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Nightvision

Rotlicht-Viertel

Foto: BMW 8 Bilder

Über 23.000 Menschen sterben in Europa jährlich bei Unfällen während der Nacht. BMW und Mercedes wollen das Fahren bei Dunkelheit sicherer machen. Dafür haben sie Infrarot-Nachtsichtsysteme entwickelt, die auf unterschiedlichen Technologien basieren. Ein Systemvergleich.

27.01.2006

Nachts sind alle Katzen grau – oder hellweiß. Zumindest, wenn es nach dem neuen Nachtsichtsystem von BMW geht. Die seit September für den Fünfer, Sechser und den Siebener erhältliche Technik erfasst ihr Vorfeld mit einer Wärmebildkamera. Dabei nutzt sie den Effekt, dass mit der Wärme eines Objekts auch die Abstrahlung langwelliger Infrarotstrahlung steigt.

Bis zu 300 Meter im Voraus erkennt BMW Night-Vision damit Lebewesen und Dinge, deren Temperatur sich merklich vom Umfeld unterscheidet. Die aufgenommenen Bilder visualisiert der 8,8 Zoll große i-Drive-Bildschirm. Dort, wo sonst Radio- und Navigationsdaten glimmen, erscheint dann ein besonders warmes Objekt, wie zum Beispiel eine über die Straße laufende Katze, als hellweiße Silhouette, während der kältere Asphalt dunkelgrau gezeigt wird.

Mit dieser passiven Infrarotlösung unterscheidet sich BMW grundsätzlich von der Nachtsicht-Variante in der Mercedes S-Klasse. Dort kommt ein aktives System der Zulieferer Bosch und Automotive Lighting zum Einsatz: Spezielle Lampen hellen mit für das Auge ebenfalls unsichtbarem, aber kurzwelligerem Infrarotlicht die Straße auf. Auch hier sorgt eine infrarotsensitive Kamera für die Erfassung. Interessanterweise weist BMW in seiner Pressemappe ausdrücklich darauf hin, dass sein vom Zulieferer Autoliv entwickeltes passives System weniger Bauteile enthält als ein aktives. Es werden keine Zusatzlampen benötigt. Trotzdem nimmt der bayerische Autobauer mit 1.950 Euro Aufpreis sogar 25 Euro mehr als sein schwäbischer Konkurrent. Viel Geld für eine Sicherheits-Technologie, die in absehbarer Zeit auch in den unteren Autoklassen nutzbar sein soll. Auch wenn sich die Aufpreise gleichen, unterscheiden sich die beiden Systeme in der Praxis erheblich.

In der S-Klasse erscheint das Nachtsichtbild direkt im Instrumentenbrett. Der digital angezeigte Tachoskala-Halbkreis wird dafür zu einem schlecht ablesbaren schmalen Streifen am unteren Display-Rand verengt. Darüber erscheint das schwarzweiße Infrarotbild. Bei BMW bleiben die Instrumente dagegen analog und gut ablesbar, die Nachtsicht-Anzeige erfolgt auf dem i-Drive-Bildschirm. So oder so, beide Systeme erfordern zur genauen Analyse, dass der Fahrer den Blick von der Straße abwendet. Um unnötige Ablenkung zu vermeiden, sollte das aber nur geschehen, wenn wirklich eine Gefahrensituation auftritt.

Hier zeigt sich ein vermeintlicher Nachteil des BMWSystems als großer Vorteil. Weil das Bild im Siebener unscharf und grisselig ist, treten Wärmestrahlen aussendende und damit helle Objekte wie Menschen am Straßenrand sehr kontrastreich in Erscheinung. Das menschliche Auge erfasst sie in seinem seitlichen Blickfeld als eindeutige Änderung oder Bewegung. Der Fahrer kann, dermaßen alarmiert, reagieren. Das Nachtbild in der S-Klasse wirkt dagegen mit seiner scharfen Darstellung überladen. Dem Auge fällt es schwer, im sekundären Sichtfeld wichtige Änderungen zu realisieren, und ist gerade bei Lebewesen weniger alarmiert. Trotzdem werden auch hier Fußgänger früher als sonst erkannt.

Der Straßenverlauf lässt sich auf der präzisen Mercedes-Anzeige wiederum deutlich besser erkennen. Um diesen Vorteil nutzen zu können, müsste der Fahrer ausschließlich nach dem Bildschirm fahren – eine unmögliche Angelegenheit. Anders sieht es aus, wenn zum Beispiel ein Felsblock auf der Straße liegt. Unterscheidet sich dessen Temperatur nicht merklich von der der Straße, bleibt er bei BMW unerkannt, während die S-Klasse den Stein klar anstrahlt.

BMW macht indes keinen Hehl daraus, dass die Erkennbarkeit von Personen und Tieren eindeutige Priorität hat. Speziell für den sicherheitssensiblen amerikanischen Markt denkt der Hersteller dabei auch daran, bei der Einfahrt in eine Tiefgarage oder auf das Grundstück etwaige Einbrecher oder Diebe zu detektieren. Die Mercedes-Lösung muss hier passen. Unterhalb von 15 km/h werden die Infrarotlampen ausgeschaltet, da beim längeren direkten Blick in das IR-Licht Augenschäden möglich sind.

Auch wenn das BMW-System derzeit in der Nacht zu besseren Ergebnissen führt, wäre eine Kombination aus beiden Technologien die ideale Lösung.

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