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Vorschau Rallye Großbritannien

Schlammschlacht zum Abschluss

WRC Rallye Wales England Großbritannien VW Polo Foto: VW 28 Bilder

Die Titel sind vergeben, dennoch wird beim Saisonfinale in Wales mit härtesten Bandagen gefahren. Die einen kämpfen um ihre Karriere, die anderen um noch viel mehr: die Ehre.

13.11.2014 Markus Stier

Das hatte sich Mikko Hirvonen eigentlich anders vorgestellt. Noch bei der Rallye Spanien gab sich der dienstälteste WM-Pilot nach einem dritten Rang hoffnungsfroh, trotz einer eher mauen Saison doch noch irgendwo unterzukommen. Doch obwohl Hirvonen als WM-Vierter in der Tabelle bester Nicht-VW-Pilot ist, glaubt M-Sport-Teamchef Malcolm Wilson nicht mehr an den Mann, der seinem Team 14 Siege schenkte und maßgeblich am Gewinn der letzten beiden Ford-Marken-Titel 2005 und 2006 beteiligt war. Auch sonst fand sich kein Topteam, das ihn unter Vertrag nehmen will. Der humorvolle Mann aus Jyväskylä gibt eine Woche nach Verkündung seines Rücktritts seinen Abschied und will sich zumindest ehrenhaft verabschieden. Mit elf Starts in Wales hat kein Topfahrer mehr Erfahrung auf den rutschigen Pisten. 2007 gelang Hirvonen der Sieg. "Das wird ein sehr spezielles Wochenende für mich. Hier hatte ich meinen ersten WM-Start in einem World Rally Car. Die Strecken sind schnell und flüssig, und ich werde jeden Kilometer genießen."

Porsche 997 nicht startberechtigt

Ähnlich dürfte es M-Sport-Teamkollege Elfyn Evans gehen. Der 25-Jährige aus Dolgellau wuchs praktisch auf diesen Straßen auf und ist bei seinem Heimspiel hochmotiviert. Dabei steht der drahtige Youngster nicht einmal besonders unter Druck. Evans hat bereits einen Vertrag für die Saison 2015 vorliegen. Deutlich mehr Druck hat Robert Kubica. Der segelte bei seinem Debüt im World Rally Car freitags und samstags früh am Morgen in den Wald. "Mit der gesammelten Erfahrung in diesem Jahr sollte es besser laufen“, sagt der ehemalige Formel-1-Held. Dennoch sei den polnischen Fans frühes Aufstehen empfohlen, wenn sie ihren Helden fahrend fotografieren wollen. In seiner ersten vollen WM-Saison flog der Krakauer mit seinem Ford Fiesta mehr als ein Dutzend Mal ins Aus.

Um eine Attraktion ärmer ist die Rallye schon vor dem Start. Der Engländer Richard Tuthill setzte wie schon in Deutschland und Frankreich seinen nagelneuen Porsche 997 RGT auf die Nennliste, aber in der Schotterspezifikation gab der Weltmotorsportverband FIA keine Zusage, da das Fahrwerk des 911 nicht dem der aktuellen Homologation entspricht. Tuthill ist enttäuscht: "Hier muss etwas passieren. Mit dem Asphalt-Fahrwerk passen schon die Querlenker nicht. Wir haben die Anfrage für die neuen Teile schon im Mai gestellt.“

Im Frühling war auch Juho Hänninen noch hoffnungsfroh, mit einer halben Saison im Hyundai i20 endlich das ersehnte Leben in der Weltspitze führen zu können. Doch obwohl der Finne seinem Team Führungskilometer und einige Bestzeiten bescherte, bestätigte Teamchef Michel Nandan schon zwei Wochen vor Hänninens letztem Saisonstart auf der britischen Insel den Spanier Dani Sordo als feste zweite Stammkraft für 2015. Mit 33 Jahren nicht mehr ganz jung, kämpft Hänninen um seine letzte Chance, sich als Spitzenkraft zu etablieren. Drei WM-Läufe im zweiten Auto und eine halbe Saison im dritten Hyundai stünden noch zur Disposition. Dabei muss sich der Schotterspezialist erst wieder eingewöhnen. Er war zuletzt 2008 beim britischen WM-Lauf am Start.

Östberg kämpft um Zukunft

2007 war der britische WM-Lauf der erste außerhalb Australiens für den jungen Hayden Paddon. Dass es ihm im dritten Hyundai WRC noch an Erfahrung mangelt, stört den Kiwi nicht weiter: "Die Streckencharakteristik und das Wetter erinnern mich an zu Hause.“ Teamchef Nandan hält große Stücke auf den Junior, der nach seiner ersten Bestzeit in Spanien mit breiter Brust angereist ist. "Hayden wird immer schneller. Vielleicht sorgt er hier für eine Überraschung“, sagt Nandan.

