Infotainment: S-Klasse mit Knöpfchen

Lange hat Mercedes beobachtet und gewartet, doch mit der neuen S-Klasse kommt jetzt auch ein innovatives Infotainmentsystem mit extrem reduzierter Bedienphilosophie.

Die ersten Urteile über das neue Bediensystem der S-Klasse waren schnell gefällt: Mercedes hat den BMW i-Drive kopiert. Zu augenfällig scheinen die Gemeinsamkeiten: Ein großer, silberfarbener Controller prominent auf der Mittelkonsole, reduzierte Knopfanzahl und eine breitflächige Bildschirmhutze direkt neben dem Instrumententräger - ein Déjà-vu des BMW 7er.

Mitnichten. Das neue Comand-System hat mit dem i-Drive-System soviel zu tun wie ein CLS mit einem 6er. Die Mercedes-Interieur-Mannschaft rund um Stefan Sielaff, seines Zeichens ehemaliger Audi-Interieur-Chef und einer der Wegbereiter des MMI-Systems im A8, nutzte die letzten Jahre nicht nur für umfangreiche Nutzer-Untersuchungen rund um den Globus, sondern auch zur geschickten Konkurrenz-Analyse.

Erstes Bediengefühl: Mit dem neuen, satt mechanisch rastenden Drehdrücksteller (BMW elektronisch) gibt es jetzt auch bei Mercedes den Schuss Bedienerotik à la Audi MMI. Mit der praktischen Zehnertastatur als klappbarer Handauflage war Knöpfedrücken zudem noch nie so entspannend. Unterstützt wird der Silberknopf von drei weiteren Tasten: Zwei direkten Quellenwahltasten zur sofortigen Anwahl von Audio, Video, Navigation und Telefon sowie einem Escape-Drücker, der seinen Namen auch verdient, weil er einen nicht zurück ins Nirwana des absoluten Basismenüs katapultiert, sondern die letzte Menüstufe anwählt.

Der Benutzer weiß allzeit Bescheid. Ein Blick auf das hochauflösende, endlich weit oben liegende und im Winkel elektronisch schwenkbare Display offenbart auf einen Blick alle Hauptmenüs am oberen und unteren Rand der Anzeige. Jedes einfach und problemlos mit Ziehen und Drücken des Controllers zu erreichen. Was fehlt, ist der ablenkende Tastenblick wie bei Audi oder das Verlorenheitsgefühl wie bei BMW.

Übersichtlich und klar präsentieren sich auch die Untermenüs

So zeigt zum Beispiel die Klangeinstellung über die komplette Bildschirmbreite ohne weitere Anwahl ihre gespeicherten Werte. Topmoderne Grafiken vermitteln dem S-Klasse-Fahrer auch übers Display echtes Oberklasse-Feeling. Im Untermenü Fahrzeugeinstellungen erscheint ein fotorealistischer Schnitt durch die S-Klasse, je nach angewählter Funktion erhellt sich der Innenraum, erglimmt Licht rund um das Auto oder treten die Sitze hervor. Alles virtuell, alles beeindruckend. Die S-Klasse-Bedienshow als Hingucker nicht nur für Technik-Freaks. Noch viel wichtiger ist, dass hier die Intuition als Bedienungsanleitung reicht.

Auch die viel gescholtene Lenkradsteuerung wurde komplett überarbeitet und mit einer logischen Vier-Wege-Wippe und einem "Ok“-Knopf versehen. Die jeweiligen Menüs erscheinen klar und deutlich im vollfarbigen, digitalen Tachometer. Schnelligkeit zeichnet das neue Comand ebenfalls aus. Mercedes spielt bei der Navigation Trendsetter und setzt gegen Aufpreis eine extrem hurtige 20-Giga-Byte-Festplatte als Kartenspeicher ein. Einen Anschluss für Computer-Speicherkarten (PCMCIA) gibt es sogar serienmäßig.

Viel Licht, wenig Schatten. Nur an ein paar Ecken überzeugt das neue Comand- System nicht. Der eigenwillige Lautstärke-Roller mag ein Tribut an das einheitliche Tastendesign sein, die umständliche Dreherei nervt aber. Einige clevere Schnellwahlfunktionen des alten Comand-Systems (z.B.: schnelle Tankstellensuche) sind der neuen Logik zum Opfer gefallen. Zudem stellt sich die Frage, wieso die Zehnertastatur nur im Telefonmodus zur Verfügung steht. Als zusätzliche Bedienhilfe für den Radiobereich wäre sie ebenfalls sehr hilfreich.

Im Soundbereich spuckt Mercedes große Töne

Zulieferer Harman/Becker hat für die neue S-Klasse ein digitales Surround- Sound-System mit 14 hochwertigen Metallmembran-Lautsprechern auf die Räder gestellt. Weltexklusiv lässt das per optischem Lichtwellenleiter verbundene 600-Watt-System sogar so moderne Musikformate wie DVD Audio und DTS (Digital Theater System) in voller Digitalqualität erklingen. Die Integration des digitalen Verschlüsselungsformats für kopiergeschützte Übertragung macht es möglich.

Mit der Raumklangtechnologie Logic7 erklingen dann auch normale Stereoaufnahmen trotz des engen Auto- Innenraums mit einer verblüffenden Weiträumigkeit. Noch beeindruckender wirkt die Wiedergabe hochauflösenderDigital- Surround-Medien. Mit ihren faszinierenden Raumeffekten und der höchst ausgewogenen Tonalität zeigte die Anlage schon bei einer ersten Hörprobe im Stand ein Klangniveau, an dem sich die Soundsysteme im BMW Siebener und Audi A8 messen lassen müssen.

Der Bassbereich liefert ein mächtiges Fundament hinzu, auch wenn konstruktive Einschränkungen (Heckrollo) auf der Hutablage die Größe des Zusatztieftöners etwas einschränken.

Wie dynamisch sich das Soundsystem gegen die Wind- und Abrollgeräusche durchsetzt, muss der Fahrtest beweisen. Eins ist jedenfalls sicher: Mit dem Infotainment-System in der neuen S-Klasse hat Mercedes den Konkurrenten eine Aufgabe gestellt. Man darf gespannt sein, wie die Antwort ausfällt.

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Alexander Bloch

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