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Sebastien Ogier im Weltmeister-Poträt

Der König ist tot, es lebe der König

Sebastien Ogier VW 2011 Foto: xpb 24 Bilder

Sebastien Ogier hat sich in nur einem Jahr zum uneingeschränkten Herrscher der Rallye- Szene entwickelt. Der Franzose übernimmt damit das Erbe von Landsmann Sebastien Loeb. Doch die Dominanz hat auch ihre Schattenseiten.

14.01.2014

Man musste kein Genie sein, um dieses Talent zu erkennen. Wie Sébastien Loeb, mit neun WM-Titeln in Folge der erfolgreichste Automobil-Sportler der Geschichte, hatte sein junger Namensvetter Sébastien Ogier den Nachwuchswettbewerb Rallye Jeunes gewonnen. Wie Loeb holte er zwei Jahre später im Durchmarsch die Junioren-WM. Bei seinem ersten Auftritt im World Rally Car unter den Weltbesten flog er in den Wald, davor lag er in Führung. Nach einem Jahr im Citroën-Junior-Team feierte er seinen ersten Sieg, kurz danach war er Werksfahrer.

Nach nur zwei Jahren rüttelte er am Thron des absoluten Herrschers Loeb. Der oberste PSA-Chef verhängte Stallorder zugunsten des Monarchen. Es kam zum Krach, und am Ende feuerte der designierte Nachfolger das Prinzendiadem in die Ecke und ging. Er wollte nicht mehr warten auf die Krone. Ogier unterschrieb bei VW, testete ein volles Jahr lang den neuen Polo, fuhr im Skoda Fabia in der zweiten Liga der WM um Achtungserfolge. Es war seine bisher schwerste Entscheidung.

Vorbild Ayrton Senna

Er sagt, er sei erwachsener geworden in diesem Jahr ohne Schlagabtausch. Dass er lernte, dass es nicht genügt, nur im Auto ein Profi zu sein. Sein Vorbild ist der dreifache Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna. Wenn er sein Smartphone aktiviert, leuchtet ihm das Bild des Brasilianers im McLaren entgegen. Sennas Motto "Fahren in Perfektion" hat er auch zu seinem gemacht.

Um ein besserer Profi zu sein und leichter mit Ingenieuren oder auch den Medien umgehen zu können, hat er sein Englisch aufpoliert. Manchmal, wenn er über eine Frage nachdenkt, wiegt er den Oberkörper hin und her wie ein Boxer, der Schläge auspendelt. Immer auf der Hut, immer konzentriert und doch viel entspannter als in früheren Jahren. Er ist angekommen. Sein Lächeln ist breiter geworden.

Er hat nicht mehr das Gefühl, Zweiter in der Rangfolge zu sein. Überhaupt gehört das nicht zu seinem Selbstverständnis. "Ich fahre nicht, um Zweiter zu werden", sagt er. Allerdings gehörte zum Reifeprozess auch mehr Geduld. Wer ein Jahr kampflos zusehen muss, wie der Erzrivale wieder mal mit größter Leichtigkeit zum Titel spaziert, der dreht entweder durch oder er lernt zu warten.

Sebastien Ogier mit Loeb-Taktik zum Erfolg

Ogier geht seine Rallyes nicht mehr mit dem Ziel an, ständig der Schnellste zu sein, und das muss er auch gar nicht. Sein Grundtempo ist schon so hoch, dass andere Risiken eingehen müssen, um ihm zu folgen. Wenn sie das tun, setzt er kleine Nadelstiche. Nur wenn sie ihm davonzufahren drohen, schlägt er zu.

Am letzten Tag der Rallye Frankreich haderten alle mit feuchten Pisten und vor allem mit dem Nebel. Ogier hatte den ersten Tag verschlafen, am zweiten seinen Rhythmus gefunden, an diesem dritten Tag begann er mit einer Bestzeit, die den Siegkandidaten Latvala und Sordo mit einem Schlag jedes Selbstvertrauen nahm.

