Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows

Kindersitz-Crashtest

Fünf Kindersitze fallen durch

Kindersitzcrashtest auto motor und sport Foto: Reinhard Schmid 41 Bilder

Fünf von zehn zum auto motor und sport-Crashtest angetretenen Kindersitzen fallen durch. So schlecht war die Bilanz seit vielen Jahren nicht. Dass vier Sitze kollabieren, gab es überhaupt noch nie.

10.02.2010 Christian Bangemann

Ein derartiges Desaster hatte die Crashtest-Mannschaft auf der Prüfbahn des TÜV nicht erwartet, im Gegenteil. 18 Jahre nach dem ersten auto motor und sport-Kindersitztest war mit überwiegend guten Ergebnissen zu rechnen. Schließlich lag der letzte Totalausfall eines Sitzes, bei dem Teile aus der Schale brachen, schon fast sieben Jahre zurück. Doch jetzt schauen die Tester verblüfft auf die gebrochene Struktur des Chicco Key 1, ohne zu ahnen, dass der Schrecken bei dieser Serie beinahe kein Ende nehmen will.

Kindersitze wurden im freien Handel gekauft

Aber der Reihe nach. Wie üblich wurden die Sitze vor dem Crash wie vom normalen Kunden im Handel eingekauft. Das Augenmerk bei der Auswahl lag dabei natürlich auf Neuheiten oder modellgepflegten Sitzen. So ist auch zu erklären, dass bei diesem Crashtest keine Babyschalen dabei sind, denn hier ist seit dem letzten Test in Ausgabe 18/2006 nur eine komplett neue Schale auf den Markt gekommen. Ganz anders in der Sitzgruppe I für Kinder bis drei Jahre und der anschließenden Gruppe II-III, deren interessante Zugänge daher das Testfeld bilden.

Kompletten Artikel kaufen
Crashtest Kindersitze im Vergleichtest
auto motor und sport 03/2010
Sie erhalten den kompletten Artikel (inkl. PDF, 8 Seiten)

Bei gebrauchten Sitzen kann Vorschädigung nicht ausgeschlossen werden

Dazu kommt ein gebrauchter Sitz. Vor dem Erwerb von Rückhaltesystemen aus zweiter Hand hat auto motor und sport bisher immer gewarnt. Schließlich kann bei einem älteren Sitz eine Vorschädigung nicht ausgeschlossen werden. Schon ein kleiner Unfall kann einem Kindersitz Schäden zufügen, die eventuell nicht sichtbar sind, seine Schutzfunktion jedoch massiv beeinträchtigen. Der Testsitz stammt allerdings von einem Mitglied der auto motor und sport-Redaktion und war garantiert ohne Vorschaden zum Test angetreten. Er sollte sich bis zu seinem Einsatz noch gedulden müssen, denn wer konnte schon wissen, wie gut der Oldie den empfindlichen Dummy schützen würde. Der Chicco Key 1 wurde als Erster in der Test-Karosserie montiert, weil er mit dem Isofix-Befestigungssystem ausgerüstet ist. Das bot dem Dummy bei früheren Tests häufig ein Quäntchen mehr Schutz als die Sitze, die ausschließlich mit dem Autogurt gehalten werden - es sollte anders kommen.

Kindersitz Key 1 bricht im Crashtest

Allerdings verfügt der Key 1 nicht über die oft verwendete Abstützung im Fußraum vor der Fondbank per Stützbein, sondern über einen Top-Tether genannten Gurt, der hinten im Kofferraum befestigt werden muss. Sein Zweck ist es, die Vorverlagerung des Sitzes zu verhindern, die im Test mit 42 Zentimeter völlig unkritisch ausfällt. Leider ist der Spanngurt im Kunststoff der Sitzunterkonstruktion oberhalb einer Stahlstange und daher mit einem langen Hebelarm befestigt. Die starre Verbindung an der Karosserie ist dann beim Crash zu viel für den Sitz, er bricht über die gesamte Breite durch. Der Tester notiert: System versagt.

Nicht empfehlenswert trotz niedriger Belastungswerte

Es spielt nun keine Rolle mehr, dass die Belastungswerte, die auf den Dummy wirken, nur ein niedriges bis mittleres Verletzungsrisiko zeigen, der Sitz wird zwingend auf "nicht empfehlenswert" abgewertet. Eine nur scheinbar harte Maßnahme. Denn der zerstörte Sitz mag beim so genannten Primär-Unfall - den der Crash simuliert - zwar akzeptabel schützen, aber beim Sekundär-Anprall ist kein Schutz mehr gewährleistet. So ein Folgecrash kommt bei Unfällen auf der Straße aber häufig vor, sei es, dass auf das verunfallte Auto ein weiteres auffährt oder dass das Unfallauto schleudert und gegen ein zweites Hindernis prallt. Insgesamt vier Mal waren die Tester angesichts gebrochener oder versagender Sitz-Konstruktionen geschockt - eine Katastrophe.

