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Porsche 911 & Lamborghini Gallardo im Vergleichstest

Deutschland fordert Italien

Porsche 911 Turbo S, Lamborghini Gallardo LP 570-4 Squadra Corse, Frontansicht Foto: Rossen Gargolov 26 Bilder

Biturbo-Boxer gegen V10-Sauger, 560 PS gegen 570 PS: Im Kampf um die Allradkrone tritt der neue Porsche 911 Turbo S im Vergleichstest gegen den Lamborghini Gallardo LP 570-4 Squadra Corse an. Es ist die Neuauflage eines ewig währenden Klassikers: Deutschland gegen Italien.

15.12.2013 Christian Gebhardt Powered by

In der Erdbebenwarte registrieren sie Ausschläge auf der Richterskala: Epizentrum, Hockenheimring, Box Nummer 16. Jubelnd erwacht der V10-Langhuber mit rotzendem Urschrei zum Leben. Rock ’n’ Roll bereits bei Standgas. Wenn es nur nach der stimmlichen Leistung gehen würde, hätten wir jetzt mit dem Lamborghini Gallardo LP 570-4 Squadra Corse den klaren Sieger des heutigen Testduells gefunden. Glück für den neuen Porsche 911 Turbo S, dass wir nicht bei einem Gesangswettbewerb sind.

Turbo-Zischen beim Porsche 911 Turbo S als "Kaputtgeräusch"

Ein giftiges Turbo-Zischen hatte nur ein Teil der Erprobungsfahrzeuge, schlussendlich wurde dem Biturbo-Elfer das Abblaszwitschern abtrainiert. Weniger technikaffine Kunden hätten ja die klassische Turbo-Melodie als "Kaputtgeräusch“ wahrnehmen können. Schade! Unser Vorschlag: Wenn sich schon keine Sportabgasanlage in der Optionsliste findet, könnte man doch für echte Turbo-Fans im Tequipment-Programm etwa ein Turbo-Klangpaket mit Turbo-Pfeifen anbieten.

Der Porsche 911 (991) Turbo S ist daher nun ein Typ wie Klitschko – austrainiert bis ins Letzte, aber ein Freund der ruhigen Töne. Tief murmelnd legt der Sechszylinder-Boxer los, der nach wie vor von zwei Turboladern mit variabler Turbinengeometrie aufgeladen wird und weiterhin über 3,8 Liter Hubraum verfügt. Im Vergleich zum 520 PS starken Basis-Turbo leistet das Porsche 911 Turbo S-Modell dank höheren Verbrennungsdrücken, einer Neuabstimmung von Ventilsteuerzeiten und Zündwinkel sowie höherem Ladedruck nun 560 PS. Im Vergleich zum Turbo dreht die S-Version mit 7.200/min außerdem 200 Touren höher.

Porsche 911 Turbo S, Lamborghini Gallardo LP 570-4 Squadra Corse, Frontansicht
Porsche vs. Lambo in Hockenheim 4:46 Min.

Beide Supersportler bieten Allrad-Traktion vom Feinsten

Die Startampel springt auf Grün, Zeit für den Dragstrip. Runde eins im Powerduell dreht sich um längsdynamische Qualitäten. Das auf dem Lamborghini Gallardo Superleggera basierende Sondermodell Squadra Corse stürmt zuerst in die Arena. Bremse halten, Vollgas – der stärkste Stier der Gallardo-Baureihe spannt seine Muskel an und regelt die Anfahrdrehzahl per Launch Control auf 5.000 Umdrehungen ein. Krachend kuppelt das automatisierte Sechsgang-E-Gear-Getriebe ein. Ohne spürbaren Schlupf geht‘s los.

Mit rabiaten Schaltschlägen zoomt sich der Lambo in 3,4 Sekunden über die 100-km/h-Marke – Werksangabe eingestellt. 200 km/h sind nach 10,5 Sekunden Geschichte. In 36,0 Sekunden sprintet die Mittelmotor-Flunder auf Tempo 300. Aufmerksame sport auto-Leser werden merken, dass der Stier aus Sant’Agata den letztgenannten Tempogipfel zwei Sekunden später erklimmt als noch beim ersten Test in sport auto-Ausgabe 9/2013. Hierfür dürfte vor allem die steilere Stellung des einstellbaren Squadra Corse-Heckflügels verantwortlich sein, der diesmal auf Rennstrecke-Performance ausgerichtet wurde.

3,0, 3,0, 3,0, 3,0 Sekunden. Wie ein Schweizer Uhrwerk unterbietet der Power-Elfer mit grandioser Traktion die Werksangabe für den Sprint auf 100 km/h vier Mal in Folge punktgenau um eine Zehntelsekunde. Dank einer im Turbo S serienmäßigen Overboostfunktion erhöht sich der maximale Ladedruck im mittleren Drehzahlbereich bei aktivierter Sport- oder Sport Plus-Taste um rund 0,15 bar. Aus einem 700 Newtonmeter-Punch wird dann bis zu 20 Sekunden lang eine 750 Newtonmeter-Faust.

