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Rallye-Legende

Das Rallye-Leben des Walter Röhrl

Foto: McKlein

Am siebten März 1947 kam im tiefen Bayern ein Bub die Welt, der dieselbe nachhaltig in Staunen versetzen sollte. Einer der größten Motorsportler aller Zeiten feierte 2007 seinen 60. Geburtstag. Wir zurück.

07.03.2007 Markus Stier

Als Pressechef Herbert Völker die ersten Ergebnisse der Zeitnahme bei der Olympia-Rallye zu sehen bekam, strich er kurzerhand den Erstplatzierten. Wir schrieben das Jahr 1972, von einem Walter Röhrl hatte er noch nie gehört, und der Ford Capri galt in Rallye-Kreisen als ziemliche Gurke. Doch die Zeiten stimmten. Röhrl schied zwar in Führung liegend mit Motorschaden aus, aber mit einem Schlag wussten die Herren Mikkola, Andersson oder Nicolas schon, dass sie sich diesen Namen zu merken hatten. Und auch die Rallye-Diaspora Deutschland stellte mit Erstaunen fest, dass sie plötzlich einen hatte, der Weltklasse war, und das hatte der draufgängerische Neuling auch bald begriffen.

Röhrl: "Euch gebe ich zehn Minuten"

Eitel war er schon, der Herr Röhrl. Wer sich Frisur, Sonnenbrille und Klamotten der frühen 70er anschaut, hat da vielleicht seine Zweifel, aber Röhrls Eitelkeit begann eben erst hinter dem Lenkrad. Es war enorm wichtig, der Schnellste zu sein. Und es war ebenso wichtig, dass die Welt das auch anerkannte. Dabei konnte er auch mächtig arrogant wirken, wenn er vor gestandenen WM-Stars Sprüche klopfte wie: "Euch gebe ich zehn Minuten." Aber das waren auch Momente, in denen sich nach und nach die fein geschnitzte Legende Röhrl aus einer knorrigen bayerischen Eiche bildete. Denn wenn Röhrl mit Prügeln drohte, schlug er auch zu (Die Herren Weltklasse-Gegner kassierten bei der Monte 1980 immerhin knapp neun Minuten).

Röhrl: "Der größte Versager"

Andererseits: In der Niederlage war Röhrl kaum weniger drastisch in der Wortwahl. Als er 1978 im Fiat 131 ohne Not mit Riesenvorsprung auf einem Hausdach landete, bot die Teamleitung Sand auf der Straße als Unfallgrund an. "Sagen sie den Journalisten, der Röhrl ist der größte Versager, den es auf der Welt gibt", lautete die Antwort.

Unser Walter

Seine Volksnähe hat Röhrl selbst dann nicht verloren, als er schon in Marmor gehauen in der Rallye-Ruhmeshalle stand. Zwar wäre es ihm am liebsten gewesen, ein Auto durch den finsteren Wald zu dreschen, alle Konkurrenten ordentlich abzuduschen und unerkannt nach Hause zu gehen, aber auch der verschrobenste Bajuware erkennt eines Tages, dass man als Weltmeister zwangsweise berühmt und vereinnahmt wird. Er hat es nie jemandem krumm genommen, der ihn zwar noch nie lebendig gesehen hatte, aber dennoch plump vertraulich mit "Mensch, Walter" anredete.

Der Walter, das war einer, der immer er selbst war, der immer sagte, was er dachte. Einer, der nie nach dem großen Geld schielte, dem jegliche Politik ein Greuel war. Ein Typ aus einfachen Verhältnissen, der es mit vermeintlich typisch deutschen Tugenden, Talent und Fleiß ganz nach oben geschafft hatte - unser Walter eben.

Mit geschlossenen Augen über die Prüfung

Und fleißig war er. Röhrl hob die Profession des Rallye-Fahrers auf eine neue Stufe. Dass finnische Superstars mit der Whiskey-Flasche in der Türablage trainieren gingen, war mit dem Arbeits-Ethos des Regensburger Asketen nicht vereinbar. Röhrl trank nicht, Röhrl rauchte nicht. Er war topfit und akribisch, egal ob es um die Abstimmungsarbeit am Auto oder die Verfeinerung seines Aufschriebs ging. Wenn andere am Abend noch an der Bar saßen, hockte Röhrl manchmal in seinem Hotelbett und fuhr wie der Hackl-Schorsch vor dem Eiskanal mit geschlossenen Augen die Prüfung durch, auf der er den großen Niederschlag plante.