Es war dieselbe Methode, mit der Sébastien Loeb Gegner und Teamkollegen ein Jahrzehnt lang demoralisiert hatte. Loeb wählte bei seinem Abschiedsspiel die gleiche Taktik. Der entthronte Herrscher flog im Bemühen, den neuen in seine Schranken zu weisen, von der Straße. Ogier ließ sich vor dem Rathaus in Loebs Heimatstadt Hagenau feiern. Klarer kann ein Regimewechsel nicht dargestellt werden.

M-Sport-Chef Malcolm Wilson, der sich mangels Rückendeckung von Ford Ogier nicht leisten konnte, setzt sein kindlichstes Staunen auf, wenn er über den Franzosen spricht: "Der wird uns genauso ein Jahrzehnt lang beschäftigen wie Loeb", sagt ehrfürchtig der Mann, dem schon Loeb diverse Titelträume verdarb.

Ogier-Dominanz schlecht für den Rallye-Sport

Es ist eine Krux mit diesen Superhelden. Auf der einen Seite sorgen sie mit ihrer Dominanz für Langeweile, auf der anderen verleihen sie ihrer Sportart einen Glanz, der alles aufwertet. In der Formel 1 brechen wegen Sebastian Vettel die Quoten ein, und das Fernsehen zeigt den Heppenheimer eigentlich nur noch bei Start, Boxenstopps und Zieldurchfahrt. In der Rallye-WM gewann Ogier neun von 13 Läufen, und weil er selbst sehr spezielle Rallyes wie Schweden, Finnland oder zuletzt Wales gewann, ist er nun automatisch überall der große Favorit.

Als der ewige Tabellenführer Loeb die Lust verlor, ständig als Erster auf der Piste für die anderen den Straßenkehrer zu spielen, führte die FIA auf Drängen von Citroën eine Qualifikation ein, nach der sich der Schnellste die Startposition für die erste Etappe aussuchen durfte. Loeb ist weg, und nach zwei Jahren wird eben jene Quali wieder abgeschafft und sogar bis zur Rallye-Halbzeit nach WM-Klassement gestartet - ein klares Handicap.

Nach der Lex Loeb folgt jetzt die Lex Ogier. Der Sportverband und auch Vermarkter Red Bull wollen das Feld zusammenhalten. Ursprünglich sollte der Punktbeste sogar zwei volle Tage als Erster auf losem Schotter starten müssen. Ogier war stinkig, VW und sogar Citroën liefen Sturm gegen den Plan. "Das hier ist immer noch Sport, und der Beste sollte auch die Chance haben, zu gewinnen", sagt sogar Citroën-Sportchef Yves Matton.

Ogier auf Power-Stages kaum zu schlagen

Besonders auf den abschließenden Powerstages offenbart Ogier sein wahres Potenzial. Während die meisten im Feld mit gebremstem Schaum antreten, um für drei Zusatzzähler nicht eine gute Gesamtplatzierung wegzuwerfen, fährt Ogier einfach los und staunt im Ziel oft, dass die anderen nicht schneller waren.

Es ist weniger sein Tempo, das ihn vom Rest des Feldes abhebt, sondern das unglaubliche Selbstvertrauen. Weil er gar nicht auf die Idee kommt, zu scheitern, bewegt er sich mit unerreichter Sicherheit auch über schmierigste Pisten. 2013 leistete er sich nur in Deutschland einen echten Ausrutscher, weil seine Asphaltspione ihm einen rutschigen Bremspunkt nicht korrekt in den Aufschrieb diktiert hatten.

2014 soll die finale Powerstage live übertragen werden. Damit es auch bei bezogenen Positionen an der Spitze noch etwas zu gewinnen gibt, kam die Idee auf, mehr Zusatzpunkte zu vergeben. Doch der Plan wurde wegen Ogier verworfen. Serienmanagerin Michèle Mouton raunte: "Schau dir an, wer mit Abstand die meisten Powerstages im letzten Jahr gewonnen hat. Willst du, dass er nächste Saison schon im Sommer Champion ist?"

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