Foto: Hans-Dieter Seufert

Aston Martin DB9

Bodycheck eines Gentleman

Der attraktive Aston Martin DB9 steht für eine neue Ära der britischen Traditionsmarke. Ein mit 456 PS bärenstarker V12-Motor im Alu-Chassis kündigt von königlichem Fahrvergnügen.

Der neue Aston Martin DB9 besitzt einen Digitaltacho und vier schwarze Wähltasten, mit denen sich das Automatikgetriebe ganz im Stil eines Wäschetrockners bedienen lässt. Oh, my dear! Natürlich hat sich in den letzen 90 Jahren seit Gründung der britischen Sportwagenfirma so einiges getan: Der Papst fährt Ski, der Mond ist erobert, der Welt-Kommunimus gebannt, und Porsche baut den Cayenne. Doch rechtfertigt dies einen solchen Bruch mit der Tradition? Aston Martin-Chef Ulrich Bez sagt eindeutig ja: „Die Tasten stehen für die hohe Glaubwürdigkeit von Aston Martin. Jeder weiß doch, dass moderne Automatikgetriebe elektronisch gesteuert werden. Sportliche Mittelschalthebel sind überflüssig.“ Er wird im neuen Aston Martin-Coupé, das laut Bez für den „Relaunch der Marke Aston Martin“ steht, nicht vermisst. Die entstandene Lücke füllt eine quadratische Vertiefung für das Handy und der unter einem Schiebedeckel verborgene Aschenbecher aus mattem Glas, an dem sich selbst Nichtraucher wie Bez delektieren dürfen.

Traditionalisten kommen im DB9 auch ohne Mittelschalthebel auf ihre Kosten. Aufwendig verarbeitetes Walnuss-, Mahagoni- oder Bambus-Holz, das erstmals einem Automobil Glanz verleiht, würden jedem Schreinergesellen zum Meisterstück gereichen. Sie ersetzen komplette Bereiche des ansonsten in Leder, Alcantara, Aluminium und Magnesium gestalteten Interieurs: die oberen Türabschlüsse und die sich zur Windschutzscheibe hin wölbende Mittelkonsole. Dort verbirgt sich unter einem per Laserstrahl ausgesägten Holzdeckel der Navigations-Bildschirm, der nur zum Navigieren in Erscheinung tritt, weil ein separates, diskret platziertes Display über Heizung und Audio-Anlage informiert.

Aston Martin-Designer Henrik Fisker: „Das Holz im DB9-Innenraum sollte nicht nur Zierrat sein und irgendwelche ebenen Flächen abdecken, sondern seine eigene Form erhalten.“ Außerdem sei es nicht lackiert und würde daher je nach Pflegegrad durch den Besitzer mehr oder weniger schnell altern. Im stärksten Kontrast zur Holzbeplankung stehen die digital eingespielten, hellgrün leuchtenden Ziffern des Tachometers, maximal 300 km/h. Natürlich besitzt der sportliche Brite auch eine kreisrunde, analoge Tempoanzeige, die ebenso wie der benachbarte Drehzahlmesser in Aluminium ausgeführt ist. Da sich jedoch die Ziffern auf den glänzenden, laut Fisker „dreidimensional in mehrere Ebenen gestalteten Uhren“ etwas mühsam ablesen lassen, käme dem DB9-Piloten die Digitalanzeige zu Hilfe. Eines jedoch werden Aston-Traditionalisten im DB9 wirklich nicht vermissen: den Sechszylinder-Reihenmotor. 

Denn hier arbeitet der aus dem Vorgänger DB7 Vantage übernommene, im Drehmomentverlauf optimierte V12 mit jetzt 456 PS. Motorentechniker David King verzichtete im Gegensatz zu seinen Kollegen in Italien darauf, das letzte Quäntchen an PS aus dem Sechsliter- Monument zu quetschen und erntete deshalb reichlich frischen Torque: 570 Newtonmeter bei 5000/min. Laut Datenblatt pressen bereits 80 Prozent davon – rund 450 Newtonmeter – bei 1500/min auf das ZF-Wandlergetriebe. Entsprechend sanft will das Gaspedal gestreichelt werden, nachdem per Starterknopf der V12 zum Leben erwacht. Fahrer, die bisher einen etwa gleich starken Kompressor- V8 fuhren, sollten sich als DB9-Novizen über Fluchtwege Gedanken machen – besonders in Tiefgaragen. Das Coupé legt ab Leerlaufdrehzahl los wie ein Windhund aus der Startbox. Die 100-km/h-Marke wird nach 4,9 Sekunden überschritten. 1,8 Tonnen Leergewicht bedeuten für das beschleunigende Coupé und den Fahrer kein allzu großes Hemmnis; eher schon der Klangorkan, der beide mit zunehmender Drehzahl umhüllt.

