Mille Miglia Storico 2011

Schlaflos im Sattel

Mille Miglia storico 2011 Foto: Hans-Dieter Seufert 94 Bilder

Mille Miglia Storico – das heißt 1.600 Kilometer in knapp drei Tagen, maximal eine Handvoll Stunden Schlaf pro Nacht und immer unter Strom. Die Mutter aller Oldtimer-Rallyes hat auch im Jahr 2011 nichts von ihrem Reiz verloren. Behaupten zumindest Redakteur Michael Schröder und Josef Geidobler, Gewinner des Motor Klassik-Preisausschreibens. Ihr Auto für dieses Abenteuer: ein Mercedes 300 SL.

Donnerstag, 12. Mai, 20.29 Uhr. Wir sind dran, endlich. Jetzt bloß nicht den Motor abwürgen, einfach auf die Rampe fahren und am besten so tun, als würde man tagtäglich bei einem Rennen starten.

Die Euphorie kennt keine Grenzen

Um uns herum Kameras, Blitzlichtgewitter, Lautsprecheransagen. Aus dem Hintergrund dröhnt Applaus herüber, als ob soeben weltbekannte Rockstars die Bühne betreten hätten. Sekunden später fällt der Startschuss, wird der schwarze Mercedes-Benz 300 SL mit der Startnummer 271 von einer unüberschaubaren Menschenmenge verschluckt. Wenn alles gut läuft, werden wir in zweieinhalb Tagen wieder über diese Rampe rollen - nach 1.600 Kilometern, die in Form einer Acht von Brescia hinunter nach Rom und wieder zurück führen. Die Mille Miglia Storico nimmt Fahrt auf - und wir sind dabei. Unsere Euphorie kennt in diesem Moment keine Grenzen.

Im Cockpit neben mir: Josef Geidobler, Fahrzeug- und Karosseriebauer aus dem bayerischen Soyen, der es irgendwie noch immer nicht fassen kann, dass er diese Mitfahrt beim Mille Miglia-Gewinnspiel von Motor Klassik gewonnen hat. Wir haben uns gestern kennengelernt, heute Vormittag gemeinsam das Auto durch die technische Abnahme gebracht und anschließend das Roadbook studiert. Für Josef ist die Mille Miglia Storico 2011 die erste Rallye überhaupt - während andere Teams das ganze Jahr über trainieren, wie man Schlauchprüfungen auf die Hundertstel genau absolviert, begnügen wir uns mit einer theoretischen Einweisung. Zwei Stoppuhren müssen zudem genügen, um gegen die technisch hochgerüsteten Rallye-Profis zu bestehen. Wir werden jedoch alles geben, soviel ist klar.

375 rasende Oldtimer unterwegs durch Italien

Gut vier Stunden später im Etappenziel Bologna. Noch immer fällt es schwer, diese Euphorie am Straßenrand zu fassen. Halb Italien steht Kopf, wenn die insgesamt 375 Autos, die an der Mille Miglia Storico teilnehmen, durch die Dörfer und Städte rasen. Gefeiert wird offensichtlich rund und die Uhr. Am Straßenrand, auf Tankstellen, an Kreisverkehren. Die Stimmung? Als ob Italien soeben das WM-Finale erreicht hat.

Tag zwei. Von Bologna bis Rom, knapp 550 Kilometer auf engen Landstraßen. Der Mercedes lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei ihm um einen reinrassigen Rennwagen handelt. Ab 4.000 Umdrehungen brüllt dieses Auto wie ein wildgewordener Löwe. Wunderbar. Wenn es im Cockpit nur nicht so heiß sein würde. Egal. Wir fliegen wie im Rausch durch Italien, passieren San Marino, Sansepolcro und den Monte Terminillo, gelangen nach gefühlten 6.593 Überholmanövern gegen 23.00 Uhr schließlich in die Ewige Stadt. Schwer zu sagen, wie viele tausend Menschen uns dort empfangen. Wir sind ohnehin kaum noch aufnahmefähig, durch unsere Adern fließt längst eine berauschende Mischung aus Adrenalin und Glückshormonen. Neben uns parkt Mika Häkkinen seinen 300 SLR, mit dem er den Neffen von Juan Manuel Fangio chauffiert. Klaus Ludwig und Jochen Maas, ebenfalls aus dem Mercedes-Team, schütteln uns die Hände. An Schlaf ist noch lange nicht zu denken.

Tag drei, die Königsetappe der Mille Miglia. Rund 710 Kilometer, die laut Roadbook in 15 Stunden zu bewältigen sind. Der faszinierende Klang des 300ers vertreibt jedoch alle Müdigkeit. Jetzt heißt es alles geben. Siena, Florenz, noch einmal Bologna, dann Modena, Parma und schließlich Brescia. Die ansteckende Begeisterung der Italiener für die Mille Miglia Storico, sie trägt uns bis zum Ziel. Und Co-Pilot Josef Geidobler entpuppt sich als perfekter Navigator und Meister der Stoppuhren. Am Ende springt sogar Position 158 heraus, und man muss uns förmlich aus dem Auto zwingen - genau so haben wir uns die Mille Miglia Storico vorgestellt. 

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