Vorsicht, Falle: Immer häufiger versuchen Haftpflichtversicherer, sich mit Tricks aus der Verantwortung zu stehlen. Auf Kosten des Geschädigten streichen sie berechtigte Schadenersatzansprüche dreist zusammen.
An einem Dienstag Anfang Mai kracht es ordentlich mitten in Aschaffenburg, wo sich Lindenallee und Wittelsbacherring kreuzen. Am sieben Jahre alte Nissan Almera des Unfallopfers Peter S. entsteht ein Schaden, dessen Reparatur laut Sachverständigen-Gutachten knapp 1.430 Euro kosten wird. Auf dieser Basis will der Fahrer entschädigt werden. Das ist sein gutes Recht, denn Unfallopfer dürfen frei entscheiden, ob sie das Auto reparieren lassen. Oder auch nicht, und jene Summe einfordern, die ein Gutachter oder die Werkstatt in ihrem Kostenvoranschlag angesetzt hat - im Branchen-Jargon fiktive Abrechnung genannt.

Versicherungen kürzen einfach die Beträge
Peter S. staunt nicht schlecht, als ihm die Allianz-Versicherung die Abrechnung präsentiert: Die kalkulierten Lohnkosten sind um 54,40 Euro gekürzt, beim Posten Lackierung wurden 222,97 Euro abgezogen, und auch die Erstattung für Ersatzteile wurde zusammengestrichen. Erst nachdem der Aschaffenburger einen Verkehrsrechtsanwalt einschaltet, lenkt die Versicherung ein und überweist den Restbetrag von knapp 300 Euro. Kein Einzelfall, wie der Aschaffenburger Rechtsanwalt Frank Häcker weiß. "Die Versicherer setzen häufig den Rotstift an", sagt er. Bei 3,5 Millionen Haftpflichtschäden mit einem Volumen von rund 9,3 Milliarden Euro, die pro Jahr zu regulieren sind, rechnet sich die Häppchen-Jagd für die Assekuranzen.
Jedes Jahr sparen Versicherungen etwa zwei Milliarden Euro
Branchenkenner gehen davon aus, dass diese jährlich zwei Milliarden Euro einsparen - auf Kosten der Geschädigten. Und sie sind enorm kreativ bei der Auslegung der Rechtslage - siehe Kürzung der Werkstatt- Stundenverrechnungssätze bei fiktiver Abrechnung. Dabei hatte der Bundesgerichtshof bereits 2003 eine Lanze für die Verbraucher gebrochen: Das Unfallopfer darf als Vergleichsmaßstab die Stundenlöhne von Vertragswerkstätten anlegen. In der Rechtsprechung herrscht nach dieser Ansage die Meinung vor, dass der Geschädigte sich nicht auf freie Werkstätten verweisen lassen muss.
Vorsicht bei der Gefährdung der Herstellergarantie
Ähnliches gilt, wenn das Auto tatsächlich repariert werden soll und der Versicherer eine ihm bekannte Werkstatt empfiehlt, die die Arbeiten gleichwertig, aber zu einem viel günstigeren Gesamtpreis erledigen könnte. Das ist immer heikel, wenn der Unfallwagen noch in der Garantiezeit ist. Diese ist nämlich an eine Reparatur in der Markenwerkstatt gebunden, wie der Bundesgerichtshof bestätigt hat. "Wenn die Garantie gefährdet ist, kann die Reparatur nicht mehr gleichwertig sein", sagt der Hagener Anwalt Jörg Elsner. Für den Laien erschließen sich solche Feinheiten nicht. Plumpe Versuche, das Unfallopfer über den Tisch zu ziehen, entlarvt meist nur ein Jurist.
Auch Mehrwertsteuer-Kürzung ist eine beliebte Masche der Versicherungen
Beispielsweise die Dreistigkeit, den Schadenersatz für ältere Fahrzeuge um die Mehrwertsteuer zu kürzen - so etwa im Fall eines VW Polo-Fahrers aus Miltenberg. Laut Gutachten belief sich der Wiederbeschaffungswert des zwölf Jahre alten Unfallwagens auf 2.650 Euro. Die Direct Line-Versicherung zog beim Schadenersatz nicht nur den Restwert von 500 Euro ab, sondern auch noch 19 Prozent Mehrwertsteuer. Ein Unding, wie Rechtsanwalt Frank Häcker bestätigt. "Bei älteren Autos ist kein Steuerabzug möglich, weil sie auf dem seriösen Markt praktisch nicht zu haben sind." Nur bei Totalschäden neuer oder neuwertiger Fahrzeuge wie etwa Leasing- Rückläufer falle bei der Wiederbeschaffung de facto Umsatzsteuer an und könne auch abgezogen werden. "Was auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu haben ist, wird pauschal mit 2,2 Prozent besteuert."
