VW Golf und Brilliance BS4 im Doppeltest

Limousine gegen Kompaktwagen im Vergleichstest

DT VW Golf aumospo0909

Aufgrund seines Basispreises von knapp 16.000 Euro muss sich der Brilliance BS4 mit dem günstigsten VW Golf messen. Was hat die flott gestylte China-Limousine neben 45 Zentimeter mehr Außenlänge noch zu bieten?

Es herrscht Revolution - und keiner guckt hin. Immerhin rollt mit dem Brilliance BS4 eines der ersten chinesischen Autos über deutsche, ja sogar europäische Straßen, doch niemand nimmt davon Notiz. Zugegeben, eine optische Revolution ist der BS4 sicher nicht, gefällig ist das Design sehr wohl. Audi-Zitate hier, Anleihen von Renault dort, nett arrangiert zu einer stattlichen, 4,65 Meter langen Limousine. Und damit leider geradewegs am Geschmack zumindest der deutschen Autofahrer vorbei.

VW Golf und Brilliance BS4 mit ähnlicher Serienausstattung

Angesichts von hübschen Kombis, modischen SUV, praktischen kleinen Kastenwagen und allem anderen, was der Crossover-Cocktail hergibt, geriet das klassische Stufenheck längst ins Hintertreffen. Im C-Segment, also der VW Golf-Klasse, in die der Brilliance BS4 mit seinem Grundpreis von 15.990 Euro drängt, gilt ohnehin der kompakte Viertürer mit Heckklappe als der Auto-Traum für Fahranfänger bis hin zu Familienvätern. Zudem steht ein neuer VW Golf auch schon für 16.500 Euro in der Preisliste. Nur 4,20 Meter lang und nur mit zwei Türen ausgestattet, aber immerhin. Wer jetzt die Revolution ausrufen will, schreibt sich in Großbuchstaben auf sein Transparent: "Mehr Auto fürs Geld - Brilliance braucht die Welt!"

Doch das stimmt nicht ganz, denn der VW Golf ist - für Wolfsburger Verhältnisse - geradezu üppig ausstaffiert. Neben einer Klimaanlage gehören elektrische Fensterheber vorn, eine fernbedienbare Zentralverriegelung und elektrisch einstell- und beheizbare Außenspiegel zum Serienumfang. Der Brilliance BS4 hat dem VW Golf lediglich Nebelscheinwerfer und einen USB-Anschluss voraus. Viel mehr gibt auch die Aufpreisliste nicht her. Metallic-Lackierung 490 Euro, CD Radio 399 Euro. Punkt. Alles andere wie Leichtmetallräder und Parkpiepser bleibt den höheren Ausstattungsniveaus - und damit den stärkeren Motoren - oder dem Zubehörhandel vorbehalten.

Brilliance BS4 mit längerer Garantie

Auf ein üppiges Garantiepaket, wie es sich beispielsweise einige Modelle aus Korea oder Japan leisten, verzichtet Brilliance. Zwar gewährt der Importeur drei Jahre Garantie und damit ein Jahr mehr als VW, und das gilt auch für den Fall der Durchrostung. VW ist aber sicher, dass sich ein VW Golf zwölf Jahre der braunen Pest erwehren kann. Die schlechten Prognosen für den Wiederverkauf und die hohen Fixkosten tun ein Übriges, dass sich der Brilliance BS4 im Kostenkapitel geschlagen geben muss. Also gut, mag sich der Revolutionär nun denken, dann eben "100 zu 80 PS - das wird für den Brilliance ein Fest", und tatsächlich fühlt sich der Brilliance BS4  recht spritzig an.

Mag der 1,6-Liter-Motor von der Konstruktion eher brav bis antiquiert sein, zeigt der Vierventiler mit seinem geradezu gierigen Ansprechverhalten doch Engagement. Akustisch tut das im Vergleich zum VW Golf langhubig ausgelegte Aggregat diesen Einsatz auch kund, bis hin zu äußerst unangenehmen Dröhnfrequenzen in den oberen Drehzahlregionen. Ganz anders der VW Golf. Im Leerlauf kommen aufgrund der üppigen Geräuschisolierung Zweifel auf, ob der 1,4-Liter-Vierventiler überhaupt wach ist. Die gleichen Zweifel überkommen den Fahrer allerdings auch, wenn er gerne die 80 PS abrufen möchte. Subjektiv nimmt man Everybody‘s Darling aus Wolfsburg als faulen Hund wahr. Fällt die Differenz von drei Zehntelsekunden bei der Beschleunigung von null auf 100 km/h in dieser Leistungsklasse noch unter das Kapitel Messtoleranzen, so setzt sich der Brilliance BS4  beim Überholvorgang deutlich ab. 

