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Mosler MT900 GTR und Lotus Exige S im Vergleichstest

Kleiner gegen großer Bruder: MT900 GTR vs Exige S

Foto: Herzog 16 Bilder

Der Verzicht auf handelsüblichen Komfort ist ihre Philosophie, ein daraus resultierend möglichst geringes Gewicht ihr Ziel. Lotus Exige S und Mosler MT900 GTR – zwei fahrdynamische Spielzeuge der besonderen Art.

12.11.2007 Jochen Übler Powered by

Nein, ein einfaches Zuckerschlecken verspricht das nicht zu werden. Bereits bei der Anfahrt zum Testprogramm nach Hockenheim verschafft sich der Mosler MT900 GTR systematisch Respekt. Bei 270 ist noch reichlich Luft unter dem Pedal. Stumpf stoßen kurze Querfugen in die Wirbelsäule durch. Wenigstens zieht die Flunder, deren knappe Kanzel sich fast bündig über den Haaransatz spannt, stur ihre Bahn.

Acht Zylinder machen eine Unterhaltung unmöglich

Knapp hinter den entschlossen zupackenden Recaro-Rennschalen hämmern acht Zylinder gnadenlos auf die zweiköpfige Besatzung ein. So direkt, als wäre man selbst ein Teil dieses monströsen Maschinenbaus. Spätestens ab 4.000 Umdrehungen nimmt das garstige Trommelfeuer dann Ausmaße an, die eine Unterhaltung endgültig nur noch visuell möglich macht. Optional gibt es eine Stereoanlage und eine Rückfahrkamera; eine Gegensprechanlage wäre die wohl sinnvollere Alternative gewesen. Na dann: Klappe halten und den Schub genießen! Eintauchen in den Rauschzustand, den der aus der Corvette Z06 entliehene Siebenliter-V8 entfacht und der in diesem riesigen, glatt gebügelten Umfeld 520 PS und 667 Newtonmeter maximales Drehmoment in die Schlacht wirft. Seiner Aufgabe, den fast fünf Meter langen, allerdings nur 1.278 Kilogramm leichten Kohlefaser-Keil vehement in die Umlaufbahn zu ballern, kommt der Zweiventiler also mit Leichtigkeit nach. Später wird das 2D-Messsystem die Brachialgewalt des MT900 GTR auch objektiv attestieren.

Der Amerikaner zeigt sich europäischer Konkurrenz gewachsen

Mit seinen Beschleunigungs- und Elastizitätswerten entgegnet der Mosler einschlägigen Superhelden aus Deutschland oder Italien auf ein und derselben Augenhöhe. Vom Überholimage, das der weiße Riese ausstrahlt, ganz zu schweigen. Wenn sich 1,1 mal zwei Meter im Rückspiegel des Vordermanns breit machen, kommen keine Zweifel auf: Objects are closer than they appear! Was bleibt, ist ein kurzer Blick auf den – Verzeihung – gewaltigen Arsch, mit riesigem Flügel, vier schräg ausgestellten Endrohren und einem massiven Diffusor. Dann zoomt sich der Mosler von dannen.

Die Kupplung braucht kräftige Waden

Längsdynamisch lässt er absolut nichts anbrennen. Und auf dem Kleinen Kurs? Angesichts der Größenverhältnisse von Strecke und Auto gleicht die Übung zunächst Rock‘n Roll in der Telefonzelle. Die Hosenträgergurte stramm gezogen, die Wade für die kräftige Kupplung gelockert – was soll‘s? Dieses donnernde Monstrum ist auch nur ein Auto, zudem eines mit achskinematischen Feinheiten aus dem Rennwagenbau. Jedoch auch mit solch naturbelassenen Elementen wie der schwergängigen, direkten Lenkung und der kraftaufwendigen, aber wohl dosierbaren Bremsanlage. Servounterstützung? No way! Wodurch sich der Grenzbereichstanz mit dem Mosler als ehrliche, harte Hand- und Fußarbeit gebärdet. Weich gespült ist höchstens das durchgeschwitzte Fahrer-T-Shirt. Es geht herzhaft zur Sache, mit Spielmöglichkeiten an der Bremsbalance sowie am einstellbaren Gewindefahrwerk. Und mit der Erkenntnis, dass ohne jegliche elektronische Fahrhilfen ein Leistungsübersteuern hier fast schon mit einem Gedankenblitz machbar ist.

Neben einem großen Herz verlangt der Umgang mit dem MT900 GTR somit auch ein gehöriges Maß an Verstand, um das große fahrdynamische Faszinationspotenzial auszuloten. Das erstreckt sich von einem zielstrebigen Einlenken ohne jeglichen Drang zum Untersteuern über eine Bremsanlage, so standfest wie eine hundertjährige Eiche, hin zu Querbeschleunigungswerten par excellence – mit herkömmlichen Dunlop Sportmaxx GT-Reifen –, und kanalisiert sich schlussendlich in eine Rundenzeit von 1.09,2 Minuten. Der herbe Amerikaner trifft tatsächlich ins Schwarze, mitten ins Zentrum etablierter Supersportler.

