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Rallye Zypern

Die etwas andere Stadtrundfahrt

Foto: McKlein 44 Bilder

Wenn das Volk nicht zur Rallye kommt, kommt die Rallye zum Volk. Eine Wertungsprüfung mitten in der Altstadt von Limassol erregte beim WM-Lauf in Zypern die Gemüter und sorgte für ein herrliches Spektakel.

28.09.2006 Markus Stier

Es ist kurz vor halb eins und die Sonne brennt den rund 2.000 Fans am engsten Kreisverkehr von Limassol schon seit einer Stunde aufs Hirn, da hält der Vorauswagen vor der extra aufgebauten Tribüne. Der Fahrer springt raus, rennt auf die eisernen Absperrgitter am Außenrand zu und versucht die in Sechserreihen dicht gedrängten Zyprioten zu vertreiben.

Natürlich spricht er für gewöhnliche Mitteleuropäer unverständliches Griechisch. Aber Lautstärke und Gestik seines Vortrags lassen nur einen Schluss zu: Ein Meteorit rast auf die Erde zu und wird in eineinhalb Minuten just an diesem Kreisverkehr in der zweitgrößten Metropole Zyperns ein gewaltiges Loch in den Planeten reißen und uns alle zu Klümpchen schmelzen lassen, wenn wir nicht mindestens drei Meter zurückweichen.

Das mit dem großen Steinbrocken ist vermutlich etwas übertrieben, tatsächlich aber ist die Panik des Fahrers allzu berechtigt, denn in Form von Jacek Bartos kommt tatsächlich eine Katastrophe auf die wartende Menge zu. Bartos ist Sicherheitsbeauftragter der FIA, und wenn der zehn Minuten vor dem größten Spektakel, das Limassol seit dem Abzug der Kreuzritter im 14. Jahrhundert zu erwarten hat seine Digitalkamera zückt, heißt das nichts Gutes. Die Leute stehen zu nah an der Strecke, die dünnen Gitterchen sind nicht einmal verankert. Wenn hier einer abfliegt, matscht er mindestens ein Dutzend Menschen an die nächste Hauswand.

Es droht der Abbruch

Den Fans ist es noch nicht klar, ganz sicher auch nicht den Millionen, die an diesem Sonntagnachmittag den Braten verschieben, um diesem Ereignis im Fernsehen live beizuwohnen, doch der versierte Rallye-Besuchter weiß: Es droht der Abbruch. Ein Desaster, das nicht nur den - möglicherweise gewalttätigen - Unmut der Wartenden zur Folge hätte, sondern auch eine peinliche Blamage. Soll man im Fernsehen vielleicht als Ersatz eine Zusammenfassung des Grand Prix d-Eurovision zeigen?

Doch noch bevor sich die Befürchtungen der vor Ort weilenden Insider aufs Publikum übertragen, geht es doch los. Bartos hat die Prüfung zwar neutralisiert, aber gleichzeitig die Fahrer aufgefordert, eine ordentliche Show zu bieten. Und was für eine Show das werden sollte.

Als erstes kommt Luis Perez Companc, ein nicht allzu begabter, aber dafür stinkreicher Rinderbaron aus Argentinien. Der weiß zwar nicht, wie man einen Loeb oder Grönholm schlägt, aber an der Schnur gezogen mit heraushängendem Heck an den Eisengittern entlang zu schrubben, das hat er drauf. Vielleicht ein halber Meter fehlen zwischen dem linken hinteren Blinker des Focus und den Fußspitzen der ersten Zuschauerreihe. Nachdem Companc durch ist, sind die Fans für die Aufforderung, etwas zurückzuweichen plötzlich deutlich empfänglicher.

Jeder Fahrer muss zwei Runden absolvieren, und als Companc beim zweiten Durchgang am Anschlag um den ummauerten Baum in der Mitte des Kreisverkehrs zirkelt und gleichzeitig mit der Linken aus dem Fenster winkt, geht ein Raunen über die Tribüne. Besonders der gemeine zypriotische Macho weiß eine solche Leistung zu schätzen, kämpft er doch selbst täglich tiefer, breiter, härter und lauter mit seinem bespoilerten Mitsubishi Lancer auf den gleichen Straßen um die Rangherrschaft im Rudel.

