Mercedes SLS, Porsche 911 Turbo, Audi R8: Sportwagenelite im Test

Porsche 911 Turbo, Mercedes SLS, Audi R8

Der neue Mercedes SLS AMG muss sich im ersten Vergleichstest der 500-PS-Konkurrenz in Gestalt von Porsche 911 Turbo S und Audi R8 5.2 FSI Quattro stellen. Setzt sich der Flügeltürer an die Spitze der Supersportwagen-Liga?

Angenommen, Sie wollten Fallschirm springen. Nur mal angenommen. Wer dürfte Ihren Schirm packen? Hupps - schon schrumpft der Bekanntenkreis drastisch zusammen. Blender, Trödler, Hektiker - alle rauschen durch den Rost. Zurück bleiben die Zuverlässigen. Die, bei denen jeder Griff sitzt, jede Falte passt. Ganz ähnlich läuft die Wahl bei Supersportwagen.

Wenn es darum geht, auf der Lieblingsstrecke Tempo zu machen. Trickreich gewunden umspielt sie Felswände, streift Abhänge, überfliegt Kuppen, stürzt in Senken. Gift für unentschlossene Strizzis, hektische Lastwechselschwenker, träge Bremser oder gar vage Wanker. Über 500 PS sauber einzusetzen verlangt nach Präzision - bei Audi R8 5.2 FSI Quattro, Mercedes SLS AMG und Porsche 911 Turbo S im Vergleichstest in Alu, Stahl und Kohlefaser modelliert. Sollte noch jemand teutonische Gründlichkeit mit piefiger Ärmelschonerei assoziieren - hier kommt die Gegendarstellung.

Audi R8 zwischen Limousinen-Komfort und Supersport-Performance

Zuerst vom Audi R8 5.2 FSI Quattro. Mit extrovertierter Optik gut für Paparazzi-Attacken, saugt er seinen Piloten im Test ins stilisierte Monocoque, während der V10 beim Flanieren noch die Faust in der Tasche und seine Auspuffklappen geschlossen hält. Bis zum kurzen Spurt nach dem Ortsausgang. Beim Hochschalten stößt der 5,2-Liter auf, als ob sich die vom sequenziellen Getriebe überraschend gestoppten Gassäulen beschweren würden. Beschweren müssten sich auch die Insassen, so roh wechselt die R-Tronic die Stufen. In schnellen Kurven krampft sich der 1,7-Tonner dabei regelrecht zusammen, was die Linie versauen kann.

Abgesehen von diesem Getriebe-Fauxpas flößt der Audi R8 im Test seinem Fahrer das Vertrauen gleich schöpflöffelweise ein. Steifes, sauber ausbalanciertes Chassis plus feinfühlig abgestimmte Federelemente vermitteln zwischen Limousinen-Komfort und Supersport-Performance. Audi nutzt die Mittelmotor-Vorteile, ohne ihre Zicken zu akzeptieren. Bis auf eine leichte Eindrehtendenz bei Lastwechsel gibt es nicht viel zu beachten. Erst bei deaktiviertem ESP unter strengem Volllast-Kommando hängt der Audi R8 trotzig den Querfahrer raus.

Porsche 911 Turbo S beschleunigt in 3,1 Sekunden auf Tempo 100

Eine Pose, die der Porsche 911 Turbo S ebenfalls hinbekommt. Serienmäßig mit dem Doppelkupplungsgetriebe PDK versehen, beherrscht der 530-PS-Elfer sanftes Anfahren, verschliffene Schaltvorgänge sowie blitzartige Wechsel, wenn es pressiert. Zur Perfektion fehlt PDK nur noch die passende Schaltstrategie. Im Normalmodus verschlafen, in Stellung Sport niedrige Stufen zu lange haltend - erst wer die sieben Gänge per Lenkradpaddeln selbst wechselt, hat endgültig keinen mehr Grund zur Trauer. Und wenn schon Tränen rinnen, dann solche der Überwältigung - die sich unverzüglich und waagerecht nach hinten verziehen. Worte genügen nicht, um zu beschreiben, was dieWeissacher Motor-Druiden aus dem 3,8-Liter-Boxer herausholen. Der Biturbo-Direkteinspritzer des Porsche Turbo S faucht im Vergleichstest wie eine Rakete, während verstellbare Schaufeln in den Turbinen die Ladeluft modulieren.

