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4 Reifen-Dichtkits im Test

Wie gut ist Tire Fit im Ernstfall?

Reifen-Dichtkits, Test Foto: Beate Jeske 11 Bilder

Reifen-Dichtmittel statt Reserverad – das spart Gewicht und Platz. Doch wie und vor allem wie gut funktioniert das sogenannte Tire Fit im Ernstfall? Wir haben vier in Kompaktklasse-Modellen eingesetzte Reparaturkits getestet.

12.06.2014 Thiemo Fleck

Reifenpanne? Kein Problem, im Kofferraum liegt das Reserverad. Nein? Dann aber mit Sicherheit ein Reifen-Dichtkit. In den letzten Jahren haben diese Reifen-Reparaturkits das klassische Ersatzrad in Fahrbereifung weitgehend abgelöst. Warum? Sie brauchen weniger Platz, sind durchschnittlich rund 18 Kilogramm leichter als Reserverad samt Wagenheber, helfen dadurch Sprit zu sparen und sind letztlich auch preisgünstiger. Mangels praktischer Erfahrungen sind die Vorbehalte gegen solche Systeme allerdings noch recht groß.

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Reifen-Dichtkits im Test Reifendichtmittel
auto motor und sport 11/2014
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Bei vielen Fahrzeugherstellern haben sich Tire Mobility Sets durchgesetzt, die aus einem elektrischen 12-Volt-Kompressor und einem speziellen Reifendichtmittel (meist in Quetschflaschen) bestehen. Generell ist ihre Anwendung mit weit weniger körperlicher Anstrengung verbunden als ein Radwechsel. Das Ersatzrad aus den Tiefen des Kofferraums zu hieven, den Wagen aufzubocken und das Rad zu montieren, erfordert einen erheblichen Muskeleinsatz. Gegen derlei kraftraubende Randstreifen-Akrobatik ist die Anwendung von Reifen-Dichtkits ein Kinderspiel: Selbst bei den etwas aufwendigeren Systemen von BMW und Volkswagen sind nur wenige Arbeitsschritte nötig.

Anwendung ohne Kraftaufwand

Zunächst macht man den beschädigten Reifen durch Ausschrauben des Ventileinsatzes drucklos und drückt das Dichtmittel via Kunststoffschlauch und Quetschflasche in den Reifen. Anschließend wird der Ventileinsatz wieder eingedreht und der Reifen per Kompressor aufgepumpt. Das flüssige Dichtmittel, bestehend aus Latex, Fest- oder Faserstoffen sowie Harzen, gelangt erst beim Fahren an die Schadenstelle und dichtet diese durch Verstopfen und Verkleben ab.

In der Anwendung komfortabler sind Zwei- oder Ein-Schlauch-Systeme. Bei Ersteren wird der Kompressor über einen Schlauch zuerst mit der Dichtmittelflasche verbunden, eine zweite Leitung führt das Dichtmittel unter Druck durch den eingebauten Ventileinsatz in den Reifen. Beim Ein-Schlauch-System, etwa bei Ford, wird der Dichtmittel-Behälter direkt auf den Kompressor aufgeschraubt, der die Reparaturflüssigkeit durch lediglich einen Verbindungsschlauch und das Ventil in den beschädigten Reifen presst.

Eine Alternative zu den genannten Systemen sind die im Autozubehör erhältlichen Pannensprays wie das hier mitgetestete Reifen-Pilot von Holts (www.holtsauto.com). Hier wird das Dichtmittel aus dem Druckbehälter via Treibgas in den komplett drucklosen Reifen gedrückt, schäumt dort auf und erreicht nach den ersten Radumdrehungen die Schadenstelle, um dort auf bewährte Weise abzudichten.

Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt der Test: Mit Stecheisen unterschiedlicher Durchmesser bewaffnet, geht’s dem Gummi an den Kragen: Den kleinen Stich mit rund zwei Millimetern Durchmesser spürt der Reifen kaum. Der Luftverlust ist auch nach fünf Minuten kaum messbar, die Reparatur für alle Dichtmittel ein Kinderspiel. Gravierender ist der anschließende Stich mit der Vier-Millimeter-Lanze. Doch auch diesen können alle Kits noch ohne nennenswerten Druckverlust parieren. Nun der Stich mit dem Sechs-Millimeter-Eisen: Jetzt pfeift die Luft nur so aus dem Reifen. Nach drei Minuten ist der Pneu mit einem Restdruck von 1,45 bar fast platt. Können die Dichtmittel hier noch etwas ausrichten?

Teils, teils. Während es den Systemen aus Focus und Golf nicht gelingt, den Stich durch die Lauffläche während der Fahrt abzudichten, schafft es das BMW-Kit trotz deutlichem Dichtmittelaustritt, die Luft anzuhalten. Auch der Reifen-Pilot von Holts kann das Leck gerade noch schließen. Doch spätestens beim Sieben-Millimeter-Eisen müssen alle passen, keiner der flüssigen Nothelfer kann den Luftverlust eindämmen.

