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BMW 335i und Porsche 911 Cabrio im Vergleichstest

Beim sportlichen Freilufterlebnis liegt der Porsche vorn

BMW 335i Cabriolet, Porsche 911 Carrera Cabrio Foto: Rossen Gargolov 11 Bilder

Pünktlich zum Frühjahr schickt BMW das 335i Cabriolet auf Kundenfang. In der 306 PS starken Ausführung trifft der Viersitzer auf die Referenz aus Stuttgart: das 325 PS starke 911er Cabrio.

17.04.2007 Anja Wassertheurer Powered by

Was ist Fortschritt? Die Literatur versteht darunter „eine als Verbesserung bewertete Veränderung des Zustandes“, oder auch „die Aufeinanderfolge von Formen und Zuständen in dem Sinn, dass die zeitlich späteren zugleich die wertmäßig höheren sind.“ Die Automobilindustrie ist sich im Hinblick auf Cabriolets ähnlich einig. Seitdem es ersten Vertretern der offenen Zunft gelang, mit einem versenkbaren Coupédach Kunden zu locken, sprangen immer mehr Hersteller auf den von Mercedes mit dem SL in Fahrt gebrachten Zug.

Oft sind Hardtops mit ästhetischen Zugeständnissen verbunden

Dass Cabrios auf Stahl- statt Stoffdach setzen, ist heute eher die Regel denn eine Ausnahme. Aber ist es deshalb auch notwendigerweise gut? Schließlich verlangen die von der Industrie kreierten stählernen Mehrteiler unserem ästhetischen Empfinden nicht selten erhebliche Zugeständnisse ab. Die Linienführung eines Ford Focus Cabrio ist im besten Fall ebenso gewöhnungsbedürftig wie die eines zugeknöpft vorbeihuschenden Nissan Micra C+C. Von den ersten, sinnigerweise mit Wurfhenkel versehenen CC-Kreationen des Hauses Peugeot einmal ganz zu schweigen. Einzig das feste Überdachen veritabler Zweisitzer ging bislang als einigermaßen gelungen durch. Im Mercedes SL und SLK kann man sich ebenso sehen lassen wie im unlängst präsentierten Mazda MX-5 RHT. Mit Blick auf die bisherigen Vertreter der viersitzigen Coupé/Cabrio-Spezies stellt sich jedoch die Frage, ob die genannten Definitionen nicht aus gutem Grund so formuliert wurden, wie sie heute nachzulesen sind. Ob das elektrisch versenkbare Hardtop nicht vielleicht tatsächlich nur deshalb als Verbesserung angesehen wird, weil es das Softtop schon lange gibt und uns das Neuere schlichtweg als wertmäßig höher erscheint. Was will man schließlich mit altem Gelump?

In Anbetracht der derzeit geführten CO2-Debatte empfiehlt sich jedoch eine differenziertere Betrachtungsweise. Ein geeignetes Studienobjekt stellt BMW. Mit der unlängst präsentierten offenen Fassung des Dreiers halten nun auch die Bayern ein Hardtop-Cabriolet im Portfolio – ein recht ansehnliches zudem. Die Proportionen des zweitürigen Viersitzers sind besser gelungen als bei der Konkurrenz, die Nähe zum dauerhaft geschlossenen Bruder blieb gewahrt. Ob das Cabrio dem im sport auto-Supertest so überzeugenden Coupé auch fahrdynamisch das Wasser reichen kann, muss der Test klären. Da das hinterradgetriebene, 306 PS starke 335i Cabriolet innerhalb seiner Gattung tatsächlich in eine Lücke stößt – die Konkurrenz tritt entweder mit Allrad (Audi S4 Cabrio), deutlich mehr (Mercedes CLK 500 Cabrio) oder weniger Leistung (Mercedes CLK 350 Cabrio) an – und es zudem gilt, nicht immer die nahe liegenden, sondern zuweilen auch diffizilere Fragestellungen zu beantworten, haben wir dem Münchener in diesem Fall mit dem Porsche 911 Carrera einen sehr unbequemen Gegner zur Seite gestellt.

