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Technik Tiererkennung

Elchtest auf schwedisch

Wildwechsel, Wald Foto: Hersteller 6 Bilder

Volvo trainiert derzeit sein Kollisions-Warnsystem darauf Wild zu erkennen. Im Fokus der Techniker: der Elch. Er sorgt in seinem Heimatland für schwere Unfälle. Wie kann man die künftig vermeiden?

18.01.2012 Michael von Maydell

Wohl kaum ein Volvo-Ingenieur kennt sich mit Elchen derzeit besser aus als Andreas Eidehall. Seit rund zwei Jahren sitzt er hauptverantwortlich an der Weiterentwicklung der bereits im Volvo S60 eingeführten Fußgängererkennung mit automatischer Notbremsfunktion und studiert Form, Farbe und Bewegungsmuster des schwedischen Vierbeiners.

Künftig, so das ehrgeizige Ziel, soll ein Volvo auch Tiere erkennen, Alarm schlagen und letztlich selbstständig die Geschwindigkeit reduzieren können. Und da der Elch in den nordischen Ländern immer wieder für heftige Unfälle sorgt, steht zunächst dieses heißgeliebte Huftier im Fokus der „Ermittler“.

Wildunfall mit Elch oft tödlich

Es gilt eine Software zu programmieren, die die gesammelten Daten von Infrarotkamera und Radar auswertet, mit sämtlichen gespeicherten Elchformen vergleicht und final die Warnung auslöst. Bei Tag und bei Nacht. Die Zwickmühle, in der die Entwickler zunächst steckten, kennen auch viele Touristen: Obwohl in Schweden im Schnitt neun Elche auf 1.000 Hektar Land leben, sind sie nur schwer zu entdecken. Eidehalls trockener Kommentar: „Mooses are designed not to be seen.“ Mit ihrem grauen Fell verschmelzen sie quasi mit den grauen, nebligen Wäldern. Zudem stapfen die maximal 2,40 Meter hohen und 800 Kilogramm schweren Tiere besonders in den Wintermonaten gerne durch die dunkle Nacht – auf der Suche nach einem passenden Partner. Entsprechend groß ist die Gefahr, dass so ein Koloss doch einmal im Scheinwerferlicht auftaucht.

Die Zahl der Wildunfälle lag in Schweden im Jahr 2010 bei mehr als 47.000, darunter waren 7.000 Elche. Und die Folgen eines Aufpralls sind verheerend, oft tödlich. Das Problem: Wegen ihrer langen Beine (Körperschwerpunkt 1,35 Meter über Grund) schlagen die ausgewachsenen Tiere nicht am Stoßfänger auf, sondern knallen mit voller Wucht gegen Frontscheibe und A-Säulen. Wer sich dann nicht geistesgegenwärtig wegduckt und voll auf die Bremse geht, braucht nicht nur einen Schutzengel. Denn der Aufprall reduziert die Fahrzeuggeschwindigkeit (bei 90 km/h) meist nur um zehn bis 20 km/h, und so rauscht der Unfallwagen, teils mit dem Elch auf der Haube, mit 70 km/h und geschockten Insassen weiter. Auch die Airbags lösen aufgrund der zu geringen Verzögerung nicht aus.

Programm erkennt nur Elche, kein anderes Wild

Um derartige Unfälle künftig zu verhindern, zogen die Entwickler – auf der Suche nach Elch und weiterem Damwild – letztlich in einen Wildpark und sammelten hier die entsprechenden Daten. Das Ergebnis sind unter anderem die beiden Dummy-Tiere Hälga und Hälge, mit denen sie nun auf den Volvo-Teststrecken ihre Software weiter testen, nachschärfen und Bremsprofile abspeichern. Aktuell arbeitet das System bis zu einer Geschwindigkeit von 120 km/h und erkennt einen Elch auf einer geraden Straße ab 75 Meter Abstand. Vernünftig gefahren, bleibt so genügend Platz, um das Fahrzeug sicher abzubremsen. Wer zu flott unterwegs ist, riskiert einen Crash. Dennoch sei auch den Schnelleren schon viel geholfen, erklärt Thomas Broberg, leitender Sicherheitsexperte bei Volvo Cars: „Die Temporeduktion ist für uns enorm wichtig. Denn je geringer die Aufprallgeschwindigkeit, desto mehr helfen unsere passiven Assistenzsysteme weiter.“

Bis die Tiererkennung in Serie geht, wird es aber noch ein paar Jahre dauern. Zu schwierig ist der reproduzierbare Abgleich zwischen Muster und realem Tier. Und auch wenn es soweit wäre, würde das System nur Elche erkennen. Auf die häufigsten Unfalltiere in Deutschland – Wildschwein und Hirsch – nimmt die Software noch keine Rücksicht. So sollte sich Andreas Eidehall schon mal in unseren Wildparks umsehen. Denn bei über 200.000 Wildunfällen hierzulande wäre das Interesse an einer funktionierenden Tiererkennung sicher groß.

Interview mit Peter Mertens, Senior-Vizepräsident Entwicklung Volvo

Volvo lag mit seinen Sicherheitssystemen immer schon weit vorn. Welche Entwicklungen können wir in den nächsten Jahren noch erwarten?

Mertens: Unser Ziel ist es, dass spätestens im Jahr 2020 kein Insasse eines Volvo mehr verletzt oder gar getötet wird. Hierfür entwickeln wir zum einen unsere aktuellen Modelle in ihren Karosseriestrukturen und Assistenzsystemen immer weiter. Zum anderen arbeiten wir gerade intensiv am Thema der aktiven Querbewegung, also intelligent vor Hindernissen warnen und automatisch ausweichen. Hier können Sie innerhalb von fünf bis zehn Jahren noch spannende Systeme erwarten.

Kann man die passive Sicherheit der modernen Fahrzeuge noch entscheidend steigern?

Mertens: Ich habe ja schon angedeutet, dass wir uns mit jeder Modellverbesserung auch die Karosserie nochmal anschauen. Aber sicher ist hier keine Revolution mehr zu erwarten.

Gibt es demnächst auch einen Volvo mit aktiver Motorhaube oder Nachtsichtassistent?

Mertens: Im Sinne des Fußgängerschutzes käme eine aktive Motorhaube sicher nicht ungelegen. Von einem Nachtsichtassistent halten wir bei Volvo wenig. Der lenkt nur den Fahrer ab, und genau das gilt es doch zu vermeiden.

Noch eine Frage zur Modellpolitik von Volvo. Nehmen Sie die traditionellen Fünfzylinder tatsächlich aus dem Programm?

Mertens: Ja. Wir entwickeln derzeit eine komplett neue Motorenpalette. 2013 ist es soweit. Wir setzen auf kleine, effiziente Turbos mit mehr Leistung als bei sechs Zylindern und weniger Verbrauch als bei vier Zylindern. Und wer noch schneller sein will, ordert einen E-Motor dazu.

Der sitzt an der Hinterachse?

Mertens: Genau. Dank einer intelligenten Modulplattform wird das für alle neuen Volvo möglich sein.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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