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Der Audi RS4 im Supertest

Der Audi RS4 auf der Nordschleife und dem Hockenheimring

Der erste, von der Audi-Tochter quattro GmbH konzipierte Sport-Avant soll das Kunststück vollbringen, die Eigenschaften eines Sportwagens mit denen einer praktischen Kombilimousine zu verbinden. Ob das gelingt?

30.03.2007 Horst von Saurma Powered by

Das in der Audi-Werbung veröffentlichte Statement, wonach der neue RS 4 auf dem Weltraumbahnhof Kap Canaveral hochkant gestellt werden würde, beruht höchstwahrscheinlich nicht auf der Annahme, dass ein Kombi in dieser Position ein besseres Stehvermögen zeigt als etwa ein Coupé. Audi hat bei der Kampagne wohl eher die gängigen Assoziationen im Auge, die mit dem Raketenzentrum der NASA gern in Verbindung gebracht werden. Der RS 4 geht – umgangssprachlich ausgedrückt – tatsächlich ab wie eine Rakete. Und auch darüber hinaus lassen sich Gemeinsamkeiten begrifflicher Art finden: vom Raumfahrtprogramm bis hin zum Shuttle- Service. Nur in einem Punkt hinkt der Vergleich – das Interesse der Massen kann der RS 4 bei weitem nicht so magnetisch an sich ziehen wie die schubkräftigen Orbitalfahrzeuge der amerikanischen Weltraumbehörde. Aber dahinter steckt Kalkül. Der High-Performance-Avant, wie ihn Audi selbst nennt, ist ein perfider Tiefstapler. Das Motto „Nur kein Aufsehen erregen und bloß keinen Krach machen“ war schon bei dem unter Mithilfe von Porsche gebauten Vorgänger RS 2 Bestandteil des Undercover-Programms. Der Auftritt des RS 4 ist – ähnlich wie der seiner zivilen Brüder aus der Avant-Familie – bürgerlich brav. Und er lässt gemäß seinem Karosseriekonzept eher auf eine überwiegend praktische Nutzung als auf sportliche Betätigung schließen.

Der RS4 wirkt nur äußerlich bürgerlich brav

Im Grunde seines Wesens aber ist er das eindrucksvolle Produkt eines automobilen Wettrüstens, das zu immer fantasiereicheren Sportwagen- Variationen führt – was uns nur Recht sein kann. Mit 380 PS hat sich die aus dem Mittelklasse-Milieu stammende und von der jungen Audi-Dependance quattro GmbH in Neckarsulm präparierte Kombilimousine einem Leistungsniveau genähert, das bis vor nicht allzu langer Zeit ausschließlich dem hochklassigen und preislich fast unerreichbaren Genre der Supersportwagen vorbehalten war. Nur in einem Punkt bleibt die Schamschwelle bestehen: Das 250-km/h-Diktat, eine freiwillige Übereinkunft der Großserienhersteller, erfüllt der RS 4 zum Leidwesen der Vmax-Fetischisten so gehorsam, wie er Sprudelkisten oder Kinderwagen – oder auch beides – transportiert. Ähnlich wie im BMW M5, der dem derzeit stärksten Audi als Maßstab zur Seite gestellt wurde, beherrscht auch im RS 4 der Motor die Szenerie. Der in Kooperation mit der britischen Audi-Tochter Cosworth entwickelte 2,7 Liter große Sechszylinder offenbart sich sowohl dem kulturbeflissenen als auch dem leistungshungrigen Autofan als weiterer Meilenstein des Motorenbaus.