Der geniale Mix aus heller, metallischer Härte und dunklem, zornigem Auspuffgrollen ist zugleich Warnung und Verführung – für Männer immer der Beginn verhängnisvoller Affären. Doch im DB9 wird alles gut, denn er ist ein ehrlicher Typ. Zum einen verleugnet er keineswegs sein stattliches Gewicht, weil Lenkung und Bremsen ein gewisses Maß an Muskelstärke erfordern: Man muss also zupacken. Zum anderen gibt sich der mächtige V12 durchaus auch friedfertig, solange es den Fahrer nicht im rechten Fuß juckt. Auf der Autobahn zum Beispiel, wenn es gilt, nach einem 120-km/h-Limit wieder Fahrt aufzunehmen, geht das auch auf die sanfte Tour: Der gemütlich mit 2000/min rotierende V12 schiebt dann ohne Zurückschalten das Coupé spürbar nach vorn, ideal zum nervenschonenden Mitschwimmen.

Dank der günstigen Verteilung von 50 zu 50 Prozent des Wagengewichts auf Vorder- und Hinterachse sowie einer sportlich orientierten Fahrwerksabstimmung absolviert der DB9 schnelle Ausweichmanöver auf der Autobahn mit stoischer Präzision und ohne Nachzuschaukeln. Das Gleiche gilt für langgezogene Autobahnkurven, denen der DB9 völlig neutral und souverän wie ein Planet auf seiner Umlaufbahn folgt.

Der Trick: Das Automatikgetriebe mitsamt Drehmomentwandler sitzt vor der Hinterachse. Die Verbindung zum Motor stellt eine Kardanwelle aus Kohlefaser her. Auch kurvenreiche Passstraßen bereiten im relativ kompakten, 4,71 Meter langen DB9 durchaus Vergnügen. Schlank gehaltene A-Säulen ermöglichen in der flachen Coupé-Karosserie eine akzeptable Übersicht – trotz des niedrigen Daches. Nur das Automatikgetriebe trübt im Kurvengetümmel mit systembedingter Trägheit etwas den Fahrspaß, selbst wenn die Gänge über Magnesium-Paddel an der Lenksäule manuell gewählt werden. Das Fahrwerk dagegen zeigt auch hier seine Qualitäten: Zum einen drängt in engen Kehren der Vorderwagen nur maßvoll zum Kurvenrand, und zum anderen erweist sich die Karosserie als äußerst verwindungssteif. Ein aus Aluminium-Profilelementen zusammegeklebtes Chassis bildet deren Grundstock. Es trägt die Merkmale eines Cabrios – hohe, stabile Seitenschweller und Mitteltunnel – und dient als Basis aller Aston Martin-Baureihen: das Anfang 2005 bei den Händlern stehende DB9 Cabrio, der im Sommer 2005 präsentierte Aston Martin AM V8 Vantage mit Vierliter-V8-Motor und der zukünftige Vanquish.

Der DB9 ist zudem der erste Aston Martin, der komplett im neuen Werk in Gaydon, Warwickshire entsteht. Daher auch die emphatische Aussage von Firmenchef Bez, dass mit dem DB9 für Aston Martin eine neue Ära beginne: „Nach 90 Jahren in den verschiedensten angemieteten Werkshallen hat Aston Martin erstmals so etwas wie eine Heimat gefunden.“ Dort entsteht ein DB9 traditionsgemäß nahezu komplett in 200-stündiger Handarbeit. Mit dem solide verarbeiteten und rund 150 000 Euro nicht überbezahlten DB9 hat Aston Martin den Anschluss an den Weltstandard exklusiver Gran Turismo- Coupés gefunden, ohne britischen Charakter und Eigenart zu verlieren. Die Wähltasten für das Automatikgetriebe zählen hier dazu – einfach Bez zaubernd. 

Technische Daten

Aston Martin DB9 5.9 V12
Grundpreis 168.000 €
Außenmaße 4710 x 1875 x 1271 mm
Kofferraumvolumen 155 l
Hubraum / Motor 5935 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 336 kW / 457 PS bei 5750 U/min
Höchstgeschwindigkeit 300 km/h
Verbrauch 16,6 l/100 km
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