Das Verhältnis von Gewicht und Leistung studieren

In Bezug auf den Ausgang eines herkömmlichen Vergleichstests sicher ein gewagter Schritt. Der Sieg des BMW gegen die sportliche Cabrio-Referenz aus Stuttgart-Zuffenhausen scheint ausgeschlossen zu sein. Andererseits lassen sich anhand der im Grunde gar nicht so ungleichen Paarung trefflich jene Dinge studieren, die es spätestens seit Vorliegen des die Klimakatastrophe ankündigenden IPCC-Berichts zu diskutieren gilt. Das bereits in der Leichtbaugeschichte ab Seite 12 beschriebene Verhältnis von Gewicht und Leistung beispielsweise. Streng genommen sind der Porsche 911 Carrera und der BMW 335i in der Coupéspezifikation nämlich gar nicht mal so weit voneinander entfernt. Die hervorragenden Ergebnisse des BMW Coupé im Supertest (Ausgabe 10/2006) belegen dies. Anders als Porsche hat BMW bei der Entwicklung des entsprechenden Cabrios jedoch Wert auf plakativen Fortschritt gelegt und dem offenen 335i ein auf Knopfdruck im Kofferraum verschwindendes dreiteiliges Hardtop mit auf den eiligen Weg gegeben. In der Folge bringt der Bayer beachtliche 232 Kilo Mehrgewicht auf die Waage. Dank der aufwendigen, das im Kofferraum befindliche Verdeck lagernden und die Schwingungen dämpfenden Mimik hat sich auch die Gewichtsbalance des Dreiers verschoben. Während beim Coupé 51,6 Prozent des Gewichts auf der Vorderachse lasten, trägt das Cabriolet 52,7 Prozent seiner Masse auf der Hinterachse.

Beim von Haus aus hecklastigen Porsche fällt der Gewichtsvergleich zwischen Coupé und Cabriolet ungleich günstiger aus: Das sorgfältig verarbeitete, den 2+2-sitzigen Innenraum überspannende und gleichfalls elektrisch betätigte Softtop schlägt mit gerade einmal 80 zusätzlichen Kilogramm zu Buche. Somit wird aus den die beiden Kontrahenten in der Coupéspezifikation trennenden 140 Kilogramm in der Cabrioversion ein veritables Pfund: Der offene Dreier ist nunmehr rund 300 Kilo schwerer als der offene Elfer. Das muss Spuren hinterlassen – sowohl in fahrdynamischer als auch in ökonomischer Sicht. Masse lässt sich nicht umsonst bewegen. Tatsächlich langt das 335i Cabrio an der Zapfsäule deutlich stärker hin als das 306-PS-Coupé. Jenes begnügte sich im Supertest mit vorbildlich bescheidenen 11,8 Liter Super Plus, das Cabrio verlangt im Mittel 15,2 Liter Brennstoff auf 100 Kilometer. Auch bei Porsche fällt der Verbrauchsabgleich zu Ungunsten des Cabrios aus, allerdings benötigt dieses in diesem Fall nur rund zwei Liter Super Plus zusätzlich. Bleibt zu klären, inwieweit sich das beachtliche Mehrgewicht auf Agilität und Fahrdynamik auswirkt. In der auf die horizontale Fortbewegung beschränkten, reinen Beschleunigungsprüfung erst einmal wenig. Hier steht der offene dem geschlossenen Bruder kaum nach.

