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Corvette ZR1 Supertest: Was kann die stärkste Corvette aller Zeiten?

Bei der Corvette ZR1-Motorhaube macht das schildförmige Schaufenster neugierig auf das, was dahinter steckt. Im Supertest testen wir den US-Sportwagen mit Smallblock-V8, der dank Kompressoraufladung 647 PS bereitstellt und damit die stärkste Corvette aller Zeiten ist.

Auch wenn es ab einem gewissen Alter kaum mehr schicklich ist, sich an Fenstern die Nase platt zu drücken, weil sich hinter den Scheiben etwas Interessantes oder gar Anzügliches verbirgt. So wird der Reiz, auf intime Tuchfühlung mit den anregenden Dingen des Lebens gehen zu wollen, mit den Jahren sicher kaum geringer. Ob bei dem Test der Corvette ZR1 das Objekt hinter der Scheibe mit Schrecken oder Begeisterung aufgenommen wird, hängt allerdings - wie in vielen anderen Fällen auch - ganz vom ideologischen Standpunkt des Betrachters ab.

Schau her, ich schäme mich für nichts

Die Sichtluke in der meterlangen Karbon-Haube der Corvette ZR1 ist nämlich für sich genommen schon ein Statement - eines mit der klaren Botschaft: Schau her, ich schäme mich für nichts und stehe zu hundert Prozent zu dem, was ich darstelle, leiste und verbrauche. Die grafische Gestaltung der hinter dem Fenster durchscheinenden Motorabdeckung lässt nämlich kein Zweifel daran, dass es sich hier um etwas Großes, Gewaltiges in einer achtzylindrigen Konfiguration handelt. Wenn es einen Motortyp gibt, der in späteren Jahrzehnten als eines der markantesten Anschauungsbeispiele für den Archetyp des Verbrennungsmotors herhalten wird, dann ist es diese US-amerikanische Ikone: Selbstredend handelt es sich auch beim Test-Kandidaten, um einen großvolumigen V8-Motor mit einer einzigen untenliegenden Nockenwelle und der Minimalausstattung von zwei Ventilen pro Zylinder - eines für den Einlasstrakt, ein zweites für den Auslass, das genügt der Corvette ZR1.

V8-Motor mit 105 PS pro Liter Hubraum

Die geschichtsträchtige Struktur dieses Motors täuscht allerdings in der aktuellen Fassung in geradezu verlogener Weise über die Tatsache hinweg, dass die im Grunde simple Konfiguration des Achtzylinders gedanklich nur schwer mit dem in Übereinstimmung zu bringen ist, was - wie es Altkanzler Kohl weiland formulierte - hinten rauskommt. Eine Literleistung von 105 PS steht einem Stoßstangen-Motor zumindest nach europäischem Verständnis von Aufwand und Ergebnis kaum zu. Wurde doch schon der bisher stärkste V8 aus demselben Haus mit für seine Verhältnisse beachtlichen 73,2 PS pro Liter Hubraum vorstellig (Test Corvette Z06). 647 PS in der Corvette ZR1 sind eine Steigerung von 26 Prozent gegenüber dem Siebenliter-Z06-Triebwerk und entwickeln 819 Newtonmeter bei 3.800/min (Z06: 637 Nm bei 4.800/min).
 
Diese Zahlen klingen vor dem Hintergrund der Entwicklungsgeschichte dieses Motortyps fast so abgehoben, als sei die Darstellung von Leistung und Drehmoment das Ergebnis eines irrationalen Zauberkunststücks. Dabei handelt es sich bei dem 90-Grad-V-Motor im Test-Kandidaten nicht einmal um jenen, in der Corvette Z06 montierten Smallblock mit acht mal knapp 900 Kubikzentimeter großen Einzelhubräumen, sondern um einem mit gerade einmal 6.162 cm³ Arbeitsvolumen. Das ist für amerikanische Verhältnisse fast schon niedlich. Da hier nicht mit Methanol oder ähnlich Hochprozentigem vom Drag Strip gearbeitet wird, muss die Herleitung des Leistungspakets eine andere sein. Was im Schaufenster in der Corvette ZR1-Motorhaube nicht explizit auftaucht, ist das externe Druckmittel, das dem mit 9,1:1 moderat verdichteten Achtzylinder ein wichtiges Betriebsmittel in einer Menge einhaucht, die die freizügige Leistungsentfaltung überhaupt erst möglich macht: Sauerstoff, und zwar in hohen Dosen. Aber von wegen hauchen: Der über einen breiten Zahnriemen angetriebene Eaton-Kompressor setzt die noch immer Konservendosen-großen Brennräume mit 0,72 bar unter Druck.
 
