BMW X1 und Mini Countryman im Test: Familienduell der Crossover-Modelle

BMW X1, Mini Countryman

BMW X1 und Mini Countryman sind rund 28.000 Euro teuer und schmücken den Schauraum der BMW-Händler. Wir bitten die neuen Crossover-Modelle mit höchst unterschiedlichen Antriebskonzepten zum Test.

Sie werden kommen, ganz sicher: 2010er-Partys. Unsere Kinder werden sie irgendwann mal feiern und sich darüber amüsieren, dass damals Dienstleistungen immer mit dem Zusatz "and more" angeboten wurden und immer alles total "stylish" sein musste. Natürlich gewährt nur ein Automobil der Gattung Crossover die stilsichere Anreise zu diesen Partys - beispielsweise von BMW oder Mini. Für rund 28.000 Euro parkt dort das Topmodell der taufrischen Mini Countryman-Reihe mit 184 PS starkem Benziner und Allradantrieb. Um die Ecke glänzt unter dem weiß-blauen Propeller die Basisversion des BMW X1, die 150 PS und zwei angetriebene Räder bietet - die hinteren natürlich.

BMW X1 weckt den Sportler

Ein Vergleich also, der trotz gleicher Grundpreise fair wie eine Castingshow ist? Zumindest lässt dies der Motor des BMW X1 befürchten, schließlich hinken die Vierzylinder-Benziner noch immer saugend dem Turbo-Trend hinterher. Immerhin entwickelt das zwei Liter große Triebwerk mit vollvariabler Ventilsteuerung 200 Newtonmeter - bei hohen 3.600 Umdrehungen. Die rechte Hand darf schon mal mit den Knochen knacken, viel Schaltarbeit steht an im BMW X1. Kein Problem, denn die sechs Gänge ploppen wie von selbst in die Gassen. Den Motor stört es ebenfalls nicht, wenn er gefordert wird. 5.000 oder gar 6.500 Umdrehungen? Bitte, gerne.

Ansprechverhalten, Drehfreude und Laufkultur des Vierzylinders haben sich im BMW X1 aus einer Ära, als vor Szene-Bars noch BMW mit tii-Signet parkten, in die Neuzeit geflüchtet. Die Quittung: der Testverbrauch des BMW X1 von 10,3 Liter/100 km. Er steht in keinem guten Verhältnis zur gebotenen Leistung - wohl aber zum agilen Handling des kleinsten BMW X1, denn das aufwendige Fahrwerk weckt im Test trotz der überschaubaren Motorleistung selbst im friedfertigsten Crossover-Freund den Sportler.

Begehrter Mini Countryman als "Must Have"

Tendenziell untersteuernd ausgelegt, folgt der BMW X1 im Test jeder Lenkbewegung präzise mit nur geringen Karosseriebewegungen. Üppiger Komfort bleibt selbstverständlich kaum übrig, doch kleine Unebenheiten werden trocken wippend überfahren, ohne die Insassen des BMW X1 zu malträtieren. Lange Wellen schluckt das Fahrwerk großzügiger weg. Insgesamt aber federt er besser als frühere X1-Testwagen, die nicht mit der  Standardbereifung antraten.

Stattdessen befinden sich im Test die optionalen, mit verstellbaren Seitenwangen und variabler Oberschenkelauflage protzenden Sportsitze an Bord des BMW X1, die ebenfalls zum guten Komforteindruck beitragen. Optimal zum Lenkrad positioniert, finden sich Neulinge sofort zurecht und bedienen überdies das i-Drive-System problemlos. Mit dem Platzangebot des BMW X1 dürften selbst die stetig wachsenden, jüngeren Generationen kein Problem haben.

Im Mini Countryman zwickt es dagegen früher, je nachdem, ob die Rücksitze zugunsten von Gepäck- und Beinraum verschoben werden. Wegen der 34 Zentimeter kürzeren und kantiger geformten Karosserie lässt sich der Mini Countryman viel besser überblicken - was sich von der Menge an Farben, Felgen, Leisten und Zubehör nicht behaupten lässt. Doch gerade deswegen wird der Brite von vielen begehrt, nicht wenige bezeichnen ihn neudeutsch als Must-Have.

Zu hohe Sitzposition im Mini Countryman

Der Mini Countryman lehrt die Mini-Gemeinde zusätzlich die Bedeutung der Vokabeln Platz und Komfort - zumindest im Vergleich zu den bisherigen Karosserievarianten. Und in einem Punkt übertreibt er sogar ein bisschen: Die Sitzposition geriet im Mini Countryman eindeutig zu hoch. Im BMW X1 sitzt man geradezu sportwagenmäßig tief. An den Sitzen selbst stört eigentlich nur die grobschlächtige Lehnenverstellung per Hebel. Ganz gleich, ob hoch oder tief, über die noch größeren Kunststoffflächen kann keiner der Insassen hinwegsehen - was in Anbetracht der Materialauswahl im Mini Countryman alles andere als Vergnügen bereitet.

Ebenso wenig erfreulich: die Bedienung. Doch da weder Qualität noch Ergonomie dem Erfolg im Weg standen, drängt sich eher die Frage nach der Agilität des im Vergleich zu den Zweitürern rund 250 Kilogramm schwereren, turbobefeuerten Mini Countryman auf. Die Antwort liegt auf einer kurvenreichen Straße nach Wahl des Fahrers, die nun gerne nass sein darf. Jede Kurve verschwindet sofort in den üppigen Kühlluftöffnungen des Mini Countryman, deren Radius und Reibwert blitzschnell von der Regelelektronik analysiert wird und die Motorleistung unmittelbar und bedarfsgerecht an alle vier Räder verteilt - großartig.

Mini Countryman bietet Fahrspaß, BMW X1 glänzt mit Funktionalität

Einzig die Lenkung des Mini Countryman agiert im Test zappelig, lässt Antriebseinflüsse und Stöße durch. Naturgemäß leidet die Längsdynamik unter dem Gewicht, doch mit 8,1 Sekunden für den Spurt von null auf 100 km/h sollte die Mini-Gemeinde gut klarkommen. Das gilt ebenso für den Federungskomfort des Mini Countryman im Test – und das ist kein Schreibfehler. Ja, der Countryman federt, zumindest ein bisschen. Herbe Unebenheiten überspringt er dagegen lieber, bei Beladung geht die Federung auf Block.

Ähnlich raubeinig, jedoch deutlich sympathischer: die Akustik des 1,6-Liter-Direkteinspritzers. Dezent sonor brabbelnd, spratzelt er im Mini Countryman bei gedrückter Sport-Taste im Schiebebetrieb rotzig wie ein großer Rennmotor - der sich überdies beim Verbrauch zurückhält. Während der Countryman vor allem Fahrspaß pur bietet, tritt der funktionale BMW X1 als Crossover and more auf. Also auf zur Millenniums-Party.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 21 / 2010

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