlagen", klagte Mikko Markkula, Beifahrer des Siegers Teemu Suninen in der Junioren-Kategorie.

Latvala erleidet Aufhängungsbruch an seinem VW

Das galt auch für VW-Werksfahrer Andreas Mikkelsen, der gleich zwei Mal nach Steintreffer einen Stoßdämpfer himmelte und damit nur 36. von 41 Angekommenen wurde. VW-Kollege Jari-Matti Latvala kassierte einen Reifenschaden am Freitag, einen am Samstag und einen Aufhängungsbruch. "Ein großer Stein lag hinter einer Kuppe mitten auf der Straße. Ich konnte ihn noch in die Mitte nehmen und mit dem Unterbodenschutz drüberfahren, aber dann wurde er gegen die linke Hinterradaufhängung gewirbelt", sagte der Unglücksrabe. Dass der Finne dennoch Sechster wurde, verdankt er seinen Fähigkeiten als Mechaniker und dem Umstand, dass andere ähnlich übel dran waren.

So rettete sich Mads Östberg im Citroën DS3 nur rund 16 Sekunden vor Latvala ins Ziel, obwohl er als Dritter mit viereinhalb Minuten Vorsprung auf den Nordmann in die letzte Etappe gegangen war. Doch irritiert von einem herausgerutschten Ohrhörer kam der Norweger von der Piste ab und ruinierte sich die rechte Hinterradaufhängung und die Bremse. Mit Ach und Krach schleppte er sich als Fünfter ins Ziel. Teamkollege Kris Meeke war schon am Freitagmorgen kein Kandidat mehr für höhere Aufgaben. Er überschlug sich und wurde dank Strafzeit für die nicht beendete Etappe nur auf Rang 24 geführt.

Evans Vierter im Ford

Ebenfalls schon am Freitag amputierte sich Dani Sordo ein Rad am Hyundai i20 und damit jede Hoffnung auf etwas Besseres als Platz 20. Schon vorher wähnte sich Elfyn Evans im Ford im Pech, weil eine Antriebswelle am Fiesta abriss. Doch wenigstens danach blieb der Waliser von weiterem Unbill verschont und ließ sich zur eigenen Überraschung bis auf Platz vier nach vorn spülen. Teamkollege Ott Tänak zeigte als zeitweilig Dritter, dass der neue Motor im Ford des M-Sport-Teams ein echter Fortschritt ist, doch dann erschütterte ein Steintreffer am Unterboden das Getriebegehäuse. Die Schaltbox steckte im sechsten Gang fest, und eine der Anhöhen auf dem Weg zum Etappenziel war zu steil. Das Resultat: Platz 16.

Mit dem Unterboden nahm auch Martin Prokop einen Stein mit. Als Folge streikte die Ölpumpe. Statt dem üblichen Privatfahrer-Sieg war dieses Mal frühzeitig Feierabend. Ausnahmsweise nicht gestrandet war Robert Kubica. Der frühere Formel-1-Pilot schmiss seinen Ford zwar in gewohnter Manier von der Straße, arbeitete sich aber anschließend immerhin noch zu zwei WM-Punkten auf Rang neun nach vorn.

Am Hyundai von Thierry Neuville riss am Freitag  der Turbo-Schlauch ab. Der Belgier verlor eine Minute, konnte aber das Problem mit Beifahrer Nicolas Gilsoul selbst beheben und fand anschließend nach langer Zeit wieder in seinen Rhythmus, der ihn am Ende noch als Dritten aufs Podium brachte. Neuville war ob der Überraschung so durch den Wind, dass er zunächst die Pressekonferenz vergaß, auf der die ersten Drei zu erscheinen haben.

Fahrer und Teams beklagen sich

Rhythmus, oder vielmehr dessen Unterbrechung war eines der großen Themen des Wochenendes. Der Veranstalter hatte stolz verkündet, mit knapp 400 Kilometern Wertungsprüfungen und 1.500 Gesamtkilometern eine echte Ausdauerprüfung für Mensch und Maschine kreiert zu haben. Bei den Aktiven stieß er damit auf völliges Unverständnis. Etappen von bis zu 18 Stunden Länge, Pressekonferenzen für die Topfahrer gegen 22:30 Uhr und letzter Service um Mitternacht kosteten vor allem Schlaf. "Ich sehe nicht ein, was es bringen soll, wenn die Fahrer am Tag 500 Kilometer Verbindungsetappen abspulen", schimpfte VW-Sportchef Jost Capito im Ziel. Khalid al Qassimi, Werksfahrer bei Citroën schüttelte stellvertretend für die Kollegen den Kopf: "Du musst aufpassen, dass du nicht einschläfst."

Ebenfalls Grund zum Brüsten glaubten die Organisatoren bei der Streckenwahl gefunden zu haben. 80 Prozent waren neu. Zum Leidwesen der Piloten bestand die Mehrzahl aus schmalen Schotterpfaden mit enorm vielen Kurven und spürbar geringerem Durchschnittstempo als früher. Schwerstarbeit für die Beifahrer, die sich den Mund fusselig reden mussten. "Das war schon mal ein gutes Training für das Heavy-Metal-Festival am nächsten Wochenende", sagte Sébastien Ogiers Vorleser Julien Ingrassia zu seinem Stimmbandtraining.