Dass dieser Vollaluminium-Motor in seinem Inneren kaum mehr Ähnlichkeiten mit seiner Ausgangsbasis, dem Corvette C6-Triebwerk, hat, versteht sich dabei ganz von selbst. Der Corvette ZR1-Motor geht demnach trotz der konzeptionellen Ähnlichkeiten mit seiner Ahnenreihe als veritable Neukonstruktion durch. Eine, die unter Verwendung hoch belastbarer Titanpleuel und einer sequenziellen Einspritzung im eigens eingerichteten Performance-Center in Wixom im US-Bundesstaat Michigan von besonders ausgebildeten Monteuren in Handarbeit montiert wird. Mit 2,3 Liter Luft pro Umdrehung schaufelt der Schraubenkompressor vom Typ R2300 tatsächlich so viel Sauerstoff in die Brennräume, dass der Test-Besatzung bei vollumfänglich dargebotener Leistungsparade der Atem stockt.

Corvette ZR1 spurtet in 11,4 Sekunden auf 200 km/h

Auch wenn es sich platt anhört: Die in den Messergebnissen des Supertests aufgeführte Zahlenkolonne spiegelt den begeisternden Akt der Beschleunigung nur sehr unvollkommen wider. Das Verfehlen der Werksangabe (3,6 Sekunden) beim Sprint bis 100 km/h im Test darf als kleiner Schönheitsfehler abgetan werden, weil die Differenz (0,4 Sekunden) leicht zu begründen ist und ihre Bedeutung in der Praxis gegen null geht. Immerhin ist der Abstand zur 512 PS starken Corvette Z06 (Hier kommen Sie zum Supertest der Corvette Z06) gewahrt, wie die Gegenüberstellung der Zahlen für den Sprint bis 200 km/h belegen: 11,4 Sekunden für die Corvette ZR1 stehen deren 13,6 Sekunden für die Corvette Z06 gegenüber. Und das trotz der betrüblichen Gewichtsdifferenz von knapp 100 Kilogramm, die leider zu Lasten des aktuellen Spitzenmodells geht.
 
Wer je seine Sensibilität im Gas- und Kupplungsfuß beim Beschleunigen einer Corvette ZR1 beweisen musste, weiß um diese höchst prekäre Prüfung: Ein Millimeter zu viel am Gaspedal hat bei eingerückter Kupplung nach dem Start kaum mehr als blauen Rauch, Marke Michelin, zufolge. Wird die Kupplung dagegen zu lange als diplomatischer Vermittler zwischen dem grandiosen Drehmoment auf der einen und den maximalen Übertragungskräften der nicht umsonst extrem in die Breite gegangenen Antriebsräder auf der anderen Seite missbraucht, besteht die Gefahr, sie der unbändigen Gier und Gefräßigkeit des diesbezüglich völlig mitleidlosen Drehmoment- Monsters von Motor auszusetzen. Wer will das riskieren? 

Höchstgeschwindigkeit von sagenhaften 330 km/h

Ganz im Gegensatz zu dem, was als typisch amerikanischer Leistungsbeweis angesehen wird, nämlich die stur auf den imaginären Punkt am Ende der Geraden ausgerichtete Leistungsorgie, hat die neue Corvette ZR1 - wie zuvor schon die Z06 - ein weit darüber hinaus reichendes Leistungspaket im Angebot. Auf die nach wie vor vorhandenen, exzellenten Cruiser-Qualitäten müssen wir an dieser Stelle nicht näher eingehen. Sie sind gesetzt, auch wenn die Corvette ZR1 durchweg geschlossen an den Start geht. Die realistische Chance, mit der Allmacht des 647 PS starken Motors bis zu einem Tempo von sagenhaften 330 km/h den Widerständen trotzen zu können, mag dem Seelenfrieden zuträglich sein - als praktikable Alltagsoption dürfte sie jedoch nur selten in Betracht gezogen werden. Beides - das lässige Cruisen bei 80 km/h oder die Vmax-Exkursion jenseits Tempo 300 - ist in seiner Wirkung auf das Glücks-Gen aber nicht halb so erfolgreich wie die Show, die die ZR1 bei den anspruchsvolleren Nummern abzieht.

