VW Golf GTI und Ford Focus ST im Test-Duell

Zwei Breitensportler im Doppeltest

VT VW Golf GTI Ford Focus ST aumospo1109

Was der neue VW Golf GTI können soll, zeigt der aktuelle TV-Spot von VW. Was das 210 PS starke Topmodell tatsächlich kann, klärt der Vergleich mit dem 225 PS leistenden Ford Focus ST.

So ein wenig befahrenes Hafengelände, das wär’s. Spektakulär schleudert der rasende Reimer Smudo alias Michael Schmidt von den Fantastischen Vier mit dem neuen VW Golf GTI über den nassen Asphalt, um schließlich mit einer eleganten Handbremswende rückwärts in eine Lagerhalle einzuparken. Ford gibt sich zurückhaltender. Derzeit machen die Kölner mit dem extremen Ford Focus RS auf sich aufmerksam, der weniger radikale Ford Focus ST steht in dessen Schatten. Mit emotionalem Fünfzylinder-Sound, 15 PS mehr Leistung als VW Golf GTI Nummer sechs und einer frisch gelifteten Front fordert der Ford Focus knurrend zum Duell.

Ford Focus mit mehr Leistung und Drehmoment

Die beiden Kompaktwagen versprechen vor allem in den hier getesteten viertürigen Varianten mit leistungsstarken Turbomotoren einen prickelnden Kompromiss zwischen dienstbarer Alltagstauglichkeit und lustvoller Sportlichkeit - zu überschaubaren Kosten. Den VW Golf zieht ein zwei Liter großer Benzin-Direkteinspritzer mit 210 PS nach vorn, der Ford Focus gönnt sich rund einen halben Liter mehr Hubraum als der VW Golf GTI , was in 225 PS resultiert. Mit einem Drehmoment von 280 Newtonmetern hat der VW ebenfalls das Nachsehen, der Ford-Fünfzylinder entwickelt 320 Nm. Reichlich Leistung ist also bei beiden Kompakten vorhanden - die mit einer stilsicheren Mischung aus Aggressivität und Kraftmeierei zur Schau gestellt wird.

So blinzelt der Golf verkniffen aus den geänderten Leuchten seinen Gegnern in den Rückspiegel, die senkrechten Nebelleuchten im bulligen Stoßfänger verleihen mehr optische Breite. Der Ford hingegen macht mit bauchigen Kotflügeln und üppigen Schwellern einen auf dicke Hose. Fahrwerke mit besonders sportlicher Abstimmung und große Räder sind selbstverständlich. Serienmäßig gehören beim VW Golf GTI 17-Zoll-Felgen zum Lieferumfang, beim Ford Focus ST 18-Zöller. Zum Test haben beide 18-Zoll-Räder aufgezogen.

Ebenfalls zur Serienausstattung zählen Sportsitze, die sich im Fall des Focus mit dem prestigeträchtigen Recaro-Label schmücken. Ob das Karo-Design der VW-Sitze ebenfalls schmückt, muss der Käufer entscheiden - zumindest hat es Tradition. Hier wie dort werden die Insassen von ausgeprägten Flanken umklammert. Im Ford Focus ST sitzt der Pilot nicht zuletzt wegen der üppig aufgepolsterten Recaros unsportlich hoch. Motorsport-Flair kommt aber rasch auf, wenn der Startknopf den Fünfzylinder zur Arbeit ruft und die Zeiger der drei Zusatzinstrumente für Ladedruck, Öldruck und -temperatur auf der Mittelkonsole zucken. Mit leicht unruhigem Bollern wartet das Triebwerk auf den Startschuss.

VW Golf GTI mit einfacher Bedienung

Der VW Golf riskiert ebenfalls eine dicke Lippe, was angesichts seiner im Vergleich zum Ford Focus ST weniger üppigen Eckdaten umso mehr beeindruckt. VW peppt das Cockpit mit einem unten abgeflachten Lederlenkrad nebst filigraner Spange mit GTI-Logo auf. Den Startknopf sparen sich die Wolfsburger ebenso wie zusätzliche Befindlichkeitsanzeigen für den Motor. Immerhin kann die Öltemperatur über das Multifunktionsdisplay abgefragt werden. In Summe findet sich der Pilot im VW Golf besser zurecht als im Focus, bei dem speziell die schlechter ablesbaren Instrumentenskalen sowie der grobschlächtige und versteckte Bediensatellit für das Radio stören. Dabei sollte der Fahrer die Geschwindigkeit ständig im Blick haben, denn die beiden Hot Hatches - so nennt der Brite diese Fahrzeugklasse - verwandeln jeden beherzten Gasstoß umgehend in einen schnellen Angriff.

VW Golf GTI und Ford Focus ST im Sprint

In 6,9 Sekunden knacken VW Golf GTI und Ford Focus ST im Schulterschluss aus dem Stand die 100-km/h-Marke. Hier kann der ST seinen Leistungstrumpf nicht ausspielen, wohl aber in der Elastizität. Beim Zwischenspurt von 80 auf 120 km/h im fünften Gang lässt sich der VW Golf GTI eine Sekunde mehr Zeit, wenngleich die gemessenen 7,6 Sekunden sicher nicht als gemächlich abzuwatschen sind. Richtig rockig wird es im GTI jedoch, wenn das Ende der Geraden naht.

Tanz um die Pylonen mit dem VW Golf GTI

Zwar stand kein verlassener Hafen in schummrigem Licht zum Ausloten des Grenzbereichs zur Verfügung, doch der teilbewässerte Handlingparcours des Bosch-Testzentrums Boxberg ist sicher eine ebenso tolle Spielwiese. Ob trocken oder nass, schon beim Einlenken in die erste schnelle Rechts-Links-Kombination stellt das Heck des VW Golf klar, dass es bei der Fahrdynamik den Dreh raus hat. Lupft der Fahrer das Gaspedal zackig, offenbart der mit adaptiven Dämpfern ausgerüstete GTI deutliches, aber beherrschbares Übersteuern, das vom ESP zuverlässig wieder eingefangen wird. Mit diesem Wissen lassen sich die Lastwechselreaktionen nun hervorragend in den Tanz um die Pylonen einflechten.

Ford Focus ST bietet mehr Federungskomfort

Der Focus versucht unterdessen, mit lautem Knurren seiner fünf Zylinder die Kurven zu Geraden umzuformen. Da dies nicht gelingt, entscheidet er sich lieber für defensives Untersteuern. Wildes Traktieren des Gaspedals bringt ihn auch nicht aus der Ruhe, da in diesem Fall einfach die Leistung weggeregelt wird. Das kostet speziell beim Herausbeschleunigen aus engen Kehren Zeit. Hier punktet der VW Golf mit dem elektronischen Sperrdifferenzial XDS, das die Kraft per Bremseneingriff, nicht aber durch grobe Wegnahme der Leistung umdirigiert. Die auf dem Ford Focus ST montierten, für gute Nässe-Eigenschaften bekannten Continental Sport Contact 3 begünstigen das unspektakuläre, aber sehr sichere Handling. Darüber hinaus bietet der Ford einen minimal besseren Federungskomfort, selbst wenn der VW Golf im Comfort-Modus unterwegs ist.

Überhaupt könnte die Spreizung der elektronischen Regelung größer ausfallen. Angesichts des ohnehin schon recht straffen Comfort-Programms erscheinen die beiden anderen Stufen verzichtbar - den Vergleich gewinnt der Sport-Golf trotzdem locker. Jetzt müsste die VW Golf GTI-Aufpreisliste nur noch einen verlassenen Industriehafen bereithalten.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 11 / 2009

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