Obwohl gegenüber einem Reihensechszylinder mit schwingungstechnischen Nachteilen behaftet, legt der 90-Grad-V6 eine nahezu perfekte Laufkultur an den Tag. Minimale Vibrationen sind allenfalls im Leerlauf zu registrieren. Charakterlich zeigt sich der von zwei Turboladern zwangsbeatmete Fünfventilmotor eindeutig eher den Saugmotoren zugehörig als der klassischen Turbo-Fraktion vom Schlag eines Maserati-Biturbo-V8. Die beiden kleinen, für je eine Zylinderbank zuständigen Turbinen sprechen sanft und frühzeitig an, so dass von einer Antrittsschwäche keine Rede sein kann. Die Leistungskurve kennt knapp oberhalb der Leerlaufdrehzahl nur noch eine Richtung – steil nach oben –, um dann im Drehzahlbereich zwischen 6.000 und 7.000 Touren ein Plateau von erhabener Höhe zu bilden. Kaum weniger eindrucksvoll als die Spitzenleistung von 380 PS ist der Drehmomentberg, dessen steile Flanken ebenfalls kaum noch Rundungen aufweisen. Zwischen 2.500 und 6.000/min liegen ebenmäßig 440 Newtonmeter an. Die Leistungsentfaltung dieses Kraftwerks ist auf geradezu wundersame Weise sanft und brutal zugleich. Die Eingriffe des Motormanagements in die komplizierten Abläufe des Biturbo-Motors bleiben völlig im Verborgenen – den gewieften Software-Spezialisten sei Dank. Die Folge: gleichmäßig anliegender Schub in allen Drehzahlbereichen. Wie gut dieser aufgeladene 2,7-Liter-Motor im Futter steht, zeigt die Tatsache, dass sich der RS 4 nicht einmal im Durchzug vom M5 abhängen lässt, obwohl der ja bekanntlich auf die Kraft eines Fünfliter-V8 zurückgreifen kann.

Der RS4 lässt sich nicht vom BMW M5 abhängen

Den Sprint von 80 auf 200 km/h erledigen die beiden im fünften Gang in exakt derselben Zeit: 21,2 Sekunden. Die dank dem obligatorischen Allradantrieb hervorragende Traktion hilft dem RS 4 erst richtig auf die Sprünge. Er hüpft förmlich vom Fleck, sofern man – wie bei der Beschleunigungsmessung üblich – die Kupplung blitzartig kommen lässt. Den Sprint aus dem Stand schafft der 1.675 Kilogramm schwere Kombi ohne zu zucken in 4,7 Sekunden. Noch eindrucksvoller – weil ungleich aussagekräftiger – ist der Wert bis 200 km/h: Mit 17,0 Sekunden rangiert der Audi in dieser Disziplin immerhin 1,9 Sekunden vor dem BMW M5, der mit 1.833 Kilogramm Gesamtgewicht allerdings auch deutlich mehr Masse auf die Räder bringt. Was die Geräuschentwicklung angeht, übt sich der RS 4 in vornehmer Zurückhaltung – wenngleich der seidenweich drehende Sechszylinder generell eine verheißungsvolle Tonlage anstimmt. Man hört sozusagen die Power, die dahinter steckt – unter anderem auch deshalb, weil Abroll- und Windgeräusche kaum störend in Erscheinung treten.

Die typischen Begleitgeräusche von Turbomotoren, Singen, Zwitschern und Pfeifen, sind im Akustikprogramm des Sport- Avant jedenfalls nicht präsent – leider oder Gott sei Dank. Ebenso wie das antriebsseitige Arrangement zeugt auch die Fahrwerksabstimmung von sehr kundiger Hand. Der RS 4 rollt überaus kultiviert ab: Er zeigt weder nervige Schüttelneigungen auf kurzen Querfugen – was auf eine schwache Dämpfung und/oder zu harte Federn schließen ließe –, noch neigt die Karosserie bei groben Unebenheiten oder zügiger Kurvenfahrt zu unbotmäßigen Nick- oder Wankbewegungen. Der von einer Vielzahl von Sensoren überwachte und elektronisch beeinflusste Allradantrieb nimmt überdies keinen negativen Einfluss auf das Fahrverhalten, das heißt: Der Grenzbereich des RS 4 ist eindeutig definiert. Er wechselt nicht vom Unter- ins Übersteuern, sondern bleibt auch bei Lastwechseln gehorsam in der Spur. Tückische Verhaltensweisen sind dem Audi RS 4 völlig fremd. Die leichte Neigung zum Untersteuern nimmt im Grenzbereich jedoch deutlich zu, sobald man aufs Gas geht. Dies allerdings in einem weit geringeren Maß, als es noch beim Vorgänger der Fall war.

