BMW 118i und VW Golf 1.4 TSI im Vergleichstest

Fahrdynamik gegen Ausgewogenheit

VW Golf 1.4 TSI Highline, BMW 118i Sport Line, Heck

Gewinnt der BMW 1er das erste Mal gegen die Nummer eins der Kompaktklasse, den VW Golf? Im ersten Vergleichstest muss sich das Topmodell, der BMW 118i Sport Line, gegen den reichhaltig ausgestatteten Golf 1.4 TSI Highline beweisen.

Es mag Leser geben, die einfach einen sportlichen Kompakten mit Heckantrieb suchen. Okay – hier ist er: BMW 118i Sport Line. Bestellen, bezahlen, glücklich sein – denn der 170 PS starke BMW 1er ist ein top motorisierter Premiumwagen, der neben reichlich Dynamik nun auch genügend Platz und Fahrkomfort bietet. Angesichts eines Einstiegspreises von 28.650 Euro dürfte sich so manch einer aber auch mit Zögern dem BMW-Händler nähern und nach günstigeren Alternativen suchen.

Ein Golf 1.4 TSI Highline mit 160 PS zum Beispiel? Macht viertürig 25.085 Euro. Der Fronttriebler bietet für sein Geld zwar längst nicht so viel Flair und Ausstattungsvielfalt wie der BMW 1er in der Generation 2.0, ist aber trotz seines Alters immer noch ein hart zu knackender Gegner. Dies zeigen schon die Karosserie-Kennwerte. Auf einer Länge von 4,2 Metern bietet der VW Golf nicht nur den deutlich höheren und breiteren Innenraum, mit maximal 1.305 schluckt er auch über 100 Liter mehr Gepäck.

Gleiches Platzangebot im größeren BMW 1er

Der BMW 1er, dessen Vorgänger für sein mageres Platzangebot viel gescholten wurde, ist mit seiner neuen, bewusst vergrößerten Karosse in Sachen Gepäckvolumen nun zwar auf Reiseflughöhe; in den edel verkleideten Kofferraum passen mit 360 zehn Liter mehr als in den VW Golf. Aber eben nur da. Trotz einer über zehn Zentimeter längeren Karosserie bietet der Rest des BMW 1er auf seinen sportlich ausgeformten Sitzplätzen nicht mehr Platz als der fast sechs Zentimeter höhere Volkswagen. Eine dicke C-Säule in Kombination mit einem klein geratenen Rückfenster verleiden zudem den Ausblick nach hinten.

Wer sich an dem enger geschnittenen Innenraum stört – BMW-Fans würden sagen, der sitzt wie ein gut geschneiderter Maßanzug –, kann sich als Ausgleich an dem hochwertig ausgeführten Cockpit erfreuen, das mit sauberer Verarbeitung und edlen Materialien seinem Premium-Anspruch vollends gerecht wird. Der VW Golf wirkt auch in der Highline-Ausführung mit perfekt-sachlichem Cockpit und viel grauem Hartkunststoff biederer.

VW Golf mit 160 PS, BMW 1er mit 170 PS

Auch schön im BMW 1er: der Blick nach vorn. Mit seiner langen Haube präsentiert sich der kompakte BMW stolz als Verfechter des längs eingebauten Motors und lässt fast schon roadsterartige Gefühle aufkommen. Auf einen passenden Reihensechser muss dieser Kompakte jedoch noch verzichten. Unter der Haube rackert ein hochmoderner Vierzylinder mit ordentlich Kraft, aber wenig Hubraum. Aus 1,6 Litern holt der über einen Twinscroll-Turbo zwangsbeatmete Direkteinspritzer 170 PS und ein Drehmoment von soliden 250 Newtonmetern heraus, das ab 1.500 Touren bereitsteht. Das reicht für einen zackigen Sprint auf 100 km/h in unter acht Sekunden oder auch für einen lässigen Zwischenspurt im fünften Gang.

Der Golf 1.4 TSI ist dank hintereinander geschaltetem Kompressor und Turbo mit 160 PS und 240 Newtonmetern kaum schlechter aufgestellt und bietet eine ebenso harmonische Leistungsentfaltung wie der BMW 1er.

Sportlichen Motorsound, das sei hier noch erwähnt, bieten allerdings weder BMW 1er noch VW Golf. Beide Aggregate geben sich nur durch gelegentliches Turbozischeln zu erkennen, ansonsten sind eher die Windgeräusche der vorlauten Außenspiegel zu vernehmen als die kultivierten Motoren.

BMW 1er mit Start-Stopp und Rekuperation geringeren Verbrauch

Mit einem Testverbrauch von 8,6 Liter/100 km ist der stärkere BMW 1er aber einen Schluck sparsamer. Der Grund: Im VW Golf sorgt weder ein Start-Stopp-System für Ruhe an der Ampel noch sammelt der Volkswagen selbsttätig wieder Bewegungsenergie ein. Hinzu kommt ein serienmäßiger Fahrerlebnisschalter, der die BMW-Piloten auf Knopfdruck (im Eco-Pro-Modus) zu vernünftigem Fahren erzieht und das Ansprechverhalten von Motor und Klimaanlage im Zaum hält.

Im BMW 1er Testwagen lassen sich mittels Fahrerlebnisschalter auch das optionale adaptive Fahrwerk (1.100 Euro) und die beeindruckend präzise variable Sportlenkung (450 Euro) Richtung Komfort oder Sport trimmen. Fahrdynamisch zeigt sich hier schnell, dass der neue BMW 1er nichts verlernt hat – im Gegenteil. Ob auf der Teststrecke oder Landstraße, der BMW 1er präsentiert sich enorm agil und lässt sich präzise durch Kurven aller Art dirigieren. Und der Komfort bleibt auf der Strecke? Falsch. Auch wenn der Hecktriebler straffer ausgelegt ist als der VW Golf, lässt er kaum Stöße zu den Insassen durch und bietet so Dynamik ohne Reue – trotz üppiger 18-Zoll-Bereifung. Erst auf Straßen übelster Sorte gerät die Karosse in Unruhe und zeigt die Grenzen des Sportfahrwerks auf.

Der ebenfalls mit adaptiven Dämpfern ausgerüstete VW Golf (975 Euro) bleibt hier gelassener, folgt in flotten Kurven aber mit wenig Abstand und beweist wieder, dass auch ein Fronttriebler mittels perfekt eingestellter Servolenkung und elektronischem Sperrdifferenzial keine Spaßbremse ist. Trotz fehlender Assistenzsysteme hat der leicht angegraute VW Golf so letztlich die Nase knapp vorne, nur um dann im Kostenkapitel voll abzuräumen. Solange der Volkswagen preislich Abstand hält, dürfte es für den BMW 1er also schwer werden, tatsächlich Platz eins unter den Kompakten zu erobern.

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Michael von Maydell

Autor:

auto motor und sport, Heft 23 / 2011

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