Alfa Brera

Mehr als eine schöne Hülle

Alfa Romeo Brera: Wie fährt sich der aufregendste Alfa Romeo der Gegenwart? Mit 400-PS-V8 und Heckantrieb noch besser, als er aussieht, denn unter seiner bildschönen Hülle steckt ein technisch seriennaher Charakter.

Lebenslange Leidenschaften, die erste Lieben und mehrere Ehen überdauern, werden üblicherweise durch rote Flammen entzündet, deren Umrisse nicht zufällig an Sportwagen erinnern. Seit dem Genfer Automobilsalon im März lodert dieses Feuer in der Form des Alfa Romeo Brera von Italdesign Giugiaro. Die Schnauze schnüffelt so knapp über dem Boden, als könnte sie sogar bei der rechnerisch möglichen Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h noch nebenbei nach Trüffeln suchen. Katzenaugen mit sechs Pupillen umrahmen das als Kühlergrill verkleidete mittelalterliche Schild mit dem Alfa-Wappen. Kanten und Linien zeigen in aller Schlichtheit eine animalische Lässigkeit, und die Harmonie der Formen und Kurven lässt die Vermutung entstehen, dieses 2+2-sitzige Coupé mit Heckantrieb könne nur schaumgeboren sein. Dabei hat der ewig junge Altmeister Giorgetto Giugiaro im letzten Oktober lediglich seinen Bleistift gespitzt, um zu skizzieren, wie er sich den typisch italienischen Alfa Romeo-Sportwagen der Gegenwart vorstellt: „Nach unseren vielen sehr zukunftsorientierten Design-Prototypen der letzten Jahre wollten wir zeigen, dass wir auch das scheinbar einfache Metier beherrschen.“ Und wie! Bei der ersten öffentlichen Ausfahrt begegnet der Brera in Madrid sogar noch mehr strahlenden Gesichtern als nach dem Champions-League-Sieg von Real. Kinder wollen alt genug für den Führerschein sein, ältere Damen wieder so jung wie beim ersten Rendezvous, und mancher einheimische Torero grübelt darüber, ob er zuviel Zeit mit Stieren und Bewunderinnen verbringt und zuwenig mit den Brera dieser Welt. Niemand dieser spontanen Anbeter fragt – wie bei anderen Prototypen typisch – nach der Automarke.

Die steht dem Brera nämlich mehr ins Gesicht geschrieben als allen Modellen der aktuellen Palette, denn er ist von den Felgen bis zur Form der gläsernen Heckklappe so typisch Alfa Romeo, wie es die legendären Superleggera-Modelle von Touring waren. Im Brera verdichten sich klassische Zitate, High-Tech und die kühne Vision eines Coupés, das ohne Einwirkung von Marketing und Controlling entstand, zum Meisterstück des modernen Realismus. Die Türen aus kohlefaserverstärktem Kunststoff schwingen tatsächlich mit der Leichtigkeit von Flügeln auf und geben einen großen, bequemen Einstieg frei. Alfa-Liebhaber, jene so genannten Romeos, die sich für Giulia und Giulietta und gegen Julia entschieden haben, begrüßen den Innenraum wie einen alten Bekannten: Schalensitze, stilisierte Eisbecher-Instrumente für Tacho und Drehzahlmesser, an der Mittelkonsole einen Metallhaltegriff für den Beifahrer, Leder mit der blankgewetzten, braun schimmernden Patina alter Clubfauteuils. Dessen dunkelbrauner Farbton wird in Italien elegant als testa di moro bezeichnet, was sich freundlich mit Kopf des Mohren übersetzen lässt. Wie Stammesschmuck eingearbeitet die Metallteile aus Vollaluminium, wuchtig und glänzend durch den ganzen Innenraum verteilt, als sollte dadurch das Fehlen von Schalthebel und Kupplungspedal kaschiert werden. Trotz der wohlkalkulierten Reminiszenzen schlummert im Brera moderne Technik, zum Beispiel in Form eines Sechsgang-Getriebes an der Hinterachse, dessen elektronisch-hydraulische Betätigung über Tipptasten an den Lenkradspeichen ausgelöst wird. Alfa Selespeed oder Maserati Cambiocorsa, das ist hier wirklich nicht die Frage, denn am vorderen Ende des Transaxle-Rohres hängt ein 90-Grad-V8-Motor, der sich trotz eines Alfa-Wappens auf dem rot lackierten Ansaugtrakt als Maseratis höchst gelungener 4,2-Liter identifizieren lässt. Die Engineering-Abteilung von Italdesign hat zwar offiziell alle Teile direkt von Alfa bezogen, dem Brera aber letztendlich doch Fahrwerk und Antriebsstrang aus dem Maserati Spider/Coupé untergejubelt. Deswegen ist der Brera nicht nur Augenpulver gegen die Alterssichtigkeit, sondern auch Vitaminpille für die Sinne. Er fährt sich nicht wie ein 230-PS-Halbstarker mit Frontantrieb, sondern wie ein lupenreiner 400-PS-Sportwagen mit Heckantrieb. Die lange Schnauze eignet sich fabelhaft zum Zielen, und die nahe Hinterachse elektrisiert die Nerven-Enden im Beckenbereich. Nicht zufällig hat Giugiaro mit einem hinter die Vorderachse gerückten Frontmittelmotor das technische Konzept der erfolgreichen Giulia TZ-Rennsportwagen übernommen, um eine ausgeglichene Achslastverteilung von 50:50 zu erreichen.

Wie in einem Vexierbild sind überall Hinweise darauf versteckt, wie seriennah der Brera technisch ausgelegt ist. Selbst auf den Allradantrieb, den Alfa in der nächsten Modellgeneration ab 250 PS Leistung verwenden wird, ist Giugiaro vorbereitet. Der V8 ließe sich im Motorraum soweit anheben, um von der Transaxle-Einheit eine zweite Kardanwelle zu den Vorderrädern zu führen. Selbst an die notorischen Macken der Serien-Alfa hat Giugiaro gedacht: Noch sind Drehzahlmesser und Tacho nicht angeschlossen, und beim Glasdach lässt die gegen Sonneneinstrahlung geplante automatische Verdunkelung zu wünschen übrig. Die Klimaanlage dagegen funktioniert einwandfrei auf einer einzigen Stufe. Damit bietet der Brera auch gleich jenes italophile Lebensgefühl, das im Prototyp ohnehin unbezahlbar ist. Geschaltet wird, wenn der Motor den Gesang des Fahrers übertönt, bei dem die Sonnenbrille kein Schmuckstück in den Haaren, sondern Teil der Serienausstattung auf der Nase ist. Wegen der euphorischen Resonanz des Publikums füh-ren Giugiaro und die Alfa-Mutter Fiat-Auto die Mailänder Defensiv-Variante Catenaccio auf und wehren Möglichkeiten der Serienfertigung mit elf Mann in der Verteidigung ab. Doch warum nicht? Jedes scheinheilige Argument der Fiat Auto-Manager ließe sich unter diesen Antithesen subsummieren: Lieber eine limitierte und garantiert ausverkaufte Brera-Serie als einige 100 000 Großserien-Modelle auf Halde, lieber eine strahlende Ikone oben drüber als so seltsame Nischenhüter wie Multipla, Doblò oder Lybra. Bis Juli wird Italdesign den Brera vollends funktionsfähig machen. Schließlich soll er im August standesgemäß in Urlaub fahren: zusammen mit Giorgetto Giugiaro nach Sardinien.

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