Trotz Übergewicht ist das BMW Cabrio ein guter Sprinter

Angesichts der Tatsache, dass das BMW Cabrio je Leistungseinheit 6,0 statt 5,3 Kilogramm wie das Coupé in Bewegung setzen muss, gehen die Sprinterqualitäten des offenen Bajuwaren voll in Ordnung. Dank des fabulösen Dreiliter-Biturbo-Sechszylinders unter der vorderen Haube erreicht das 335i Cabrio trotz des Strafgewichts nach 5,8 Sekunden Landstraßentempo. 180 km/h liegen nach 17,7 Sekunden an. Das Coupé erledigte die gleichen Übungen im Rahmen des Supertests in 5,6 respektive 16,9 Sekunden. Bei der die negative Beschleunigung abdeckenden Bremsprüfung sieht die Sache dann schon anders aus: Hier macht die gestiegene Masse der mit 348-Millimeter-Scheiben vorn und 336er-Discs hinten identisch dimensionierten Bremsanlage spür- und messbar zu schaffen. Bereits ab der achten Vollbremsung aus 100 km/h sendet das Dreier-Cabrio warnende Rauchzeichen aus Richtung der vorderen Radhäuser. Beim zehnten Haltemanöver ist der Pedalweg deutlich länger, die Verzögerung messbar schlechter geworden. Statt mit 10,5 m/s² packt die Bremse des 335i Cabrios nunmehr nur noch mit 10,1 m/s² zu.

Das Porsche Cabrio gibt sich keine derartige Blöße. Seine Bremse beißt auch beim zehnten Mal kaum minder fest zu als beim ersten. Insgesamt verzögert er mit bis zu 11,5 m/s² auf deutlich höherem Niveau. Der für die Wertung relevante, im warmen Aggregatzustand ermittelte Bremsweg fällt beim 911 mit 35,0 Meter eine Kleinwagenlänge kürzer aus als beim 335i. Der BMW kommt erst nach 38,3 Meter zum Stehen. Das eher mäßige Abschneiden des Dreier-Cabriolets bei der Zeitenhatz ist der Bremse hingegen nicht anzulasten. Den Belastungen von drei auf dem Kleinen Kurs gefahrenen Runden hielt die gut ansprechende Anlage klaglos stand. Auch in Sachen Fahrverhalten kann der offene BMW zur Gänze überzeugen: Er lenkt gut ein, bleibt neutral und verlangt seinem Piloten zu keiner Zeit überragende fahrerische Qualitäten ab. Auf der Uhr macht dem 335i Cabrio einzig und allein sein mit 1.842 Kilogramm doch sehr stattliches Gewicht zu schaffen. Je 100 Kilo Mehrgewicht lässt das Topmodell der offenen Dreier-Reihe rund acht Zehntel Sekunden liegen.

Die Hockenheimrunde deckt die Gewichtsprobleme des BMW Cabrios auf

Unterm Strich verliert das Cabrio 1,6 Sekunden auf das identisch motorisierte und bereifte Coupé. Eine ähnliche Zeiten-/Gewichtsrelation war bei einem markeninternen Coupé/Cabrio-Vergleich nebenbei bemerkt schon einmal zu verzeichnen. Das trotz Softtop im Vergleich zum Coupé 180 Kilogramm schwerere Audi S4 Cabriolet ließ sich auf dem Kleinen Kurs anno 2004 gar 2,1 Sekunden mehr Zeit als der geschlossene Bruder. Der Blick auf die Werte des Porsche 911 bestätigt den engen Zusammenhang zwischen mehr Gewicht und langsamerer Rundenzeit. Während das 325 PS starke und 1.476 Kilogramm schwere Carrera Coupé in 1.15,9 Minuten um den Kleinen Kurs pfeilte, benötigt das nicht einmal 80 Kilogramm schwerere Cabriolet für die gleiche Übung 1.16,4 Minuten. Das ist immer noch schnell, aber eben doch langsamer. Die Zeiten wurden jeweils im Sport-Modus des aufpreispflichtigen PASM-Fahrwerks und mit 19 Zoll großen Rädern ermittelt.