Anspruch auf Nutzungsausfall wird gerne gestrichen
Ärger gibt es auch regelmäßig um Restwertangebote, wenn das Auto nach einem Unfall als wirtschaftlicher Totalschaden eingestuft wird - wie im Fall einer 63-jährigen Fiesta-Fahrerin. Laut Gutachten hatte der elf Jahre alte Kleinwagen noch einen Restwert von 2.000 Euro. Die Versicherung HUK Coburg machte bei der Schadenregulierung aber diese Rechnung auf: Ein Aufkäufer habe 440 Euro für den Unfallwagen geboten, deshalb gebe es nur 2.460 Euro statt 2.900 Euro. Die Fiesta-Besitzerin hatte das Auto aber reparieren lassen, um es weiterhin zu fahren. "In solchen Fällen darf die Versicherung nicht auf höhere Restwertangebote verweisen und entsprechende Abzüge machen", stellt Anwalt Häcker klar. Ähnliches gilt auch für die Taktik der Sachbearbeiter, den Rotstift mit dem Argument "neu für alt" anzusetzen: Muss beispielsweise ein Kindersitz nach einem Unfall ausgetauscht werden, sind Schutzkleidungs-Gegenstände wie Helm und Lederkombi zu ersetzen oder ist die Brille zu Bruch gegangen, sind Abzüge bei der Neuanschaffung nicht zulässig. Wer seinen Wagen nicht benutzen kann, der hat Anspruch auf so genannten Nutzungsausfall. Je nach Fahrzeugklasse stehen dem Autobesitzer täglich 27 bis 99 Euro zu - und zwar vom Tag des Unfalls an.
Unfallopfer, die arbeitsunfähig werden, haben Anspruch auf eine Haushaltshilfe
"Häufig rechnen die Versicherungen lediglich die Reparaturzeit an", weiß Frank Häcker. Und wer fünf Tage überlegt, ob der Wagen repariert werden soll oder nicht, darf dies ebenso wie die angesetzte Wiederbeschaffungszeit als Dauer des Nutzungsausfalls einfordern. Eine weitere Position wird von den Versicherungen gerne geschmälert oder völlig ignoriert: Menschen, die als Folge des Unfalls arbeitsunfähig sind, haben Anspruch auf Kostenerstattung für eine Haushaltshilfe - egal, ob Freunde und Verwandte einspringen oder Profis ans Werk gehen. Je nach Region und Haushaltstyp sind dies sieben bis zehn Euro pro Stunde.
Autor: Brigitte HaschekSolange nichts passiert, es man der beste Freund der Versicherung. Aber wehe, ein Schadenfall tritt ein. Dann wird nach Gründen gesucht, den Schaden nicht zu bezahlen. Viele kleine wehrlose Menschen geben zu oft und zu früh nach und lassen sich einfach alles gefallen. Nicht jeder hat Kraft und Geld, sich einen Anwalt zu nehmen und sein Recht einzufordern.
Klar sitzen Betrüger auch auf Seiten der Versicherten. Der Unterschied ist nur folgender: wenn sich der Versicherte zu einem Betrug entschließt, ist dies ein individuelles Fehlverhalten, das nicht hingenommen werden sollte. Entschließt sich allerdings die Versicherung zum betrügerischen Verhalten, stellt dies ein Fehlverhalten einer gesamten Institution dar, dass von der oberen an die untere Ebene vorgegeben wird. Das hat eine gänzlich andere Qualität!
Mann sollte nicht vergessen, das Versicherungen leider keine sozialen Einrichtungen sondern i.d.R. große (u.U. börsennotierte) Unternehmen sind, die natürlich auch in ihrem Sinne, sowie im Sinne ihrer Anleger handeln und eine Gewinnmaximierung anstreben. Trotzdem sollte man nicht alle in einen Topf schmeißen - denn so entsteht schnell ein Bild das es sich hier im Allgemeinen um eine unseriöse Branche handelt was eben nicht der Fall ist. Aber wie überall empfielt es sich auch hier im Zweifelsfall nachzufragen und die eigenen Interessen im Auge zu behalten.
Problematisch ist bei den KFZ-Versicherungen immer, dass Kunden die billigsten Tarife erwarten und zugleich die besten Leistungen haben wollen. Auf Dauer geht das nicht. Wer günstig, aber nicht billig versichert sein will, der sollte sich a) in seinem Bekanntenkreis umhören und b) unabhängige Vergleiche wie etwa in Finanzzeitschriften nutzen. Auch kann sich mal eine Versicherung dreist zeigen, bei der sonst die Kunden zu viell. 99% zufrieden sind. Einzusehen ist es natürlich nicht, wenn ein Geschädigter sein Fahrzeug nicht reparieren lassen will und trotzdem den kompletten Betrag bezahlt haben will. Schade, dass sich die Versicherer nicht allesamt an die Rechtssprechung halten wollen. Am Ende werden die ganzen Rechtskosten wieder durch die Versichertengemeinschaft (höhere Versicherungsbeiträge) bezahlt.
Ach ja, das habe ich noch vergessen: die Betrüger sitzen auf beiden Seiten. Hie die Autofahrer und da die Versicherer.









