Die Sicherheitskräfte haben nun wenig Mühe, die Fans zur Räson zu bringen. Die tragen ihre Eisengitter sogar freiwillig einen Meter zurück. Als Nächstes kommt Matthew Wilson, der ebenso schön driftet, aber zusätzlich die Umstehenden mit einer ekligen Mischung aus Gummibröckchen und Staub eindeckt. Auf der Tribüne zeigen 1.000 Arme in seine Richtung. Ganz Zypern muss sich rechtzeitig vor diesem Sonntag mit Digitalkameras eingedeckt haben. Das Volk ist begeistert.

Eine Spur aus Rotz und Wasser

Doch dann geht es erst richtig los. RTL-Experte Armin Schwarz, der auf der Verkehrsinsel in der Mitte des Kreisels weilt, rät seinem Kamerateam, lieber eine Schritt zurückzutreten, ihm ist der Standpunkt nicht ganz geheuer, und er soll Recht behalten. Dani Sordo kommt als Dritter, oder besser gesagt, hätte als Dritter kommen sollen, denn am Ende des Kreisverkehrs kommt der Spanier nie an, weil er seinen Citroën nämlich beim Einbiegen in denselben ungespitzt in die Mauer gerammt hat, die vor den Füßen der RTLer zusammenbröckelt. Sordo steigt unter dem tosenden Jubel der Masse aus und fällt schluchzend seiner Mutter in die Arme, die ganz vorn im Publikum weilt. 20 Zyprioten haben den Moment der Verwirrung genutzt, sind über die Absprerrung gehechtet, um ebenfalls auf die Verkehrsinsel zu gelangen. Von dort lässt sich das Wrack viel besser mit dem Handy fotografieren.

Es dauert eine Viertelstunde, bis das Sordo-Wrack und das Wrack Sordo (Noch Stunden später zieht der Junior eine Spur aus Rotz und Wasser hinter sich her.) verladen sind. In der Hoffnung, weitere Katastrophen auf den Kamerachip zu bannen, streben einige waghalsige Jugendliche nach besserer Aussicht. Sie erklimmen ein Vordach und entern zwei Privatbalkone im ersten Stock eines Wohnhauses. Die Bewohner sind offensichtlich verreist oder liegen verängstigt unter ihren Betten.

Wer seinen Standort nicht verlagert, vertreibt sich die Zeit mit der Suche anderer Bildmotive. Drei junge Einheimische mit australischen Strohhüten, auf denen "Der beste Schutz gegen Hautkrebs“ steht, sind schwer beschäftigt, eine blonde Schöne in den Focus zu bekommen, der offenbar das Bikini-Oberteil unter dem bauchfreien T-Shirt verrutscht ist.

Danach geht es weiter. Henning Solberg erntet viel Applaus, weil er im Kreisverkehr zur Gaudi extra noch die Handbremse zieht. Zuvor hat er auf der Promenadenstraße mit seinem Peugeot einen Donut gedreht. Zur Belohnung für sein Kunststück bekommt er nach der Rallye einen Schoko-Donut geschenkt und eine Bewährungsstrafe der FIA. Wenn sich der Norweger bis Ende 2007 noch einmal derlei Undiszipliniertheiten leistet, kann er drei Rallyes lang seine Kringel beim Schlittschuhlaufen drehen. Das Vorbeidriften an ungesichterten Menschenmassen ist zwar kein Vergehen, das Pirouetten-Drehen auf breiten Avenuen dagegen schon.

Volksaufstand am Kreisverkehr

Zurück zum Geschehen. Die drei Jungs mit den Aussie-Hüten sind ungehalten, weil die zwei Dutzend unrechtmäßig auf der Verkehrsinsel lungernden Sensationsgierigen ihnen die Sicht auf mögliche weitere Anbremskatastrophen versperren. Sofort brechen sie in ihrer Ecke lauthals einen Volksaufstand vom Zaun, dessen Ziel die Vertreibung der Sichthindernisse ist. Die Streckenposten drängen die Leute auf dem Rondell zwei Meter zurück, doch dann kommt Toni Gardemeister, und der schmirgelt so gekonnt um die Ecke, dass alle entzückt sind und die 20 Vertriebenen ihre ursprünglichen Plätze wieder eingenommen haben.