Brilliance BS4 erfüllt nur Euro 4-Norm

In der Elastizitätsmessung im fünften Gang sind es knapp drei Sekunden, die der Brilliance BS4 dem VW Golf abnimmt - trotz 204 Kilogramm Mehrgewicht. Angesichts des Leistungsplus von 20 PS und der Hubraumdifferenz von rund 200 cm³ gehen die Sprinterqualitäten des Brilliance BS4 kaum als revolutionär durch. In beiden Fällen erweist sich die Motorleistung als ausreichend, wenngleich sowohl im VW Golf als auch im Brilliance BS4 lange Touren mit großem Gepäck mit viel Schaltarbeit und etwas Geduld zu absolvieren sind.

Den kleinen Vorteil des etwas besseren Spurtvermögens verspielt der Brilliance BS4 mit unverhältnismäßig hohen Emissionen. Der Brilliance BS4 erfüllt im Gegensatz zum Golf nur die Euro 4-Norm und bläst pro Kilometer 190 Gramm CO2 in die Luft (Golf 149 Gramm). Im Test genehmigte sich die große Limousine aus Fernost durchschnittlich über einen Liter mehr. Spätestens in dieser Disziplin macht sich das hohe konstruktive Alter des BS4-Motors bemerkbar.

Im Brilliance wünscht man sich ein ESP

Transparente mit der Aufschrift "Flott geradeaus, zügig um’s Eck - im Nu ist der Brilliance BS4 weg!" sind auch deshalb nicht angebracht, weil seine Fahrwerksabstimmung aus der gleichen Epoche wie der Motor zu stammen scheint. Starkes Untersteuern prägt das Handling, die wenig direkte Lenkung passt ins Bild. Deutlich erkennbare Lastwechsel lassen den Wunsch nach einem Stabilitätsprogramm aufkommen, den der Hersteller jedoch abschlägig bescheidet.

Der Golf nimmt Kurven mit mehr Engagement, unterstützt von einem ESP, das Untersteuern besonders wirksam unterbindet. Die Agililtät wird mit einer strafferen Dämpferauslegung als beim Chinesen erkauft, die den Golf hinsichtlich des Fahrkomforts zunächst ins Hintertreffen geraten lässt. Speziell auf langen Bodenwellen federt der Brilliance BS4 geschmeidiger. Starke Eigenbewegungen auf kurzen Wellen und generell hohe Abrollgeräusche verhindern allerdings auch in dieser Disziplin einen Sieg -  zumal das Komfort-Kapitel auch das Platzangebot im Innenraum umfasst.

Das deutliche Plus an Länge gereicht dem Brilliance BS4 einzig bei der Beinfreiheit im Fond zum Vorteil. Im Gegensatz zum VW Golf bleibt aber kaum Luft über den Köpfen der Mitreisenden, sofern diese größer als 1,80 Meter gewachsen sind. Fahrer und Beifahrer steht in beiden Konkurrenten nahezu der gleiche Platz zur Verfügung, den der Brilliance BS4 mit unsagbar schlechten Sitzen möbliert. Langstreckengeplagte Rücken finden auf den schwammartigen Polstern soviel Unterstützung und Komfort wie in einem Ikea-Sitzsack.

Der Brilliance scheitert am VW Golf

Selbst den Vorteil des deutlich größeren Kofferraums vermochten die chinesischen Ingenieure nicht zu nutzen. Die Luke zum Gepäckabteil ist kaum größer als ein Handschuhfachdeckel, und die Rücksitzbank lässt sich nicht umlegen. Unter diesen Umständen nützen 430 Liter Volumen (Golf: 395 Liter) nichts, mehr zuladen kann man im VW Golf obendrein.

Wie schon im Kostenkapitel lässt der Brilliance BS4 auch diese Steilvorlage ungenutzt. Dass die vermeintliche Revolution aus China kläglich an der neuen Euro-NCAP-Mauer endet, überrascht daher kaum.

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Jens Dralle

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