Für Teamleader Thierry Neuville dagegen ist der Norden von Wales nur eine Durchgangsstation. 2013 sicherte er sich in Llandudno den Vize-Weltmeistertitel und kann unter guten Bedingungen durchaus für eine Podiumsplatzierung gut sein. Aber mit dem ersten WM-Sieg in Deutschland hat der Belgier sein wichtigstes Saisonziel längst erreicht und blickt nun nach vorn, denn parallel läuft unter Hochdruck die Vorbereitung des Nachfolgemodells des i20.

Apropos Hochdruck: Während Kris Meeke beste Karten für eine Vertragsverlängerung bei Citroën hat und mit den Strecken auf der Insel bestens vertraut ist, kämpft Teamkollege Mads Östberg um seine sportliche Zukunft. Sechs Mal war er hier am Start, 2011 war Rang zwei sein bestes Resultat im Westen Britanniens. Östberg will mindestens um einen Podiumsrang kämpfen, um Sportchef Yves Matton davon zu überzeugen, dass die eher mittelmäßige zweite Saisonhälfte des Norwegers nur ein Zwischentief war. Sollte Östberg kein großer Auftritt gelingen, dürfte die Karriere als Werksfahrer nach nur einem Jahr wieder beendet sein.

Landsmann Andreas Mikkelsen startet dagegen richtig durch. Als sicherer WM-Dritter mit einer Handvoll Podiumsrängen ist der Junior im VW-Team vielleicht der hungrigste unter den drei Polo-Fahrern. Sportchef Capito hat abermals die Parole "keine Stallorder“ ausgeben, und Mikkelsen will dort, wo er 2006 sein WM-Debüt gab, seinen ersten WM-Sieg: "Für mich ist das hier wie eine Heim-Rallye, ich fühle mich auf diesen Prüfungen pudelwohl.“ Trotzdem behauptet er, nicht alles riskieren zu wollen: "Ich will es nicht erzwingen. Der erste Sieg kommt früher oder später schon ganz von allein.“

Immer noch Feuer im WM-Kampf

So lange will Jari-Matti Latvala nicht auf den nächsten Erfolg warten. Auch wenn nach Ogiers Sieg in Spanien und dessen Titelverteidigung die Rangfolge im VW-Team klar gemacht haben, will der finnische WM-Zweite seinem französischen Rivalen vor der Winterpause noch einen Wirkungstreffer verpassen. Mit zwei Siegen 2001 und 2012 ist Latvala unter den aktuellen Fahrern der erfolgreichste.

Dumm nur, dass bei der letzten Wales-Rallye im Vorjahr Sébastien Ogier die Nase vorn hatte. "Nach dem WM-Titel in Spanien ist auch der Druck weg. Ich will die letzte Rallye der Saison genießen“, sagt der Weltmeister. Überflüssig zu erwähnen, dass sich Genuss bei ihm eigentlich nur einstellt, wenn er am Ende die Nase vorn hat.

Auch wenn in der Marken-WM ganz vorn der Fisch geputzt ist, ist die Luft aus dem Titelkampf noch längst nicht raus. Hinter der weit enteilten VW-Mannschaft geht es für M-Sport-Ford, Citroën und Hyundai um den bei der Sponsorensuche nicht unwichtigen zweiten Rang. Gerade das Ex-Ford-Werksteam braucht Geldgeber. Die Truppe von Malcolm Wilson liegt mit 180 Zählern auf rang drei gerade einmal sieben Punkte hinter Citroën. Auf Rang vier hat auch Hyundai mit nur fünf Punkten Rückstand auf M-Sport noch Anschluss an die Verfolgergruppe.

Das Hauen und Stechen in den Wäldern und auf den Hochebenen beginnt am Donnerstagabend (13.11.) mit dem zeremoniellen Start im altehrwürdigen Badeort Colwyn Bay. Von Freitag bis Sonntag sind 23 Prüfungen auf matschigen Forstwegen zu absolvieren. Noch mehr als im Vorjahr konzentriert sich die Rallye auf den Norden von Wales. Die dickste Schlammpackung gibt es schon am Freitag, wo auf den ersten acht Prüfungen mit 145 Kilometern fast die Hälfte der Gesamtdistanz ansteht. Elfyn Evans erklärt: "Das heikle an den Prüfungen ist gar nicht mal der Streckenverlauf, sondern die äußeren Bedingungen, die sich sehr schnell ändern.“ Für die Pioten ist schwer vorherzusagen, wie viel Grip sie beim Bremsen vor der nächsten Kurve vorfinden.

Mit 305 WP-Kilometern zählt der walisische WM-Lauf zu den kürzesten WM-Rallyes der Saison. Wer Ambitionen auf den Sieg hat bringt sich besser am Samstagnachmittag schon in Position, denn am Sonntag stehen zwar noch weitere sechs Prüfungen an, doch mit insgesamt 46 Kilometern Länge sind Rückstande über 15 Sekunden dann nur noch schwer aufzuholen. Die Rallye Großbritannien und die WM-Saison 2015 enden am Sonntag um 18 Uhr deutscher Zeit mit der Siegerehrung im Küstenstädtchen Llandudno.

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