Dirk Johaes Klassiker-Blog

Dadurch verkauft ihr kein Auto mehr

Bar Parco Foto: Dirk Johae 8 Bilder

Der Blick auf die Bäume in einem Park hat etwas Beruhigendes, jetzt noch eine Tasse Espresso. Endlich weg von diesem Getöse der Rennstrecke oder der verwirrenden Fahrzeugvielfalt einer Oldtimerrallye.

Ich greife zu einer Zeitung, dieses herrlich altmodische Druckerzeugnis. Schickt mich frühzeitig in Rente: Aber ich liebe das Gefühl von Papier in den Händen, das Rascheln beim Blättern und möchte darauf nicht verzichten. Man muss als Redakteur einer Print-Redaktion für sein Metier werben: Print ist cool. Andererseits: Verkaufen wir dadurch, dass ich diesen Satz geschrieben habe, ein Magazin mehr?

Wann performt eine Ausgabe gut?

Aber was ist wichtig fürs Verkaufen? Das Titelblatt, die Gestaltung, die Themen, die Heft-Dramaturgie? Wann performt eine Ausgabe gut? Dieses Verb "performt" gibt es wirklich: Das klingt so, als würden wir mit Motor Klassik an einem Rennen teilnehmen, am 24 Stunden-Rennen in Le Mans zum Beispiel: "Der Motor Klassik W813 startet nach der Bestzeit im Qualifying von der ersten Startposition." So könnte eine Schlagzeile aussehen - man darf doch mal träumen.

Andererseits könnte es natürlich auch sein, dass sich unser W813 im Gegensatz zum Vorjahresmodell auf einmal als Reifenfresser oder Spritsäufer erweist. Würden wir ein Heft mehr verkaufen, weil wir heldenhaft beim berühmtesten Langstreckenrennen der Welt trotzdem Flagge zeigten? Oder wie wäre es, wenn man uns bei einem geheimen Test mit dem Reifenhersteller erwischt hätte, der vielleicht nicht zulässig war? So wie bei AMG-Mercedes in der Formel 1.

Die Flucht zurück

Und ehe man sich versieht, sind sie da. Die Finanzmanager, die mit der rauen Stimme eines Poliermittelverkäufers über den Platz rufen: "Raus aus dem Motorsport, spart die Abermillionen, davon verkaufen wir kein Auto mehr!" Nun muss man den Investmentbankern lassen, dass sie genau wissen, wie man zum Beispiel Anlageprodukte vertreibt. Von den Ergebnissen hören wir ja regelmäßig, weil ein gewisses Risiko zum Reiz dieser Produkte gehört.

Eigentlich ganz wie im Motorsport: Nur ist es hier anders verteilt. Der Investor leidet selbst, wenn die Marke, auf die er gesetzt hat, keinen Erfolg liefert. Da gibt´s dann nur eine Richtung: die Flucht zurück. Dabei gehört zum Sport nun mal, dass es neben einem Gewinner auch Verlierer geben muss: Nur so läuft das Spiel. Deshalb verfolgen wir das Geschehen, schreiben Geschichten auf, und nur so entsteht Motorsporthistorie. Was wäre ein Gang durch das Mercedes-Benz-Museum ohne die Silberpfeil-Steilwand? Oder ein Besuch im Porsche-Museum ohne die 917-Familie oder den an der Decke hängenden 956? Für Audi und BMW gilt das Gleiche oder auch das Zeithaus der Autostadt in Wolfsburg und die weiteren Automuseen weltweit. Wäre Ferrari die weltweit bekannteste Marke ohne Motorsport geworden?

90 Jahre 24 Stunden von Le Mans

Am Wochenende wird in Frankreich "90 Jahre 24 Stunden von Le Mans" gefeiert: Das Jubiläum des berühmtesten Langstreckenrennens der Welt. Audi ist bei der aktuellen Auflage der Favorit. Geschickt folgen die Le Mans-Rennwagen den Spuren des Quattro, der Rallye-Rakete mit Allradantrieb, mit der Audi zum Marathon Richtung Premiummarke aufbrach – kein Auto mehr verkauft? In der GT-Klasse bereitet sich Porsche mit zwei RSR auf das große Revival 2014 vor. Zu dieser Rückkehr braucht es viel Mut. 16 Gesamtsiege sind ein großes Erbe. Auch Alpine kehrt in Le Mans auf die große Bühne zurück. Warum machen die das?

Motorsport liefert Stoff für viele Geschichten: beglückende Erfolge, schmerzvolle Niederlagen, manchmal auch Tragödien. Geschichten, die zu unserem Leben und zu unserer Kultur gehören, die in der Vergangenheit spielen können, die aber auch lebensnah und aktuell passieren, jetzt. Wer in dieses Spiel einwilligt, sich der Herausforderung stellt, kann in einer Geschichte mitspielen, vielleicht sogar in der Hauptrolle – zumindest für ein Kapitel. Jahr für Jahr reisen Scharen von Zuschauern zum Beispiel nach Le Mans, um eine Geschichte selbst mitzuerleben, die sie nachher erzählen können. Wenn sie stattdessen lieber zu Hause bleiben, um aus dem Jahresgeschäftsbericht eines Unternehmens vorzutragen oder Kennzahlen herunterzubeten, werden sie keine Zuhörer finden.

Groß ist aber die Aufmerksamkeit, wenn von dem berichtet wird, der von ganz unten den Weg wieder nach oben schafft, der mit Nichts in der Hand etwas erreicht hat, der mutig versucht hat, seine kleine Chance zu nutzen oder auch in einem langen Rennen auf kurvenreicher Piste seiner Linie treu bleibt. In der simplen Sprache von Angebot und Nachfrage, mit dem schlichten Schema von Kaufen und Verkaufen lässt sich das alles nicht ausdrücken. Wir haben das Rolltor unserer Boxengarage geöffnet und schicken unseren Motor Klassik W813 ins Rennen: So schnell ist es mit dem Blick auf die Bäume vorbei: Die Geschichten warten und die Bar Parco schließt.

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