Zerstörtes Ego

Damit wären wir beim Talent. Durch das Skifahren begriff er schnell, wie sich ein Auto auch auf glattestem Geläuf optimal beschleunigen und abbremsen ließ. Dank eines ausgeklügelten Aufschriebs und eines phänomenalen Gedächtnisses war Röhrl gerade in der Nacht oder bei schlechter Sicht extrem schwer zu schlagen. 1980 im portugiesischen Arganil zerstörte er auf einer einzigen Prüfung das nicht wirklich kleine Ego des Markku Alén. Im Nebel und in finsterer Nacht gab er seinem Teamkollegen auf 42 Kilometern rund viereinhalb Minuten mit.

Exzellenter Rundstreckenfahrer

Röhrl war der erste, der begriff, dass die wüste Drifterei seiner Kollegen zwar eine Riesengaudi, aber nicht wirklich schnell war."Gewinnen tut der, der am wenigsten lenken muss", war seine Devise. Das möglichst saubere Entlanghangeln auf der Ideallinie machte ihn zum schnellsten Mann auf Asphalt und zum Revolutionär auf Schotter. Dass aus Walter Röhrl auch ein exzellenter Rundestreckenfahrer gewordenwäre, bewies er mehr als einmal im Sport- und Tourenwagen. Der spätere DTM-Champion Hans-Joachim Stuck gewann im Nieselregen von Hockenheim nur, weil Röhrl sich im Audi V8 wegen Stallorder zurückhielt.

Was Walter Röhrl besonders auszeichnete, war sein Gefühl. Wie ein Michael Schumacher hatte der Regensburger im Hintern einfach noch ein paar Sensoren mehr als alle anderen. Das ermöglichte ihm Extremsituationen vorauszusehen, bevor sie geschahen. Kein Wunder, dass Röhrl gerade in den Zeiten der wilden PS-Monster der Gruppe B der größte Angaser war. Die 500 PS-Geräte der Achtziger waren so schwer beherrschbar und schnell, dass der Fahrer schon mit dem Gegenlenken beginnen musste, bevor das Heck ausbrach. Wo Röhrl in diesen Tagen von Perfektion sprach, redeten andere schon von Wahnsinn.

Trotz seines teilweise unerklärlichen Grundspeeds machte Röhrl selten ein Auto kaputt. Während für die Wahnsinnigen aus dem Norden damals noch die Devise galt: "Wer nicht mindestens zwei Mal im Jahr ein Auto kaputt macht, ist nicht wirklich schnell", flog Röhrl in seiner Hochzeit höchstens ab, wenn die Technik des Autos plötzlich versagte, oder ein Sturzbach über eine trocken geglaubte Straße lief.

Röhrl: "Bügeln tun die mich nicht"

Nach seinem Rücktritt 1987 ließ die Besessenheit etwas nach und auch die Sturheit. Der ältere und weisere Walter Röhrl kann über den frühen Röhrl heute ganz gut lächeln. Er fährt Ski und Fahrrad, testet und repräsentiert für Porsche. Ab und zu tritt er bei einer Oldtimer-Rallye an, und dann erwacht auch der alte Ehrgeiz. Wenn er mit spinnender Bremse um die Ecken eiert, kann er sich immer noch ernsthaft aufregen: "Die Leute glauben ja, der Röhrl kann nicht mehr Autofahren."

An Selbstbewusstsein mangelt es ihm auch mit 60 nicht. Wenn er die aktuellen WM-Stars fahren sieht, juckt es manchmal schon im Gasfuß. Vor den Namen Grönholm und Loeb fürchtet er sich nicht. "Glaube nicht, dass die mich bügeln", sagt er. Und in solchen Momenten wünschten auch wir, er würde wieder einsteigen.

Eine nagelneue Röhrl-Biographie von Reinhard Klein, Wilfried Müller und Thomas Senn ist für 49 Euro unterwww.rallywebshop.com erhältlich.

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