Recaro-Sitz ist umständlich im Einbau

Versager Nummer zwei stammt von Recaro. Polaric heißt der sperrige und schwere Isofix-Kindersitz, der anders als die meisten Rückhaltesysteme nicht mit dem Autogurt gesichert werden kann und zwingend auf Isofix-Haltebügel an der Auto-Karosserie angewiesen ist. Beim Polaric handelt es sich um eine bekannte Konstruktion, deren Sitzschale im Prinzip schon seit 2003 als Storchenmühle Primus verkauft wurde, freilich noch ohne Isofix-Untergestell. Mittlerweile wurde aus dem Primus der Polaric, denn Storchenmühle- und Recaro-Kindersitze werden seit Jahren gemeinsam im fränkischen Marktleugast entwickelt.

Schon der Einbau der Polaric-Stahlrohr-Konstruktion gestaltet sich umständlich, denn zu den Isofix-Haltepunkten plus zusätzlichem Stützfuß müssen noch zwei Spanngurte montiert werden. Dabei lässt sich einiges falsch machen.

Bei Crash versagt eine Isofix-Befestigung

Klar ist, dass sich dieser Sitz nicht eignet, um ihn auf die Schnelle von einem Auto in ein anderes mitzunehmen. Auch für den Einsatz im Fond eines Zweitürers kann man den Polaric nicht gebrauchen. Bei abgeschaltetem Beifahrer-Airbag darf man ihn indes vorn montieren. Zum Crash steht er allerdings im Fond - mit ausgefahrenem Stützfuß, fest verzurrten Spanngurten und zwei grünen Indikatoren, die anzeigen, dass Isofix ordnungsgemäß verriegelt ist. Beim Crash öffnet sich jedoch einer von zwei Rastpunkten, und der Sitz schleudert unkontrolliert in der Karosserie herum. Die gesamte beim Aufprall auftretende Last hängt jetzt nur noch an einem statt an zwei Drahtbügeln. So etwas hat es vorher noch bei keinem anderen Versuch gegeben. Die Tester vermuten zunächst einen Montagefehler, der jedoch nach eingehender Begutachtung der Isofixbügel ausgeschlossen werden kann, denn beide sind verformt, haben also Kraft aufgenommen. Wäre die Verriegelung dagegen nicht vollständig eingerastet, hätte der entsprechende Bügel nach dem Test keine Deformation gezeigt. Urteil: System versagt, "nicht empfehlenswert".

Bei Storchenmühle My Seat CL bricht Rückenlehne im Crash

Anders als beim Chicco liegt hier kein Konstruktionsfehler vor. Denn dass sich eine Isofix-Verbindung öffnet, deutet eher auf ein Problem bei der Montage im Werk oder noch davor in der Qualitätskontrolle der verbauten Teile hin. Die Firma Recaro/Storchenmühle soll die Tester noch mit einem weiteren Produkt negativ überraschen. Schließlich bricht beim Storchenmühle My Seat CL, der in der großen Gruppe II-III antritt, die Rückenlehne beim Test ab. Wieder heißt es: System versagt, "nicht empfehlenswert". Diesmal kann ein Montagefehler sofort ausgeschlossen werden, hier spielt eher die Materialwahl eine Rolle, denn der Kunststoff erscheint für den Einsatzzweck zu spröde, worauf auch die scharfen Bruchkanten hindeuten. Auch konstruktiv ist die Rückenlehne nicht ganz geglückt, denn in weiten Bereichen wird sie von Aluminium-Profilen versteift, die eine einfache Höhenverstellung zur Größenanpassung gewährleisten sollen. Aber dort, wo die Profile enden, bricht der Sitz beim Crash ab, vermutlich weil sich die Lehne unter Last nicht harmonisch durchbiegen kann.