Beifahrer schnappen im Porsche 911 Turbo S nach Luft

Wie sich das anfühlt, ist am besten am Gesicht des Beifahrers abzulesen. Nicht selten schnappen Co-Piloten im Porsche 911 Turbo S unter Volllast mehrmals nach Luft. Kein Wunder, in 10,0 Sekunden zimmert der neueste Biturbo-Elfer im Tiefflug über die 200 km/h-Grenze. In nur 31,0 Sekunden beschleunigt das Projektil aus Stuttgart-Zuffenhausen auf 300 km/h. Im Vergleich zum Hau-Ruck-Getriebe des Gallardo Squadra Corse schaltet das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe des Porsche dabei sanfter, wenn auch nicht ganz so aufregend wie der italienische Renner.

Szenenwechsel: Raus aus dem Elfer, wieder rein in den V10. Während man in den Schalensitzen im 911 Turbo S deutlich bequemer Platz nimmt, ähnelt die kauernde Sitzposition im Gallardo einem Le-Mans-Rennwagen aus den Neunzigern. Der Innenraum ist enger geschnitten als der Arbeitsplatz im Biturbo-Elfer. Ob nun auf dem Weg ins Büro oder zur Rennstrecke – nach einer Fahrt im Gallardo ist klar, dass man in einem extremen Sportwagen unterwegs war. Einziges Manko für Personen ab 1,85 Meter – mit Helm wollen Piloten nicht so recht ins Cockpit passen. Dafür müsste der Schalensitz rund zwei Zentimeter tiefer montiert sein.

Der Turbo S will nicht nur Sportkamerad, sondern auch komfortabler Begleiter sein. In diesem Punkt ist den Entwicklern ein noch größeres Wunderwerk als bei den Vorgänger-Baureihen geglückt. Die Spreizung zwischen Sport und Alltagstauglichkeit ist noch größer geworden. Der Turbo kann mit limousinenähnlichem Federungskomfort zum Brötchenholen gleiten, dass dabei fast vergessen wird, in einem Boliden mit der Leistung eines aktuellen DTM-Autos zu sitzen. Wende- und Einparkmanöver gelingen dank neuer Hinterachslenkung, die unterhalb von 50 km/h mit bis zu 2,8 Grad Hinterrad-Lenkwinkel gegensinnig mitlenkt, spielerisch leicht.

Jeder Meter ist ein Erlebnis

Doch wer will Komfort in einem Sportwagen wirklich? Bleiben da nicht die Emotionen auf der Strecke? Hardcore-Fans finden sich im Lamborghini Gallardo mit grün-weiß-roter Trikolore auf der Seitenflanke und wuchtigem Heckflügel wieder. Egal, ob Tempo 320 oder Spielstraße – jeder Meter Fahrt ist ein Erlebnis. Und dazu gehört im Gallardo das Berlusconi-Prinzip. Leise und dezent gibt’s hier nicht.

Auf zur nächsten Runde im Powerduell. Beide Kontrahenten tragen serienmäßig eine Keramik-Bremsanlage. Wer einen wirklich guten Bremswert in den Asphalt stanzen will, kommt heute nicht mehr um spezielle Sportreifen herum. Statt des in Serie gelieferten Pirelli P Zero Corsa trägt der Gallardo nun den optionalen Cupreifen Pirelli P Zero Trofeo R.

Porsche setzt hingegen auf den ebenfalls teilweise beim GT3 genutzten Dunlop Sport Maxx Race. Erstmals in der Turbo-Geschichte kann der aufgeladene Elfer serienmäßig mit speziellen Sportreifen bestellt werden. Mit 32,3 Meter (Lamborghini) und 31,9 Meter (Porsche) aus Tempo 100 verzögern beide Allradler konstant auf extrem hohen Niveau.
Die Gesichtsfarbe des Beifahrers bei der üblichen Zehnfach-Bremsmessung in Folge aus Tempo 100 wechselt dabei von rosig in kreidebleich. Während das Bremsgefühl im Turbo mit klar definiertem Druckpunkt und guter ABS-Regelung überzeugt, fallen im Gallardo der späte Druckpunkt und die dann aber extrem bissig zupackende Bremse auf. Außerdem könnte die ABS-Regelung auf Bodenwellen besser sein.

Corsa-Modus on, ESP off (Lambo), Sport Plus an, PDCC aktiviert, PSM aus (Porsche) – Biturbo-Boxer und Saugmotor-Keil sind jetzt geschärft wie ein Samuraischwert. Startschuss zum Querdynamik-Check. Eine Duftmarke gibt der Squadra Corse mit 72,8 km/h im 18-Meter-Slalom ab. Er wedelt 1 km/h schneller durch die Pylonen als der Turbo S.