Im Fahrverhalten weist der RS4 keine Tücken auf

Die immensen Traktionsvorteile, die der Allradantrieb speziell im Kurvenausgang bringen könnte, gehen durch diese, dem Sicherheitsgedanken verpflichtete Schiebung jedoch etwas verloren. Die hohen Reserven des schnellen Avant werden nicht minder eindrucksvoll auch im Geradeauslauf deutlich. Stoisch, wie an der Schnur gezogen, zieht der schnelle Kombi selbst bei Höchstgeschwindigkeit seine Bahn. Von Seitenwindempfindlichkeit keine Spur. Auch die feinfühlig arbeitende Lenkung trägt dazu bei, dass im RS 4 ein beruhigendes Gefühl der Souveränität aufkommt. Nicht umsonst ist es möglich, sich mit diesem starken Allradler in fahrdynamische Bereiche zu manövrieren, die sonst nur den Stärksten und Besten der Sportwagen-Branche vorbehalten sind. Die Rundenzeit von 8.25 Minuten auf der Nordschleife zeigt, dass mit dem RS 4 jederzeit zu rechnen ist.

Vor diesem erfreulichen Hintergrund enttäuscht umso mehr, dass die Bremsanlage, der laut quattro GmbH bei der Entwicklung ganz besonderes Augenmerk geschenkt wurde, den hohen Ansprüchen nicht in vollem Umfang gerecht wird. Bei der neu entwickelten, aus dem Motorsport abgeleiteten Anlage kommen gelochte Scheiben in so genannter Verbundtechnologie zum Einsatz. Dabei werden die an der Vorderachse 360 Millimeter großen Gussreibringe über Stahlstifte mit einem Bremsscheibentopf aus Aluminium verbunden. Diese schwimmende Lagerung soll neben der Gewichtsersparnis eine deutliche Verbesserung der Standfestigkeit bei extremer Belastung bewirken – tut dies aber nicht in dem gewünschten Maß. Während bei den Bremsmessungen im kalten Zustand noch sehr gute Verzögerungsleistungen von 10,6 m/s² gemessen wurden, reduzierte sich der Wert nach mehreren Versuchen auf nur noch 9,5 m/s². Der Höchstwert von 11,1 m/s² wurde vor der Ameisenkurve in Hockenheim gemessen – allerdings gleich in der ersten Runde.

Die Bremse des Audi RS4 gibt bei Erwärmung nach

Auf zunehmende Erwärmung – in diesem Fall nach zweieinhalb Runden auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim oder nach eineinhalb Runden auf der Nordschleife des Nürburgrings – schwächelt die mit Faustsätteln operierende RS 4-Bremse jedoch deutlich. Ein nachgebendes Bremspedal, mithin ein veränderter Druckpunkt sowie die erschütternden Klagelaute einer Bremse, der viel zu heiß geworden ist, lassen keine ernsthafte Beanspruchung auf der Rennstrecke zu. Immerhin muss der hoch belasteten RS 4-Bremse zugute gehalten werden, dass sie nach einer Abkühlphase wieder zu ihrer ursprünglichen Leistungsfähigkeit fand und in Folge auch keine bleibenden Schäden, etwa in Form von auffälligem Bremsenrubbeln, offenbarte. Man stelle sich vor, der Audi RS 4 hätte auch auf diesem Sektor ein Vorbild abgegeben – die klassische Sportwagen-Fraktion hätte sich wirklich düpiert fühlen müssen.

Nürburgring Nordschleife 8.25,00 min
5
maximal 10 Punkte

Die auf der Döttinger Höhe gemessene Geschwindigkeit – 251 km/h – zeigt das enorme Leistungspotenzial des Turbomotors. Das Fahrwerk-Setup passt zum Nordschleifen-Profil. Das Fahrverhalten ist völlig unkritisch. Die Bremsanlage hält den Belastungen bei rennmäßiger Fahrweise jedoch nicht stand. Resultat: veränderter Druckpunkt und nachlassende Wirkung.