Corvette ZR1 umrundet Nürburgring in 7.38 Minuten

Wie im Test in 7.38 Minuten über die Nordschleife des Nürburgrings brennen zu können oder den Kleinen Kurs in Hockenheim in 1.09,7 Minuten zu vernaschen, macht in seiner an- beziehungsweise aufregenden Brisanz deutlich mehr her, als bei 80 km/h dem Gebrabbel des V8 oder bei Tempo 330 dem wütenden Hurrikan des Fahrtwindes zu lauschen. Was das Fahrverhalten der vollgetankt nunmehr 1.533 Kilogramm schweren Corvette ZR1 angeht, zeichnet sich vor dem Hintergrund des breit angelegten Supertest-Spektrums nunmehr aber ein etwas ambivalenteres Bild ab als im vorangegangenen Einzeltest. Auf topfebener Piste - wie etwa in Hockenheim - noch in beispielhafter Manier und fest gefügtem, verlässlichem Fahrprogramm unterwegs, kündigt die Top-Corvette in Einwirkung der von unebener Fahrbahn verursachten Kräfte, wie sie beispielsweise auf der Berg-und-Tal-Bahn der Nordschleife zutage treten, ihre Akzeptanzschwelle an. Ob es nun am Setup des mit zwei wählbaren Kennlinien (Sport und Komfort) arbeitenden, adaptiven Fahrwerks liegt oder ob die minimal in Richtung Vorderachse verschobene Gewichtsverteilung die Harmonie im Grenzbereich stört, lässt sich schwer definieren.
 
Vielleicht ist es auch schlicht dem Mehrgewicht geschuldet, dass die Corvette ZR1 durch die übers Fahrwerk eingeleiteten Anregungen etwas von der Unbeirrbarkeit, Ruhe und Verlässlichkeit im Grenzbereich abgeben muss, mit der sie bei ihrem ersten Test-Auftritt in Hockenheim noch so begeistern konnte. Die um die Mittellage äußerst direkt arbeitende Lenkung trifft, was ihre Übertragungsmöglichkeiten angeht, mit den nochmals breiteren Vorderradreifen (285/30 ZR 19) für sich betrachtet noch perfektere Bedingungen an. Aber gerade diese fast übertriebene wirkende Direktheit ist es, die bei hohem Tempo unter dem Einfluss der auch in der Vertikalen stark bewegten Räder das nervöse Fahrverhalten bedingt. Das wirkt sich zwangsläufig kontraproduktiv auf die Linienführung aus. Der Stellhebel, mit dem Vorkommnisse dieser Art möglicherweise aus der Welt geschafft werden könnten, heißt Aerodynamik. Vor dem Hintergrund ihres dramatischen Leistungsvermögens stünde es dem Frontmotorsportler sicher blendend an, wenn die im Windkanal an beiden Achsen gemessenen Auftriebswerte weiter minimiert, oder besser: in Abtrieb umgewandelt werden würden.

Corvette ZR1 mit skurrilem Luftsprung auf der Nordschleife

So zeigt die Corvette ZR1 an einer der Schlüsselstellen der Nordschleife, nämlich dort, wo die Entlastung am höchsten ist (Anfahrt zur Quiddelbacher Höhe) eine Flugbereitschaft, die für ein landgestütztes Fahrzeug ungewohnte Formen annehmen kann. Das Tückische dabei: Die Achsen verlieren nicht gleichmäßig den Bodenkontakt - was bei der Landung durchaus zu managen wäre -, sondern nur die gewichtsmäßig geringer belastete und zudem von leichtem Auftrieb beherrschte Hinterachse. Das Rezept, den kurz darauf folgenden, extrem schnellen Rechtsbogen in Richtung Flugplatz aus einer - sagen wir - konzentrierten Ruhephase heraus und vom korrekten Ablösepunkt aus anzugehen, ist nach einem derartig skurrilen Luftsprung kaum mehr möglich.
 
Die Corvette ZR1 ist tatsächlich eines der markantesten Beispiele dafür, dass in der Liga dieser extrem starken Supersportler zukünftig keine wesentlichen fahrdynamischen Fortschritte mehr erzielbar sein werden, wenn die aerodynamischen Belange nicht noch stärker Berücksichtigung finden. Mit einem Mehr an Leistung ist es nicht mehr getan, wie der Test zeigt. Auch die Reifen haben, wie die Michelin Pilot Sport ZP der Corvette beweisen, mittlerweile einen Standard erreicht, der unter der Voraussetzung einer akzeptablen Straßentauglichkeit keine signifikante Steigerung mehr erwarten lässt. Schlussendlich ist es sogar auf dem Bremsensektor gelungen, eine Qualität auf überragendem Niveau zu formulieren. Bei einem Bremsweg von nur 32,2 Meter aus 100 km/h muss man schon aufpassen, dass man nicht von hinten getroffen wird. Was das Beschleunigungsvermögen der Corvette ZR1 auch und gerade auf kurvenreichen Strecken angeht, besteht diesbezüglich selbstredend keinerlei Gefahr.

Autor

Foto

Rossen Gargolov

Datum

23. April 2011
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 10/2009.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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