Der Exige S kostet nur ein Drittel

Nun muss der Lotus Exige S nicht gleich ehrfurchtsvoll in die Federn gehen. Schließlich ist der markante Brite für sich betrachtet ebenso faszinierend und außerdem zu weniger als einem Drittel des Mosler-Preises zu haben. Er ist sozusagen das eingedampfte Abbild eines MT900 GTR. Schließlich folgen beide Philosophien dem gleichen Strickmuster: weniger ist mehr. Im Fall des Exige S derart wenig, dass der Lotus nur 933 Kilogramm auf die Waage bringt. Neben gewissen Gemeinsamkeiten bezüglich ihrer Formgestaltung eint beide Extremisten auch ein vergleichbares technisches Rückgrat: Kühler vorn, Motor in der Mitte, Antrieb hinten, und dazwischen ein übersichtliches, mit Leder ausgeschlagenes Kabinett. Das genügt! Auch wenn der Lotus im direkten Vergleich wie eine halbe Portion wirkt, so bietet er im Innenraum mehr Kopffreiheit, während der Einstieg durch die schmale Luke und über den wuchtigen Schweller hinweg einen weitaus gelenkigeren Bewegungsapparat erfordert. Aber eines war schon von vornherein klar: Komfort-Freaks gehen hier weitestgehend leer aus.

Fahrdynamik-Junkies schöpfen hingegen aus dem Vollen. Und die werden im Lotus nicht minder gut bedient wie im Mosler – wenngleich bezüglich der Zylinderzahl nur mit deren vier. Die haben es aber durchaus in oder besser gesagt auf sich. Denn der 1,8-Liter-Toyota-Motor ist angesichts des auf ihm thronenden Ladeluftkühlers fast nicht mehr auszumachen. Jedoch bleibt der maximale Ladedruck des Kompressors mit 0,5 bar in einem überschaubaren Rahmen, womit nicht nur das hoch drehende Grundlayout (bis maximal 8.500/min), sondern auch die Langlebigkeit des gleichmäßig ans Werk gehenden Vierzylinders gewahrt bleiben.

Der Exige S macht in Hockenheim eine gute Figur

In Zahlen ausgedrückt bietet der Vierventiler 221 PS und 215 Nm. Im direkten Vergleich mit dem Mosler fast schon niedlich – jedoch immerhin genug Power, um mit einer Rundenzeit von 1.14,8 Minuten einen Porsche Carrera S alt aussehen zu lassen. Und das tut der Brite auch noch in einer geradezu spielerischen Manier. Lenkbefehlen folgt er ansatzlos, rollt jedoch stark um die Längsachse, was den immens hohen Kurvengeschwindigkeiten aber keinen Abbruch tut. Im Gegensatz zum Mosler wirbelt es sich im Exige S wie im Spielzeugland um den Kleinen Kurs. Dabei braucht der schlanke Brite immer reichlich Feuer unterm Hintern, um dem Grenzbereich mit einem zarten Untersteuern zu entgegnen. Wer in der Kurve vom Mut verlassen wird und vom Gas geht, bekommt es mit einem losen Heck zu tun. Mit dem wedeln beide auch im Slalom – aber erst sehr spät, was die Maximalpunktzahl bedeutet.

Wie der Mosler per se in allen Hockenheimer Kriterien volle Punkte erntet. Nur in der Kategorie Preis/Leistung tritt der Lotus die Heimreise als Sieger an. Akustisch gänzlich anders geartet als der hämmernde V8, viel hochfrequenter, metallisch schrill singend, verlässt der Exige das badische Motodrom. Ab 200 km/h vermengen sich Wind- und Motorengeräusche zu einem tobenden Turbinenklang, der Vorderwagen wird leicht, der Vortrieb zäher. Das sind hingegen zwei Umstände, die der Mosler nicht einmal bei Tempo 300 kennt.

Technische Daten
Mosler MT900 GTRLotus Exige S
Grundpreis223.500 €53.450 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4801 x 2006 x 1130 mm3797 x 1727 x 1163 mm
KofferraumvolumenVDA112 L
Hubraum / Motor7011 cm³ / 8-Zylinder1796 cm³ / 4-Zylinder
Leistung405 kW / 550 PS (675 Nm)163 kW / 221 PS (215 Nm)
Höchstgeschwindigkeit330 km/h238 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h4,3 s
Verbrauch8,5 L/100 km
Testverbrauch12,9 L/100 km
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