Mit 1477 Kilo präsentiert sich der Squadra Corse deutlich leichter als noch beim ersten Test (1534 kg). Laut Lamborghini war der erste Testwagen noch mit einem Lift-System an der Vorderachse ausgestattet, das eigentlich nicht Teil des Sondermodells ist. Die weiteren fehlenden Pfunde begründen die Italiener mit „allgemein üblichen Gewichtstoleranzen.“ Was heißt das denn? Werden da etwa unterschiedliche schwere Schrauben montiert?
Schluss mit den Fragen, auch der mit 1595 Kilo unter dem in seinem Datenblatt angegebenen Leergewicht von 1605 Kilo liegende 911 Turbo S will endlich auf dem Kleinen Kurs von Hockenheim auflaufen. Deutschland gegen Italien – im Motodrom herrscht Spannung wie vor einem Fußball-WM-Finale.

Duell der Sportreifen: Trofeo R gegen Sport Maxx Race

Der V10-Held legt vor. Mit der Trofeo R-Bereifung wird das tendenziell leicht untersteuernd ausgelegte Fahrverhalten des Squadra Corse etwas neutraler. Im Vergleich mit der bereits getesteten Corsa-Bereifung lenkt er besser ein. Dank des höheren Gripniveaus stürmt der Gallardo mit schnelleren Kurvengeschwindigkeiten um die Ecken. Dabei bleibt er weiterhin einfach und gutmütig fahrbar.

Lastwechsel akzeptiert er gelassen und regt sich nicht wie manch anderer Mittelmotorsportler mit erregtem Tänzeln um die Hochachse darüber auf. Statt progressiv kann hier fast aggressiv ab dem Scheitelpunkt aufs Gaspedal gestiefelt werden. Die Traktion ist schlicht beeindruckend. Mit einer Rundenzeit von 1.08,2 Minuten ist der Squadra Corse 1,1 Sekunden schneller als mit Corsa-Pneus. Außerdem krönt er sich zum schnellsten von sport auto in Hockenheim gezeiteten Lamborghini.

Damit verdrängt er den bisherigen Lambo-Spitzenreiter Aventador LP 700-4 (1.08,6 min) vom Thron. War das etwa schon die heutige Bestzeit? Der 991 Turbo S hält mit aller Macht dagegen. Im Vergleich zum Gallardo fallen sofort die geringeren Lenkkräfte der elektromechanischen Servolenkung auf, die in der Mittellage zehn Prozent direkter als bei den 991 Carrera-Modellen ausgelegt wurde.

Das Einlenkverhalten verläuft präziser als beim Gallardo. Auf Lastwechsel, bei spätem In-die-Kurve-Hineinbremsen, kontert der Biturbo-Elfer mit gut beherrschbaren Heckschwenks. Mit diesem agilen Eigenlenkverhalten lässt er sich im Grenzbereich präzise positionieren, wodurch ein bei Allradlern eigentlich typischer Hang zum Untersteuern nahezu ausbleibt.

Gleichzeitig ermöglicht die Kombination aus Allrad und elektronisch geregelter, voll variabler Hinterachsquersperre (PTV Plus), dass bereits ab dem Kurvenscheitel früh der Lasteinsatz erfolgen kann. Die Traktion sucht ihresgleichen. Die ab 80 km/h gleichsinnig mitlenkende Hinterachslenkung trägt neben einer gesteigerten Kurvenstabilität auch dazu bei, dass weniger Grenzbereich-Erfahrene sich einfacher ans Limit herantasten können.

Beim Anbremsen und Beschleunigen sind etwas mehr Karosseriebewegungen um die Querachse als im straff abgestimmten Gallardo spürbar. Seitenneigung ist dank des im Turbo S serienmäßigen Wankausgleichs namens Porsche Dynamic Chassis Control (PDCC) fast ein Fremdwort.

In Hockenheim kann sich der Turbo S nicht aus dem Windschatten des Gallardo lösen. Hierfür ist unter anderem auch das sehr gute Gripniveau der Pirelli P Zero Trofeo R-Bereifung des Lambo verantwortlich. Der Trofeo R zählt aktuell zu den besten Semislicks im Bereich Trockenhandling. Auf Nässe hat er jedoch seine Schwächen. Hier bietet der Dunlop Sport Maxx Race als Allrounder bei Trockenheit und Nässe ein runderes Gesamtpaket, das perfekt auf den Turbo S zugeschnitten wurde.

Mit einer Rundenzeit von 1.08,7 Minuten dürfen die Turbo-Entwickler stolz sein, wie ein abschließender Blick in die Ahnengalerie beweist. Nur der Porsche Carrera GT (1.08,6 min.) und der 911 GT2 RS (1.08,4 min.) waren bisher in der Porsche-Historie schneller in Hockenheim unterwegs. Chapeau!

Technische Daten
Lamborghini Gallardo LP 570-4 Squadra CorsePorsche 911 Turbo S
Grundpreis227.409 €197.041 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4386 x 1900 x 1165 mm4506 x 1880 x 1296 mm
KofferraumvolumenVDA110 L115 L
Hubraum / Motor5204 cm³ / 10-Zylinder3800 cm³ / 6-Zylinder
Leistung419 kW / 570 PS (540 Nm)412 kW / 560 PS (750 Nm)
Höchstgeschwindigkeit325 km/h318 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h3,4 s3,1 s
Verbrauch13,5 L/100 km9,7 L/100 km
Testverbrauch18,8 L/100 km18,3 L/100 km
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