BMW X5 und X6: Sumo cum laude

Von wegen X5 Coupé: Der BMW X6 will sich mit Eigensinn und Finesse von seiner Basis sowie der etablierten Allrad-Clique emanzipieren.

X6 - Was bin ich?
 
Beim heiteren Beruferaten wäre der BMW X6 vermutlich mit einem prall gefüllten Schweinderl von dannen gezogen. Oder würden Sie auf die Idee kommen, einen knapp 4,90 Meter langen, über 2,1 Tonnen schweren Allradler ins Coupé-Genre zu sortieren? BMW schon. Die Presselyrik verspricht jedenfalls unbescheiden-verheißungsvoll: "Sportlicher als in einem X6 lassen sich anspruchsvolle Fahrsituationen nicht bewältigen."
 
Wumm, das sitzt - ist aber vielleicht gar nicht so weit hergeholt. Schließlich umdribbelt bereits ein voll aufgerüsteter X5 im Fahrdynamikparcours - etwa beim ISO-Wedeltest - vermeintlich beweglichere Kompakt-Modelle. Und erst der X6, laut BMW nicht einfach nur ein X5 Coupé, sondern Propagandist einer eigenen Gattung. So firmiert er als Sports Activity Coupé, will sich nachhaltig von skurril gestalteten Exoten koreanischer und amerikanischer Herkunft distanzieren und auf ernsthaft oberklassige Gegner zielen.
 
Ganz gleich ob SUV, Limousine oder Coupé. Ein Anspruch, der sich unter anderem im eigenständigen Innenraum manifestiert. Hier verzichtet der X6 nicht nur auf eine dritte Sitzreihe (beim X5 als Option erhältlich), sondern lädt Gäste im Fond statt auf eine Dreierbank in zwei ausgeformte Einzelplätze mit integrierten Kopfstützen. Getrennt durch einen metallgerahmten Mitteltunnel mit Cupholder und Staufach, logiert man dort in gediegen intimer Atmosphäre hinter den kleineren Seitenscheiben. Luftige Kopffreiheit wie im X5 ist zwar passé, doch Ausbuchtungen im nach hinten stark abfallenden Dachhimmel verhindern, dass einem derselbe auf den Kopf fällt. Dennoch: Menschen über 1,80 Meter Größe krault der schwarze Stoff mehr oder weniger sanft die Mähne.

Edler Sumo-SUV
 
Gepäck reist standesgemäß im teppichbezogenen Heckabteil. Wichtig für die Wunschklientel: Der Platz genügt für vier Golfbags oder aber 540 Liter Standardvolumen (X5: 620 Liter), die hinter der gewaltigen Heckklappe und der hohen Ladekante warten. Die Klappe schwingt wie beim X5 optional elektrisch auf, besitzt etwa für Garagen mit niedriger Höhe eine Zwischenstoppfunktion. Serienmäßig liegen Schienen zur Ladungssicherung im Boden, unter dem sich ein weiteres Staufach verbirgt.
 
Es bietet unter anderem der klappbaren Laderaumabdeckung Asyl, die im X6 das im X5 verwendete Rollo ersetzt. Statt eines Ersatzrades setzt der X6 auf 19 Zoll große Runflat-Reifen. Stichwort groß: Für ernsthafte Transportaufgaben stehen maximal 1.450 Liter parat (X5: 1.750 Liter). Doch wen interessieren schon Transporte, wenn man auf den Fahrersitz schlüpft, mit dem rechten Bein Kontakt zum lederbezogenen Kniepad aufnimmt und die Finger zu den serienmäßigen, silberschimmernden Schalt-Paddeln der Sechsgang-Automatik am Sportlenkrad greifen.
 
Hier vorn ist Showtime, auch wenn die übrigen Änderungen zum X5 eher homöopathisch ausfallen - wie etwa die feinere Skalierung der Rundinstrumente. Macht nichts, schließlich verströmt bereits das X5-Cockpit eher einen oberklassigeleganten Stil als hemdsärmelige Gelände- Romantik. Der X6 soll die Asphalt-Kompetenz aber noch konsequenter rüberbringen. Anscheinend inspiriert von Sumo-Kämpfern, die trotz enormen Gewichts mit einer Kombination aus niedrigem Schwerpunkt, Schnellkraft, Gewandtheit und ausgeprägter Muskulatur Widersacher aus dem Ring drängen, soll auch der X6 für Überraschungen sorgen.

Kraftprotz: 600 Newtonmeter, 407 PS
 
Selbst wenn BMW beim Verkauf nur ein Verhältnis von 20 zu 80 Prozent zwischen X6 und X5 schätzt, hofft man, dass die X6-Gegner speziell auf dem amerikanischen Markt ängstlich schlottern. Immerhin bleiben etwa 50 Prozent des wie der X5 in Spartanburg produzierten X6 gleich in den USA. Allerdings dürfte es dort schwierig sein, die geballte Fahrdynamik-Armada legal auszukosten. Das beginnt schon bei den Motoren, allesamt aufgeladene Direkteinspritzer. Der Star: ein neuer V8- Benziner mit 407 PS. Obwohl nur 4,4 Liter groß, nennt er sich XDrive 50i. Doch wenn seine 600 Newtonmeter Drehmoment ab 1.750 Umdrehungen den Asphalt in Wellen legen, wird niemand über Etikettenschwindel klagen. Schließlich wuchtet er den X6 in 5,4 Sekunden auf Tempo 100.
 
Damit ist der Allrad-Bolide genauso schnell wie das kompakte 135i Coupé, dessen drei Liter großer, 306 PS starker Biturbo im X6 als Basisbenziner dient. Alle vier Motoren bringen die Efficient-Dynamics-Zutaten wie aktive Luftklappen oder Bremsenergie-Rückgewinnung mit, dennoch dürften die beiden Sechszylinder-Diesel mit 235 und 286 PS im verbrauchssensibleren, selbstzünderaffinen Europa besser ankommen. In den USA geben diese ihr Debüt mit Harnstoff-Einspritzung (Advanced Diesel with Blue Performance), die später auch zu uns kommt.
 

Leistung von Anfang an verspricht der aufwendige Bewegungsapparat des X6 - wie beim X5 mit Doppeldreiecksquerlenkern vorn und Mehrlenkerhinterachse, allerdings mit breiterer Spur hinten und zusätzlichen Details modifiziert. Weiter reichen die Änderungen am Antriebssystem. Neben der achsweisen Verteilung der Kraft je nach Fahrsituation, wie sie auch das X-Drive- System im X5 beherrscht, kommt beim X6 noch eine radselektive Momentverteilung an der Hinterachse dazu, die sowohl im Zug- als auch im Schubbetrieb funktioniert. Dynamic Performance Control bekämpft störendes Unter- oder Übersteuern, indem es mehr Kraft auf das Rad mit dem besseren Grip überträgt und damit aktiv und ohne lähmenden Bremseneingriff das Fahrverhalten stabilisiert. Ob das - wie der Rest des X6-Konzepts - funktioniert, wird sich ab dem Verkaufsstart am 31. Mai zeigen.

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Jörn Thomas

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