Die Insassen ringen stärker um Atem als der Porsche, wenn es in 3,1 Sekunden auf Tempo 100 geht. Schneller Vorlauf, der schon nach 10,5 Sekunden die 200-km/h-Marke durchbricht, während die überforderten Schmetterlinge im Bauch noch nach der Spucktüte suchen.

Mercedes SLS AMG Flügeltürer mit Front-Mittelmotor-Konzept

Kurzer Radstand, hecklastige Gewichtsverteilung (40 zu 60 Prozent) sowie die bei höherem Tempo auf stur stellenden Adaptivdämpfer zwingen jedoch zur Aufmerksamkeit. Aufeinanderfolgende Bodenwellen lassen den Porsche pumpen und tänzeln. Andererseits gibt sich der Porsche 911 Turbo S im Test kompakt, direkt und kurvenwillig. Sogar das lähmende Kurveneingangsuntersteuern haben sie ihm abgewöhnt. Zudem helfen Torque-Vectoring an der Hinterachse sowie dynamische Motorlager beim Nutzen der Quer- und Längsdynamik.

Kontaktschwierigkeiten? Depressionen? Um 180.000 Euro übrig? Flügel auf und rein ins Cockpit des Mercedes SLS AMG. Bei ihm heben selbst die ganz Geerdeten ab. Von wegen, lange Motorhaube als Design-Gimmick. Sie ist Baustein des Front-Mittelmotor-Konzepts, das den 6,2-Liter-V8 hinter der Vorderachse ins Tiefparterre schickt, Trockensumpfschmierung sei Dank. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe dockt an der Hinterachse an, mit dem Motor über einen Karbontunnel verbunden.

6,2-Liter-V8 versucht seine Karbon-Airbox unter Volllast implodieren zu lassen

Nervöse Reaktionen sind dem Mercedes SLS AMG im Vergleichstest so fremd wie expressive Cockpitgestaltung. Die Bedienelemente kommen Mercedes-Kennern bekannt vor. Ex-AMG-Chef Volker Mornhinweg wird sich auch an seiner neuen Wirkungsstätte - der Transporterabteilung - nicht grundsätzlich umgewöhnen müssen. Beim Thema Leistung schon: etwa, wenn der 6,2-Liter versucht, seine Karbon-Airbox unter Volllast implodieren zu lassen, die SLS-Pilotenkanzel als Resonanzkörper nutzt, beim Gaswegnehmen die Umgebung mit Grollern, Schnalzern und Knallern unterhält. Dabei schickt der V8 alles - vom fetten Niedrigdrehzahl-Drehmoment bis zur hämmernden Leistungsspitze jenseits 7.000 - fein dosierbar an die Hinterräder. Allerdings fühlt sich die Gangbox eher dem Wandler als dem Sequenzer verpflichtet, verschleift dieÜbergänge und zögert beim Griff zum Paddel mit dem Schalt-Vollzug.

Befehle der präzisen Lenkung setzt der 1,6-Tonner spontan um

Kaum ein anderer Supersportler versteht sich besser auf dieses satte, saugende Gefühl, mit der Straße zu verschmelzen, setzt sich in schnellen Kurven so vertrauenerweckend in den Radius. Sofern die Piste halbwegs eben ist, sonst rächen sich das optionale Sportfahrwerk sowie der Verzicht auf Adaptivdämpfer. Lange Wellen kommen beim Mercedes SLS AMG im Test durch und komprimieren die Insassen, wobei Nasenbohrer in ganz neue Regionen vorstoßen. Nicht umsonst gehören beide Hände ans Lenkrad, trocken bleiben sie dort obendrein, angesichts der hohen Neutralität des top austarierten Alu-Spaceframe-Sportlers sowie dessen feiner ESP-Absicherung.

Dennoch siegt in diesem Vergleichstest am Schluss der Porsche 911 Turbo S knapp vor dem fast durchweg begeisternden Mercedes SLS AMG und dem komfortablen Mittelmotor-Dribbler Audi R8 5.2 FSI Quattro. Den eingangs erwähnten Fallschirm dürften aber trotzdem alle drei packen.

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Jörn Thomas

Autor:

auto motor und sport, Heft 16 / 2010

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