Das 911 Cabrio neigt im Pylonenparcours etwas zum Aufschaukeln

Dass sich im Slalom ein ähnliches Bild bietet, vermag angesichts derart schlüssiger, markenübergreifend ermittelter Ergebnisse in Hockenheim nicht zu erstaunen. Während das mit Michelin Pilot Sport 2-bereifte 911 Coupé den 180 Meter langen Pylonendschungel anno 2005 mit 70,7 km/h durcheilte, absolviert das Cabrio dieselbe Übung auf identisch dimensionierten Bridgestone Potenza-Pneus mit 69,2 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Beide Autos ziehen dabei auf diesem Terrain neutral bis leicht übersteuernd ihrer Bahn. Insbesondere zum Ende des Parcours hin neigt das Elfer-Cabrio zum Aufschaukeln. Abruptes Einlenken und Lastwechsel werden schon einmal mit kecken Ausfallschritten des Hecks quittiert. Kritisch sind derlei Aktionen jedoch nicht. Das Auto lässt sich gut abfangen. Das BMW 335i Cabrio setzt der von seinem geschlossenen Bruder vorgelegten Durchschnittsgeschwindigkeit von 67,6 km/h (siehe Supertest, Ausgabe 10/2006) eine mit 65,2 km/h deutlich gemäßigtere Gangart entgegen. Auch der offene Dreier legt dabei einen leicht übersteuernden Charakter an den Tag und tendiert zum Aufschaukeln. Entsprechend seines deutlich feisteren Auftritts gibt sich das Hardtop-Cabrio zudem recht schwerfällig. Das Nachwippen des Autos bei kurz aufeinanderfolgenden Richtungswechseln unterstreicht die für BMW ungewöhnlich soft geratene, im Alltag jedoch angenehm komfortable Abstimmung des Serienfahrwerks.

Dass Gewicht kostet, wäre somit zweifelsfrei bewiesen – Zeit auf der Uhr und Geld beim Tanken. Was aber bringt ein mit 200 Kilo mehr zu Buche schlagendes Stahlverdeck? Warum sehen selbst der Fahrdynamik gemeinhin in hohem Maß verpflichtete Hersteller wie BMW einen Fortschritt darin? Diesen Fragen galt es im Rahmen einer für sport auto eher untypischen Testdisziplin auf den Grund zu gehen: der Phonmessung. Auf einem zuvor definierten Stück Autobahn wurde bei 100 und 200 km/h der jeweilige Innengeräuschpegel bei geschlossenem Dach ermittelt. Das Ergebnis ist auch hier eindeutig: Der mit Stahl bedachte 335i geht mit dem Gehör der Insassen recht pfleglich um. Bei 100 km/h zeigt die Nadel 64, bei 200 km/h 75 Dezibel an. Im weich behüteten Porsche 911 Cabrio geht es erwartungsgemäß lauter zu: Hier notiert das Messgerät 70 respektive 80 Dezibel.

Wer ungestört Radio hören oder mit einer gepflegt gedämpften Konversation brillieren will, ist demnach in der Oben-ohne-Version des Dreier-Coupés besser aufgehoben. Familienmenschen dürften zudem die vollwertigen hinteren Sitze und den perfekt funktionierenden Easy-Entry-Mechanismus zu schätzen wissen. Ob derlei angesichts notwendigerweise zu begrenzender CO2-Emissionen und knapper werdender Ressourcen an fossilen Brennstoffen freilich reicht, um die um sich greifende Flut stählerner Hardtops als Fortschritt zu begreifen, sei einmal dahingestellt. Vielleicht ist es auch einfach nur ein Trend, dem sich niemand mehr verschließen mag. Oder – um es mit der eingangs erwähnten Definition zu halten – schlicht eine Abfolge von Formen und Zuständen, bei der die aktuellen schon deshalb als wertmäßig höher erachtet werden, weil sie später erfunden worden sind.

Technische Daten
BMW 335i CabrioPorsche 911 Carrera Cabriolet
Grundpreis52.350 €91.838 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4580 x 1782 x 1384 mm4427 x 1808 x 1310 mm
KofferraumvolumenVDA350 L135 L
Hubraum / Motor2979 cm³ / 6-Zylinder3596 cm³ / 6-Zylinder
Leistung225 kW / 306 PS (400 Nm)239 kW / 325 PS (370 Nm)
Höchstgeschwindigkeit250 km/h285 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h5,8 s5,2 s
Verbrauch9,5 L/100 km11,2 L/100 km
Testverbrauch15,2 L/100 km17,5 L/100 km
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