"So was muss es auch geben. Es kann nicht immer nur auf glatten, breiten Pisten dahingehen", fand dagegen WRC2-Weltmeister Nasser al Attiyah. Doch auch der Katari wurde Opfer der Umstände. Mit weichen Reifen in den Freitagnachmittag gestartet, rodelte er haltlos ohne Profil seitlich gegen einen Fels. Nach Dakar-Sieg, zuletzt zwei WRC2-Erfolgen und diversen weiteren Siegen beim Marathon-Weltcup und der Rallyemeisterschaft des Mittleren Ostens riss die Erfolgsserie des Arabers nach neun Siegen. Er musste sich mit Platz fünf in der zweiten Liga bescheiden.

Damit war er immer noch besser bedient als Armin Kremer. Der Deutsche im Baumschlager-Fabia ging auf der ersten Etappe das Tempo von Skoda-Werksfahrer Jan Kopeky mit, aber ein Stoßdämpferproblem ließ ihn mit stumpfen Waffen kämpfen. Kremer kam auf dem achtbaren 13. Gesamtrang ins Ziel, in der zweiten WM-Liga musste er sich aber mit Rang sechs begnügen.

Ogier kommt ohne Probleme durch

Aber auch die Skoda-Werksfahrer übten sich in Demut. Kopecky war gegen die deutlich robusteren Regional Rally Cars in seiner Klasse chancenlos und wurde hinter Lokalmatador Paolo Andreucci im Peugeot 208 R5 Dritter, Teamkollege Esapekka Lappi verlor am Freitag viel Zeit wegen – na was wohl? Felsen. Der Finne räumte gleich einige davon auf die Fahrbahn, weshalb die folgenden Kollegen fälschlich behaupteten, der Finne habe eine Mauer niedergerissen. In den Defektwirren des sardischen Wochenendes feierte der Ukrainer Yuri Protassov im Ford Fiesta RRC seinen ersten WM-Erfolg.

Wo wir von Erfolg reden: Der einzige Fahrer, der an diesem Wochenende kein einziges Problem hatte, war der Weltmeister. Sébastien Ogier verkniff sich dieses Mal lautes Klagen über seine erste Startposition. Ogier setzte trotz der üblen Pisten häufig auf weiche Reifen, die bieten mehr Grip, halten aber weniger lang. Das macht dem Franzosen allerdings weniger aus. Er gilt als Reifenflüsterer. Ogier hielt immer Anschluss zur Spitze und wartete auf Fehler der anderen.

Erst am Samstagnachmittag übernahm er die Führung. Eine kleine Machtdemonstration konnte er sich trotz großem Polster am Sonntag nicht verkneifen: Obwohl die Teamkollegen Latvala und Mikkelsen alles unternahmen, um die abschließende Powerstage zu gewinnen, schnappte ihnen Ogier mit einer Fabelbestzeit die drei Extrazähler weg, womit er nun sein Konto auf 133 Punkte ausgebaut hat. Zum Vergleich: Der Tabellenzweite Mads Östberg hat mit 67 Zählern nur halb so viel auf dem Konto.

Paddon mit starker Leistung - aber einem Dreher

Trotz seiner überragenden Leistung war Ogier nicht der Mann des Wochenendes. Der ist 28 Jahre alt, hat erst 39 WM-Starts auf dem Buckel und ist erst seit einem Jahr Werksfahrer: Hayden Paddon. Der Neuseeländer bekam für den dritten Werks-Hyundai erstmals die Lenkradwippenschaltung spendiert, über die seine Kollegen schon verfügen und fühlte sich davon so beflügelt, dass er am Freitag früh die Führung übernahm und bis zum Samstagnachmittag hielt. Hilfreich war die elfte Startposition, wo die Topkollegen in der WM noch losen Schotter wegräumen mussten, fand der Kiwi eine geräumte Piste vor, doch alle waren sich einig, dass Paddon eine überragende Leistung abgeliefert hatte. "Er hat den Platz auf dem Podium wahrlich verdient", streute Sieger Ogier Rosen. 

Erst ein Dreher am Samstagnachmittag, der 20 Sekunden kostete, vertrieb Paddon von der Spitze. Dann schlug ein Stein vor den Unterboden und beschädigte die Getriebehalterung. Ein gerissener Auspuffkrümmer sorgte am Ende noch für Zittern. Der Motorraum überhitzte. "Das hatten wir schon mal. Ich habe nicht geglaubt, dass wir das Ziel erreichen“, gestand Paddon, der mit seinem ersten Podiums-Besuch mithalf den 14. Juni fortan zu einem neuseeländischen Feiertag zu machen. Denn 1.300 Kilometer nordwestlich gewann an diesem Sonntag mit Earl Bamber im Porsche ein Kiwi das 24-Stundenrennen in Le Mans.

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