Bei 7 mm ist die Luft raus

Stiche mit 7 mm Durchmesser sind jedoch in der Praxis extrem selten. Nach einer Studie von Continental sind rund 70 Prozent der eingefahrenen Gegenstände nicht größer als die sicher verschließbaren drei Millimeter, die Beschädigungen befinden sich meist im reparablen Laufstreifen.

Die Statistik spricht damit für die Reifen-Dichtkits. Ebenso die Risikoabwägung: Wer will schon auf der Autobahn, in Tunnels, im Winter oder an stark abschüssigen Strecken das Auto zum Radwechsel aufbocken? Mit Reifen-Dichtkits lassen sich solche Situationen mit wenig Stress und ohne Kraftaufwand bewältigen. Mit etwas Übung war die Weiterfahrt schon nach weniger als zehn Minuten möglich.

So haben wir getestet

Um den maximal reparablen Stichdurchmesser zu ermitteln, wurden die eingesetzten Testreifen (Conti Premium-Contact im Format 205/55 R 16) bei einem Luftdruck von 2,5 bar im Profilgrund der Laufstreifenmitte mit Stecheisen unterschiedlicher Durchmesser (2, 4, 6 und 7 Millimeter) rechtwinklig durchstochen. Über den Abgleich des Druckverlusts wurde die Vergleichbarkeit der Beschädigungen sichergestellt. Nach Einbringen des Dichtmittels fuhren wir mit dem Testwagen durch einen Parcours mit Wechselkurven. Mehrfache Druckmessungen in genau definierten Zeitabständen sowie die Dichtprüfung der Schadstelle mit Leckagespray dokumentieren den Druckverlust bis zur Abdichtung.

Diese Reifen-Dichtkits haben wir getestet
BMW Mobility Set
Continental Mobility Kit
Volkswagen Tire Mobility Set
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Reifen platt? 10 Tipps, die Sie weiterbringen

Professionelle Hilfe suchen
Vor jedem Reparaturversuch mit Reifendichtmittel nach Möglichkeit Pannendienste, Fachwerkstätten oder Reifenhändler kontaktieren. Sie sind in der Lage, den defekten Reifen dauerhaft zu reparieren oder auszutauschen.

Fremdkörper im Reifen belassen
Einen eingefahrenen Nagel zunächst im Reifen belassen und Luftdruck in kurzen Abständen korrigieren. So kann eventuell noch eine Fachwerkstatt erreicht werden.

Immer erst die Anleitung lesen
Soll das Pannenset eingesetzt werden, die Anleitung besser vor Reparaturbeginn und nicht erst auf der Fahrbahn lesen und beachten. Beschädigungen der Reifenseitenwand können grundsätzlich nicht repariert werden.

Absichern
Bei allen Reparaturen in Fahrbahnnähe sind Warnblinker, Warndreieck und Warnweste Pflicht. Zusätzliche Leuchten sorgen nachts für mehr Sicherheit. Personen, die nicht unmittelbar am Fahrzeug arbeiten, sollten abseits – etwa hinter der Leitplanke – Schutz suchen.

Für sauberen Untergrund sorgen
Im Schmutz abgelegte Ventileinsätze können schnell undicht werden.

Schadenstelle des Reifens zur Reparatur nach unten drehen
So kann das Dichtmittel die Beschädigung direkt erreichen. Fahrzeug anschließend bis zur Abdichtung nur vorsichtig bewegen.

Dichtmittel richtig verteilen
Bei kleineren Beschädigungen in Reifenschulter und -flanke kann es gelingen, durch vorsichtige Kurvenfahrt das Dichtmittel zum Abdichten an die Schadstelle zu bringen.

Luftdruck überwachen
Reifenluftdruck nach Reparatur zur Sicherheit in kurzen Abständen prüfen.

Dichtmittelmenge bei Räderwechsel dem Bedarf anpassen
Oft ist die Serien-Dichtmittelmenge bei Umrüstung auf Breitreifen zu gering. Laut Continental sollten für Reifen bis 205 mm Breite rund 300 ml Flüssigkeit, für 245er rund 450 ml und für Sportreifen über 245 mm Breite rund 560 ml an Bord sein.

Belastungsgrenzen beachten
Fahren Sie nicht schneller und nicht weiter als in den Herstellerangaben empfohlen. Den beschädigten Reifen schnellstmöglich professionell reparieren oder austauschen lassen. Meist werden bei Reparatur oder Neukauf eines Reifens keine zusätzlichen Kosten für die Reinigung der klebrigen Felge in Rechnung gestellt.

Fazit

Reifen-Dichtkits sind gegenüber Reserverädern leichter, kleiner und einfacher anzuwenden – letztlich aber in ihrer Leistungsfähigkeit begrenzt. Doch auch ein Ersatzrad nützt nur dem, der wirklich damit umgehen kann. Bei festgerosteten Schrauben, fehlendem Knowhow oder körperlicher Kraft geht's auch damit nicht mehr weiter. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, wählt schon beim Neuwagen pannensichere selbsttragende Reifen mit elektronischer Reifendrucküberwachung. Die Elektronik kann auch bei Standardreifen frühzeitig vor Druckverlust warnen und damit schwerwiegendere Reifendefekte vermeiden.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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