Mercedes ML 350 und Range Rover Sport im Test

Zwei Luxus-Offroader im Duell

Mercedes ML 350 Bluetec und Range Rover Sport 3.0 TDV6

Große SUV sind derzeit nicht gerade populär. Dabei können auch Luxus-Geländewagen mit entsprechender Dieseltechnik hohe Umweltansprüche erfüllen, wie die jüngsten Modelle von Mercedes und Land Rover zeigen.

Wenn es beim Auto-Duell wie beim Boxen zuginge, dürften diese beiden nicht gegeneinander antreten. Denn sie spielen in total unterschiedlichen Gewichtsklassen. Während der gewiss stattliche Mercedes ML 350 Bluetec mit 2.255 Kilogramm die Rolle des Fliegengewichts übernimmt, zittert die Nadel der Waage auf 2.635 Kilogramm, wenn sie der Range Rover Sport TDV6 mit seinen gewaltigen 19-Zoll-Rädern betritt.

Hinter den beiden SUVs stehen zwei verschiedene Philosophien

Schon damit deuten die beiden an, dass hinter ihnen zwei grundsätzlich verschiedene Auto-Philosophien stehen. Der Rover nämlich ist im Kern seines schweren Karosseriegebälks weder Range noch Sport. Er basiert nicht auf dem noch unter BMW-Regie entwickelten "echten" Range Rover, sondern auf dem deutlich preisgünstigeren Land Rover Discovery, der während der Ford-Ära entstand. Und Sport? Vergessen Sie's, das ist ein ganz nach klassischem Muster gestrickter Luxus-Geländewagen, dem es an nichts fehlt, was für den ernstgemeinten Offroad-Einsatz nützlich ist.

Für Geländesituationen ist der Range Rover bereits serienmäßig gerüstet

Der Mercedes gehört eher zur modischen SUV-Sippe. Wer mit ihm ins wilde Land will, muss ein Offroad-Paket dazubestellen, das für 2.130 Euro Sperren für Mitten- und Hinterachsdifferenzial sowie eine zuschaltbare kurze Gelände-Übersetzung enthält. Das sind die Sterne, die der Allradler mit Stolz trägt - auch wenn er sie im wirklichen Leben nicht braucht. Immerhin: Der britische Konkurrent hat alles serienmäßig an Bord, dazu ein umfangreiches Elektronik-Programm, das ihn für die unterschiedlichsten Geländesituationen rüstet. Der Effekt für den Fahrer, wenn er doch einmal ins Abseits geraten sollte: Damit kann jeder offroad fahren wie ein Profi.

Im Straßenverkehr fühlt man sich wie in einer höhergelegten Limousine

Wenn es nicht um Traktion, Böschungswinkel und Wat-Tiefe geht, wird die Unterschiedlichkeit der Auslegung trotzdem spürbar. Im Mercedes fühlt man sich wie in einer höhergelegten Limousine. Die Sitzposition ist vollkommen personenwagenmäßig, leider auch die Übersichtlichkeit der Karosserie. Wer millimetergenau rangieren will, muss den Hals bis zum Anschlag recken. Im Range Rover sitzt man nicht, man thront. Hoch über dem Verkehrsgeschehen, vor sich eine flache, bis an die Ecken einsehbare Motorhaube. Auch die in Relation zum Fahrer sehr niedrige Gürtellinie dient dem unverstellbaren Blick nach draußen. Man fühlt sich wie im Glashaus, was die Handhabung erleichtert, auch wenn es nicht ums Steinewerfen geht, sondern nur um das Bewegen eines mächtigen Automobils im dichten Verkehr.

In puncto Fahrsicherheit hat der Range Rover viel dazugelernt

Das gehört zu einem Range Rover, seit dessen Stammbaum vor 40 Jahren gepflanzt wurde. Aber sonst hat das britische Statussymbol viel dazugelernt. Dass ein echter Geländewagen auf der Straße gewisse Zugeständnisse an die Fahrsicherheit verlangt - altgediente Aficionados werden sich an spektakuläre Schwank-Einlagen erinnern -, ist dank ausgefeilter Fahrwerkselektronik Schnee von gestern. Selbst unter den Extrembedingungen der Fahrversuche pfeilt der Range in einer Art und Weise durch die Hütchen, die sein Übergewicht vergessen lässt. Auf kurvenreichen Strecken macht er fast schon sportliches Vergnügen, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass seine Lenkung extrem leichtgängig, aber dafür nur mit eingeschränktem Fahrbahnkontakt arbeitet. Auch die riesigen Scheibenbremsen, an der Vorderachse nochmals drei Zentimeter größer als die des Mercedes, stecken die Belastung vollkommen unbeeindruckt weg.

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Der Mercedes ML sieht sich in erster Linie als Straßenauto

Der Mercedes, wen wundert's, kann das alles ebenfalls bestens. Weil er in erster Linie Straßen-Auto sein will, präsentiert er sich sogar noch etwas fahraktiver. Seine Lenkung erfordert gerade jene Zusatzportion an Kraft, die für ein ungefiltertes Gefühl für die Straße notwendig ist. Er fährt sich mit der Selbstverständlichkeit einer guten Limousine. Auch was den Federungskomfort angeht. Da ist er, wenn wie im Testwagen die aufpreispflichtige Luftfederung (1.999 Euro) installiert ist, dem schon serienmäßig luftgefederten Range sogar noch überlegen. Beide bieten ihren Insassen einen den Zustand der Straße sanft kaschierenden Reisekomfort, aber auf Querwellen der Autobahn neigt der Brite zum Stuckern, während der Mercedes gelassen seine Bahn zieht.

Mercedes ML und Range Rover Sport mit neuen Diesel-Triebwerken

Automobile Riesen wie diese beiden fahren am besten mit Diesel, das ist eine alte Weisheit. Die Testwagen haben gar die modernsten Konstruktionen der beiden Hersteller unter der Haube. Der V6 des Range Rover ist eine ganz neue Konstruktion, die dank Doppelturbo aus drei Liter Hubraum noch mehr Leistung und Drehmoment holt als die Mercedes-Maschine gleichen Volumens. Beide beruhigen das grüne Gewissen, das allein schon der Auftritt der schweren Brummer belasten könnte. Der Range-Sechszylinder ist in Schadstoffklasse Euro 5 eingestuft. Der V6 des Mercedes ist einer der derzeit saubersten Diesel der Welt: Mit zusätzlicher Harnstoff-Einspritzung erfüllt er bereits jetzt die Grenzwerte der kommenden Euro 6-Norm.

Bei den Fahrleistungen herrscht annähernd Gleichstand

Beide Motoren laufen sehr zivilisiert und leise, beiden schütteln derartige Mengen an Drehmoment von der Kurbelwelle, dass das Fahren von bemerkenswerter Mühelosigkeit geprägt wird. Dazu tragen auch die Getriebe-Automaten - sechsgängig beim Range, siebenstufig beim Mercedes - bei, die ihre Aufgabe mit größtmöglicher Unauffälligkeit verrichten. In den Fahrleistungen herrscht annähernd Gleichstand, das Gewicht des Range Rover zehrt die gebotene Mehrleistung wieder auf. Und es sorgt, die Physik will es so, für deutlich höheren Verbrauch. Der trägt mit dazu bei, dass letztendlich nicht ganz so viele Punkte aufs Konto kommen wie beim Mercedes. Aber der Reiz der Alternative besteht schließlich nicht darin, besser zu sein. Sondern anders.

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Götz Leyrer

Autor:

auto motor und sport, Heft 02 / 2010

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