Sofort geht das Geschrei wieder los, und schließlich kommt ein groß gewachsener Polizeibeamter mit strahlend weißer Mütze, um dem Gesetz zu seinem Recht zu verhelfen. Ruckzuck weicht die Masse zurück. Vermutlich steht auf Widerstand gegen die Staatsgewalt ein Jahr Knast mit 24-stündiger Berieselung mit griechischer Schlagermusik. Wer würde da nicht wie Espenlaub zittern. Nur einer wagt, sich auf eine Diskussion mit der Ordnungsmacht einzulassen, doch die kommt ins Stocken, weil jetzt Manfred Stohl kommt, des es richtig krachen lässt. Der Polizist stellt fest, dass er von seinem Standpunkt aus einen hervorragenden Blick auf die Strecke hat und stellt alle weiteren Diensthandlungen ein.

Diskussion über Körbchengrößen und Spagettiträger

Die vertriebenen Zuschauer nehmen ihre verbotenen Plätze wieder ein, doch diesmal bleibt der Volksaufstand aus, denn die drei Rädelsführer haben realisiert, dass die zuvor gefilmte Blondine sich angesichts der Mittagshitze nun komplett ihres T-Shirts erledigt hat. In der Diskussion über Sinn und Unsinn von Spagettiträgern und Körbchengrößen geht etwas unter, dass Mikko Hirvonen eher unspektakulär um die Ecke kommt.

Aufsehen erregend ist erst wieder der Moment, wo hinter den ersten Reihen eine junge Frau wegen der Hitze aus den Flipflops kippt. Ihre Freundin hält die Beine der Kreislaufgeschwächten hoch, ein halbes Dutzend Kerle stehen drum herum und beschimpfen sich fünf Minuten aufs Wüsteste. Der ignorante Europäer mag das für dummes Imponiergehabe und die kindische Suche nach einem Schuldigen halten, tatsächlich handelt es sich aber um ein anerkanntes Heilverfahren, bei dem der Organismus der Patientin die Grenze zur Bewusstlosigkeit dank rasch aufkommender Genervtheit über den Krach und die Dummheit der Männer schnell wieder verlässt.

Die Frau steht auf, und geht mit ihrer Freundin nach Hause. Durch den Tumult haben wir Marcus Grönholm verpasst, aber der fuhr eh nur ganz verhalten. Den 500 Leuten auf der Tribüne ist das egal. Nur ein abgeschossenes Rallye-Auto ist ein gutes Rallyeauto, also werden auch die langsamen Boliden eifrig fotografiert.

Jagd nach Bikini-Füllungen

Die Strohhutgang hat mit der Rallye nicht mehr viel am Hut. Auf der anderen Seite des Kreisverkehrs hat sie ein rotes Bikini-Oberteil mit deutlich prallerer Füllung entdeckt. Nun herrscht Uneinigkeit, ob sich der Zoom der Kamera irgendwie noch tunen lässt.

Dann kommt Sébastien Loeb, und wer sich bis zu dieser Minute fragte, warum der klein gewachsene Elsässer der größte Gigant in diesem Sport ist, bekommt spätestens in der Altstadt von Limassol die Antwort. Loeb macht richtig Dampf ohne aber den Showteil mit ordentlichem Gequietsche zu vernachlässigen. Das Tempo, dass er für angemessen sicher hält, reicht immer noch bequem zur Bestzeit. Der Streckensprecher verkündet die Zeit, und der Mob tobt.

Jetzt kommen nur noch die langsamen Hinterbänkler und die Reihen lichten sich langsam. Die Zyprioten gehen in die Wahlbüros. Zum ersten Mal seit 29 Jahren wählt das Volk einen neuen Erzbischof für die unabhängige orthodoxe Kirche. Die Kirche hat versucht, das Spektakel in der Altstadt mit Blick auf das bedeutende Ereignis zu verhindern, doch die Regierung sprach ein Machtwort. Zu wichtig ist die Rallye für das kleine Zypern.

Für den Verbleib im Kalender war die Stadtprüfung kein Erfolg. Es war zu eng, es waren viel zu viele Leute und natürlich war es viel zu heiß und zu gefährlich. Aber toll war es trotzdem. Auch ich würde extra nach Zypern zurückkehren, um einen Tag an diesem Kreisverkehr zu verbringen. Vorher muss ich mir aber unbedingt eine gute Digitalkamera mit leistungsfähigem Zoom besorgen.

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