Zwei weitere Modelle fallen im Kindersitzcrashtest durch

Der Gruppe I-Sitz Twin One von Storchenmühle zeigt zwar, dass ein Sitz aus diesem Haus den harten auto motor und sport-Crashtest ohne kapitalen Schaden überstehen kann, besonders sicher ist das Modell deswegen aber noch nicht. Hohe Halskräfte lassen kein anderes Ergebnis als "nicht empfehlenswert" zu. Mit dieser Note muss sich auch der Concord Transformer zufrieden geben. Der ambitionierte Gruppe II/III-Sitz mit zwei integrierten Gasdruckfedern für eine mühelose Größenanpassung krankt ebenfalls an einem Konstruktionsfehler, der ganz ähnlich gelagert ist wie der des My Seat CL. Denn die in die Lehne integrierte Gasfeder macht dieses Bauteil nicht nur schwer, es sorgt außerdem für eine Versteifung und verhindert eine Durchbiegung. Folgerichtig bricht die Rückenlehne unterhalb des Metall-Elements fast vollständig durch und belegt damit, dass High Tech und hoher Preis keine Garanten für Sicherheit sind.

Nur zwei Kindersitze können in Gruppe I Crashtest überzeugen

Nur vier Sitze in dieser Testserie taugen dazu, das düstere Ergebnis aufzuhellen. Immerhin zwei Systeme der Gruppe I sind rundum empfehlenswert. Der Besafe Izi Combi X2, dessen Einbau mindestens ebenso kompliziert ist wie sein Name, und der Maxi Cosi Tobi, der zur Montage einen langen Sicherheitsgurt benötigt und sich beispielsweise in einem Ford Kuga nur mit Mühe befestigen lässt. Das Gebrauchtmodell des Tobi war übrigens der Lichtblick des Tests, weil es selbst nach zwei Jahren intensiver Nutzung nichts von seiner Schutzfunktion eingebüßt hat. Der Römer Eclipse bietet immerhin befriedigenden Schutz, hält aber nicht das Versprechen, besonders für kleine Autos entwickelt und geeignet zu sein. Denn dazu müsste er eine sehr geringe Vorverlagerung des Dummy gewährleisten, damit dessen Kopf nicht gegen den Vordersitz prallt. Trotzdem hat der Eclipse die größte Vorverlagerung im Testfeld, ohne echte Probleme zu bereiten.

Auch in Gruppe II-III können nur zwei Sitze überzeugen

Auch in der großen Gruppe II-III gibt es nach dem Abschluss der Versuche zwei Sitze mit Empfehlung: den Cybex Solution X-fix und den Kiddy Discovery pro. Erfreulich ist, dass beide preislich im Mittelfeld liegen und so leicht ausfallen, dass größere Kinder sie auch selbst einmal zwischen zwei Autos hin- und herwechseln können. Nicht zuletzt, weil der Einbau vor allem beim Kiddy wirklich kinderleicht geht, während beim Cybex mit den Isofix-Befestigungen je nach Auto etwas Fummelei nötig ist. Das liegt aber weniger am Sitz selbst als an den Autoherstellern, die die Isofix-Bügel in manchen Fällen aberwitzig unzugänglich in der Fondbank verstecken.

Die Kopfstütze des Solution mit den integrierten Schlafpositionen mag auf dem Papier gut funktionieren, im wirklichen Leben klappt der Kopf des Kindes jedoch ebenso nach vorn wie in den meisten anderen vergleichbaren Sitzen, bei denen die Lehne zum Schlafen nur wenig schräg gestellt werden kann. Kritik verdient auch der Kiddy für seine Schlafposition. Sie kann unpraktischerweise nur dann eingelegt werden, wenn man das Kind abschnallt, den Sitz nach vorn zieht, einen Bügel an der Rückseite ausklappt, den Sitz wieder an die Fondbanklehne drückt und das Kind anschließend wieder festgurtet. Diese Operation lässt sich natürlich nur im Stand durchführen und ist mit einem Vierjährigen im Sitz wirklich keine Freude.

Entwicklungsprogramm von Kindersitzen scheint zu lasch

Dass am Testende dagegen wenig Freude aufkommt, liegt an den Ergebnissen der vier Versager. Sie sind ein Desaster und dazu geeignet, die ewiggestrigen Kindersitz-Verweigerer in ihrer blinden Haltung dem Schutzsystem gegenüber zu bestärken. Es liegt die Vermutung nahe, dass manche Sitze ausschließlich auf das Erfüllen der laschen Zulassungs-Tests hin entwickelt worden sind und der an die Realität angelehnte auto motor und sport-Test offenbar nicht zum Entwicklungsprogramm gehört. Auch nach 150 von der Redaktion durchgeführten Kindersitz-Crashtests in 18 Jahren bleibt also noch viel Potenzial beim Kinderschutz ungenutzt. Die Tests werden weitergehen, damit dies nicht so bleibt.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Autokredit berechnen
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden