Ford Galaxy, VW Sharan: Familien-Vans mit sieben Sitzen im Test

VW Sharan, Ford Galaxy

Mit dem VW Sharan bringen die Wolfsburger bei den Maxivans nach einer längeren Denkpause einen harten Konkurrenten für den Segment-Chef Ford Galaxy. Hat der jetzt ausgespielt?  

Wer alles über den Ford Galaxy wissen möchte, kann sich unbesorgt an die Jungs der VW-Zerlegeabteilung wenden. Jene Spezialisten, die sich regelmäßig Vergleichsexemplare der Mitbewerber besorgen und sie bis auf die letzte Schraube und die letzte Dämmfaser sezieren. Im Fall des Ford Galaxy und dem nun erschienenen Pendant VW Sharan hatten sie dafür sogar jede Menge Zeit. 

VW Sharan nutzt die Gnade der späten Geburt

Gingen VW und Ford beim Vorgänger noch miteinander ins Bett und gebaren quasi Zwillinge, ging die Beziehung irgendwann in die Brüche und jeder seinen eigenen Weg. Ford marschiert schon seit 2006 mit dem aktuellen Galaxy in die Bütt, greift gemeinsam mit Bruder S-Max europaweit sämtliche Interessenten ab, die nicht schnell genug Renault Espace oder Peugeot 807 sagen können - na ja, oder Chrysler Voyager. Letzterer versenkt seine Passagierplätze bei Bedarf komplett im Boden. Ein Kunststück, das Ford Galaxy und VW Sharan fast genauso gut beherrschen.

Ansonsten merkt man sofort, dass VW die Gnade der späten Geburt konsequent nutzt. Wie der kleine Bruder VW Touran verzichtet der Sharan nüchtern auf poppige Effekte, verspricht stattdessen mit jedem seiner 4.854 Millimeter Länge Nutzwert. Er wirkt innen wie außen als habe eine Gruppe blau bekittelter Ingenieure mit Kulis in den Brusttaschen jahrelang rund um die Uhr getüftelt, bis jedes Detail dem VW-Standard entsprach. Das beginnt beim Cockpit des VW Sharan mit klaren Anzeigen, eindeutiger Gliederung und einer vorbildlich schlüssigen Bedienung samt unaufgeregtem Styling.

Ford Galaxy kommt an die Verarbeitung seines Konkurrenten nicht heran

Im Vergleich dazu bringt der kürzlich modellgepflegte Ford Galaxy - als 2.0 TDCi Titanium 35.920 Euro teuer - fast eine Prise Bling-bling ins Segment. Bunter Bildschirm zwischen Tacho und Drehzahlmesser, Dekor in Glanzschwarz, Aluminiumleisten. Doch auch wenn sich die Ford-Jungs sichtbar Mühe geben, an die Verarbeitung des VW Sharan (als Comfortline plus Siebensitz-Paket und Adaptiv-Dämpfer für 35.315 Euro) kommen sie nicht ganz heran, ebenso wenig an dessen mühelose Bedienbarkeit. So muss man etwa zum Nullen des Kilometerzählers ins Menü und mit der Kreuzwippe am Lenkrad flippern, während es beim VW Sharan dafür eine Taste gibt. Reichlich Ablagen bieten beide, selbst für voluminöse PET-Flaschen. Luftiger Raumeindruck ist bei den Maxivans Ehrensache, selbst wenn der Ford einen Tick mehr Platz bietet.

Schiebetüren bietet nur der VW Sharan

Zum Ausgleich lockt der VW Sharan hinten mit Schiebetüren. Bei der Einstiegshilfe kommen dann wieder die Blaukittel durch: Auf Zug am Hebel fährt der Sitz in Reihe zwei nicht nur vor, sondern faltet seine Sitzfläche automatisch so, dass ein großer Durchstieg entsteht. Das kann der Ford Galaxy nicht, revanchiert sich aber, indem der Sitz in Reihe zwei beim erneuten Platznehmen nicht komplett zurückfährt, sondern den ganz hinten Sitzenden automatisch fairen Beinraum reserviert.

Sinnvoll, taugen die Plätze sechs und sieben doch nicht nur für unsere Fotomodelle, die F-Jugend-Kicker des FC Weinstadt, sondern könnten es auch mit Schweinsteiger und Co. aufnehmen - mit Lahm sowieso. Die Polster des VW Sharan sind etwas bequemer, dafür bietet der Ford Galaxy ganz hinten Ausstellfenster, gegen Aufpreis sogar elektrisch. Drei-Zonen-Klima ist hier wie dort Serie, zumindest wenn der VW Sharan-Kunde die Sitze hinten ordert, die sind beim Ford Galaxy ohnehin dabei.

Ford Galaxy fühlt sich dynamischer an

Die Mechanik ist bei beiden ähnlich, beim VW Sharan ploppen sie wegen des günstigeren Bedienwinkels noch müheloser hoch. Geht es ums Beladen, gefällt der Ford Galaxy mit der niedrigeren Ladekante. Als Fünfsitzer verstaut der Galaxy 830 Liter (VW Sharan: 809), maximal sind es 2.325 (VW Sharan 2.297), abgesichert von Zuladungen jenseits der 600-Kilogramm-Marke.

Zeit zu starten: Beide Vans bieten eine ergonomisch günstige Sitzposition auf bequemen Sitzen mit ausreichend Seitenhalt. Der VW Sharan platziert Vornsitzende zwar etwas tiefer, der Ford Galaxy fühlt sich aber trotzdem dynamischer an. Das liegt nicht zuletzt an seiner Lenkung, die spontan aus der Mittellage anspricht und Sportlichkeit suggeriert. Damit passiert der Ford Galaxy den ISO-Wedeltest zackig, in der Praxis stört jedoch die Wankneigung bei Richtungsänderungen. Längere Kurven meistert der Ford Galaxy problemlos; wer zu schnell hineinfährt, bekommt es allerdings mit klarem Untersteuern zu tun. Damit erscheint der Ford zwar vordergründig sportlich, wer ihn fordert, gerät jedoch schnell an dessen Grenzen.

Aktuelle TDI-Generation bietet viel Laufruhe aber weniger Durchzug

Der VW Sharan vermittelt den entgegengesetzten Eindruck. Seine Lenkung wirkt zunächst träge, was am gelassenen Ansprechen aus der Mittellage liegt. Präzise Kommandos gelingen jedoch leichter, da die Elektrolenkung weniger nervös reagiert, gleichmäßiger und stoßfreier arbeitet. Im Gegensatz zum Ford Galaxy lässt sich der VW Sharan nur marginal von Fahrbahnunebenheiten anregen. Er federt und dämpft fast alles Lästige weg, fährt wie in Watte gepackt. Andererseits vermittelt er bis in den Grenzbereich ein sichereres Gefühl, wozu die gelungene ESP-Abstimmung beiträgt. Sie hält den 1,9-Tonner durch gezielte Eingriffe auf Kurs.

Richtig: 1,9-Tonner, womit wir bei den Motoren sind. Alle, die noch die kernige Kraft der seligen Pumpe-Düse-Brummer auf der Festplatte haben, sollten Format C drücken. Die aktuelle TDI-Generation verzichtet weitgehend auf Vibrationen und Brummfrequenzen, aber auch auf den subjektiven Bumms der alten Tage. Glattgeschliffen und gewichtsgeplagt schiebt der Zweiliter angemessen an, die perfekte Welle ist passé. Und wer beim Anfahren Gas und Kupplung nachlässig bedient, steht - woran die mäßige Abstimmung der Start-Stopp-Funktion nicht ganz unbeteiligt ist.

VW Sharan umdribbelt den siegesgewohnten Ford Galaxy

Auf Letztere verzichtet der Ford Galaxy von vornherein, dafür wirkt der Zweiliter-TDCi, als ob er trotz identischer Papierform mehr realen Punch zaubere. Er spricht direkter an, zieht druckvoller los, klingt kerniger - oder nur lauter, je nach persönlichem Geschmack. Denn die zurückhaltende Akustik des VW Sharan kann der Ford Galaxy nicht bieten. Bei ihm brummt der Motor, tost der Wind mess- und hörbar lauter.

So kommt es, dass der rundum geschliffene VW Sharan den siegesgewohnten Ford Galaxy umdribbelt - aber die ganze Zerlegerei muss sich ja auch gelohnt haben.

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Jörn Thomas

Autor:

auto motor und sport, Heft 23 / 2010

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