Hockenheim-Ring Kleiner Kurs 1.18,2 min
5
maximal 10 Punkte

Speziell unter Last schiebt der RS 4 im Kurvenausgang sehr deutlich über die Vorderräder. Ein Ausbrechen des Hecks ist auch mit Gewalt nicht zu provozieren. Auf Lastwechsel reagiert der Avant völlig gelassen. Der hervorragende Bremswert vor der Ameisenkurve war ein einmaliges Ereignis in der ersten Runde. Danach ließ die Wirkung der Bremse deutlich nach.

Beschleunigung / Bremsen 22,4 sek
5
maximal 10 Punkte

Die unschlagbaren Traktionsvorteile und ein bärenstarker Motor bringen den Audi mit Macht nach vorne. Das Getriebe lässt sich sauber schalten; die Gangwechsel funktionieren rasch. Im kalten Zustand zeigt die Bremse gute Wirkung.

Beschleunigung 0-200 km/h:
17,0 s
Bremsen 200-0 km/h:
5,4 s
Windkanal
5
maximal 10 Punkte

Das Avant-Konzept hat nicht nur praktische Vorteile, auch in aerodynamischer Hinsicht gibt es erfreuliche Aspekte. Der cw-Wert ist – trotz zusätzlicher Kühlluftöffnungen, ausgestellter Kotflügel und Dachreling außerordentlich gut: 0,33. Die Auftriebswerte liegen ebenfalls auf sehr niedrigem Niveau. Die Vorderachse wird bei 200 km/h um 21 Kilogramm entlastet. An der Hinterachse sind es sogar nur zwölf Kilogramm. Die Windgeräusche reduzieren sich auf ein sehr niedriges Maß.

Hinterachse bei 200 km/h:
12 kg Auftrieb
Querbeschleunigung 1,15 g
5
maximal 10 Punkte

Die üppige Bereifung, Pirelli P Zero Red in der Größe 255/35 ZR 18, sowie die außergewöhnlich gute Traktion sorgen für vergleichsweise hohe Querbeschleunigungen von bis zu 1,15 g. Die sport auto-Normkurve in der Hockenheimer Querspange schafft der Audi mit 167 km/h.

36-Meter-Slalom 120 km/h
5
maximal 10 Punkte

Der RS 4 lässt sich sehr zielgenau durch den großen Slalom dirigieren. Weder Aufschaukeln, noch ernsthafte Ausbruchsversuche stören den Versuchsablauf. Die exakt arbeitende Lenkung vermittelt ein gutes Gefühl für das Fahrzeug.

Ausweichtest 123 km/h
5
maximal 10 Punkte

Den schnellen Spurwechsel durch die Wechselgasse erledigt der Audi souverän. Unkalkulierbare Fahrzustände sind auf Grund des nahezu narrensicheren Fahrverhaltens nicht zu erwarten. Der RS 4 überzeugt auch hier durch hohe Agilität.

Fazit

Der erste, von der quattro GmbH in Eigenregie gebaute „High-Performance-Avant“ hat die Chance knapp verpasst, im Sportwagen-Segment wie eine Bombe einzuschlagen und für Furore zu sorgen. Der Grund: Die Bremsanlage des 380 PS starken RS 4 erfüllt nicht die Erwartungen, die an sie gestellt werden müssen. Abgesehen von diesem Makel ist hier ein bärenstarkes Auto auf die Räder gestellt worden, das eine ganze Palette von herausragenden Eigenschaften mitbringt. Der V6-Biturbo ist ein beispielhaftes Stück Technik, das unter allen Umständen für Begeisterung sorgt. Insgesamt wurde ein Paket von außergewöhnlicher Vielseitigkeit geschnürt – und das zu einem Preis, der manch einen Konkurrenten beschämen müsste.

Technische Daten
Audi RS4
Grundpreis67.500 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4525 x 1799 x 1386 mm
KofferraumvolumenVDA390 bis 1250 L
Hubraum / Motor2671 cm³ / 6-Zylinder
Leistung280 kW / 381 PS (440 Nm)
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h4,9 s
Verbrauch11,9 L/100 km
Testverbrauch14,6 L/100 km
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