Fiat 500 1.2 vs. Nissan Micra 1.2: Stadt-Kugeln

Rund ist die vorherrschende Form bei Fiat 500 und Nissan Micra - von den Scheinwerfern über die Motorhauben bis zu den Dächern. Ob die beiden mehr können, als nur niedlich dreinschauen, klärt der Vergleich.

Dass der Fahrer eines Nissan Micra einen entgegenkommenden Wagen gleichen Typs freudig winkend grüßt, ist sehr unwahrscheinlich. So etwas widerfährt einem nur mit dem neuen Fiat 500. An dem freundlichen Gesicht und den runden Kulleraugen allein kann es jedoch nicht liegen, denn aus solchen schaut auch der Nissan in die Welt. Wie schon beim Mini dürfte der Sympathie-Vorsprung des 500 mit einem Hauch von Nostalgie zu erklären sein. Schließlich reichen die Wurzeln der beiden Modelle rund ein halbes Jahrhundert zurück. Gegen diese Tradition kommt der Nissan schwerlich an. Legen wir deshalb die Retro-Brille beiseite und prüfen anhand der Fakten, welcher der beiden Rundlinge der bessere Kleinwagen ist.

Preislich liegen beide um 13.000 Euro

Bei der Leistung herrscht zunächst annähernd Gleichstand, denn mit 69 PS beim Fiat und 65 PS beim Nissan liegen die jeweils 1,2 Liter großen Vierzylinder-Benziner auf dem gleichen Niveau. Damit lassen sich zwar keine Bäume ausreißen, doch für die City, das Haupteinsatzgebiet, reicht die gebotene Beschleunigung allemal - mit leichten Vorteilen für den 500. Geht es dann doch einmal hinaus aufs Land, will der Vierzylinder mit fleißiger Betätigung der glücklicherweise präzisen Schaltung bei Laune gehalten werden, um dem Micra folgen zu können. Denn beim Durchzug hat er wegen seines sehr lang übersetzten fünften Ganges klar das Nachsehen.

Preislich trennen den 500 in der Lounge-Version (12.900 Euro) nur 150 Euro vom Micra-Sondermodell More (13.050 Euro). Dabei sind beide Zweitürer schon recht ordentlich ausgestattet und bieten etwa serienmäßig elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung, Klimaanlage sowie CD-Radio mit Bluetooth-Freisprecheinrichtung und MP3- Funktion. Der Fiat glänzt darüber hinaus mit Leichtmetallrädern, Nebelscheinwerfern und einer Sprachsteuerung. Beim ESP hört die Großzügigkeit jedoch auf. Immerhin ist das System für 350 Euro extra bei ihm überhaupt zu haben, während es beim Micra den stärker motorisierten Varianten vorbehalten bleibt.

Zugute halten muss man dem Micra jedoch, dass er sich bis in den Grenzbereich sehr gutmütig verhält. Stoisch und neutral folgt er dem vorgegebenen Kurs und lässt sich auch durch Lastwechsel nicht aus der Ruhe bringen. Das Ausweichmanöver bei Autobahntempo (ISO-Wedeln) absolviert der Nissan sogar etwas schneller als der Fiat. Dieser wirkt insgesamt agiler und leichtfüßiger, auf unebener Piste wegen mangelnder Bodenhaftung mitunter jedoch etwas nervös auf der Hinterhand. Auch sonst lenkt die Hinterachse quasi mit, was beim Tanz um die Pylonen hilfreich ist und zum hohen Tempo beiträgt. Zu großen Ausschlägen mit dem Heck schiebt das aufpreispflichtige ESP des Testwagens allerdings einen Riegel vor.
Kritik bei den Bremsen

Mit wohldosierten Regeleingriffen hält das System den 500 zuverlässig auf Kurs. Etwas Fahrfreude bleibt aber auf der Strecke, weil die deutlich direkter als im Micra ausgelegte, elektrisch unterstützte Lenkung mit ihrer synthetischen Art zu wenig Rückmeldung bietet. Speziell um die Mittellage ist das Nissan-Aggregat präziser, obwohl es größere Lenkeinschläge erfordert. Auch die Haltekräfte sind für einen Kleinwagen recht hoch.

Kritik müssen sich beide für das miserable Abschneiden bei der μ-split-Bremsung gefallen lassen. Bei der Vollbremsung aus 100 km/h auf dem rechts und links unterschiedlich griffigen Untergrund schießen sie über die 150 Meter lange Messstrecke hinaus. Ordentlich und standfest verzögert dagegen insbesondere der Fiat auf trockener Fahrbahn, während die ohnehin nicht ganz so kräftig zupackenden Stopper des Nissan bei hoher Belastung auch noch leichtes Fading zeigen. Das mag zum Teil an den schmalen 175er-Reifen liegen, die jedoch einen deutlich besseren Abrollkomfort bieten als die flacheren 185er-Pneus des Fiat.

Auch die Federung des Micra erweist sich als durchweg geschmeidiger, obwohl sie auf kurze Unebenheiten recht straff reagiert. Der 500 hingegen benimmt sich insgesamt wie ein kleiner Springinsfeld: Bei flotter Fahrt auf ondulierten Oberflächen hebt schon mal ein Rad ab, und lange Wellen setzen die Passagiere deftigen Vertikalbeschleunigungen aus.
Dabei spielt auch der um 13 Zentimeter kürzere Radstand eine Rolle. Vor allem ist er jedoch für das knappere Raumangebot besonders im Fond verantwortlich. Hier dürfen beim Nissan zur Not sogar drei Personen Platz nehmen, während der Fiat ein reiner Viersitzer ist. Denn neben dem geringen Knieraum werden die Hinterbänkler auch von stark eingezogenen C-Säulen eingezwängt. Außerdem gibt es weniger Platz fürs Gepäck und nur 322 Kilogramm Zuladekapazität.

Micra: das alltagstauglichere Auto

Mit seiner längs verschiebbaren Rücksitzbank und 474 Kilogramm Zuladung ist der Micra das alltagstauglichere Auto, obwohl sich auch hier die Sitzflächen nicht nach vorne klappen lassen. Außerdem ist die labile Gepäckraumabdeckung unpraktisch und wirkt ebenso billig wie der Nadelfilz im Kofferraum. Auch im Innenraum verströmt der Fiat mit teils liebevoll gestalteten Details ein behaglicheres Ambiente als der Nissan mit seinem nüchternen Kunststoff-Cockpit. Aus ergonomischer Sicht bietet es jedoch klare Vorteile gegenüber dem Fiat - das schlecht ablesbare, verschachtelte Alles-in-einem-Instrument im 500 ist nur ein Beispiel.

Fiat ist ein kultiger City-Flitzer

Denjenigen, der vor allem einen kultigen City-Flitzer mit auffälligem Design sucht, wird das beim Fiat wenig stören. Der Micra spielt dagegen - trotz ähnlicher Optik - die Rolle des zwar ausgereiften, aber auch etwas langweiligen Kleinwagens für eine erwachsenere Klientel. Seinen knappen Vorsprung in der Eigenschaftswertung verspielt er jedoch durch die extrem hohe Einstufung in der Vollkasko, die ihn wertvolle Punkte kostet. So schiebt der Fiat 500 im Duell der rundlichen Kleinwagen seine Knubbelnase auf der Zielgeraden doch noch am Nissan Micra vorbei.

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Hermann-Josef Stappen

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