Aston Martin Vanquish V12

Foto: Hans-Dieter Seufert

Unter den noblen Sportwagen dieser Welt soll der neue Aston Martin Vanquish der nobelste sein. Ein Auto für Leute, die, wie es Firmenchef Ulrich Bez ausdrückt, „das Etikett innen und nicht außen tragen“. Erste Fahreindrücke mit dem 446.000 Mark teuren Stück.

Kehliges Gebrüll spaltet die Atmosphäre. Die Schallwellen verstärken sich an den Feldsteinmauern, vibrieren über der Straße, pulsieren in den Hörkanälen. Sie sind die Ouvertüre für einen starken Auftritt. Um des Schauspiels teilhaftig zu werden, halten Passanten bereits inne, bevor der Urheber des Geräuschs auf der Bildfläche erscheint. Vanquish-Fahrer kommen nie unerwartet.

Der überaus vernehmliche Auspuffton gehört sicher zum Spektakulärsten, was das neue Topmodell von Aston Martin zu bieten hat. Das Geheimnis: Ein Bypass-Ventil vor dem hinteren Schalldämpfer lässt den Zwölfzylinder lauthals trompeten – listigerweise aber nur dann, wenn man außerhalb des für die gesetzlichen Geräuschvorschriften relevanten Drehzahlbereichs operiert. Zwischen 1100/min und 4000/min herrscht Ruhe.

Doch liegt es nicht nur an der Akustik, dass Menschen beim Auftauchen eines Vanquish in Ekstase geraten. Er ieht auch danach aus. Das Auto platzt förmlich aus den Nähten. Schwarzenegger auf Rädern – hier freilich nicht in der Turnhose, sondern im feinen Zwirn. Besser kann man die sanfte Gewalt des im Bug platzierten V12-Triebwerks nicht verkörpern.

Das Lob gebührt Ian Callum. Mit dem Vanquish setzte er einen Meilenstein in der Geschichte
des 1913 von Lionel Martin und Robert Bamford gegründeten Unternehmens – gut für Aston Martin und gut für Callums Karriere, der nun auch für das Design bei Jaguar verantwortlich zeichnet. Beide Marken sind mittlerweile der Stolz der fordeigenen Premier Automotive Group (PAG), wobei Aston Martin für die Sahnehäubchen zuständig ist. Als Spezialist für handgearbeitete Preziosen soll Englands vornehmste Sportwagenadresse künftig nicht nur teure Autos, sondern zugleich auch technische Höhepunkte produzieren.

Den technologischen Fortschritt findet man beim Vanquish vorwiegend im Skelett nter der ganz aus warm verformtem Aluminiumblech gefertigten Außenhaut. Die Röntgenaufnahme zeigt ein Puzzle aus unterschiedlichsten Werkstoffen.

So besteht die Bodengruppe im Wesentlichen aus verklebten Aluminiumkomponenten, doch für Getriebetunnel, A-Säulen und Dachrahmen kommt Kohlefasermaterial zum Einsatz. Seitenteile, Kofferraumboden und die Crashstrukturen sind hingegen aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Der Vorteil dieser ausschließlich für die Kleinserie geeigneten Bauweise liege, so verlautet Aston Martin, vorwiegend in der hohen Crashsicherheit und in einer überdurchschnittlich ausgeprägten Karosseriesteifigkeit. So gesehen sei denn auch das üppige Gesamtgewicht des Coupés eine relative Größe: Mit 1835 Kilogramm wiegt der Vanquish nicht weniger als der etwa gleich große, aber konventionell gebaute DB7 Vantage. Außerdem fragt man sich, warum ein solcher Technologieträger weder über ESP noch über Seitenairbags, ja nicht einmal über Tempomat verfügt. Und das bei einem Basispreis von 446.000 Mark (Anzahlung: 30.000 Mark).

Kenner der Marke dürfte diese Feststellung freilich nicht erschüttern. Aston Martin leistete sich schon immer Schwächen, die sich kein Großserienauto erlauben könnte. Dringlicher ist die Frage, ob der neue Aston Martin innen hält, was er außen verspricht.


Schließlich drohte bislang beim Betreten des Innenraums eine herbe Enttäuschung. Auf der feinen Gerbware und dem polierten Wurzelholz tummelten sich hässliche Schalter aus den unteren Schubladen des Ford-Konzerns.


Nach der ersten Bekanntschaft mit dem Vanquish in seiner endgültigen Form steht nun fest: Es darf aufgeatmet werden – ein bisschen wenigstens. Das Gros der Bedienungselemente stammt hier von Jaguar, was zumindest besser ist als Ford.


Zugleich verabschiedete man sich vom traditionellen Holz und ersetzte es durch modernes Aluminium. Freilich entpuppt sich manches, was metallisch schimmert, bei näherem Hinsehen als schnödes Plastik.


Auch sonst bleibt Raum für Verbesserungen. Die Instrumentierung ist für ein Auto dieses Zuschnitts zu spärlich, und die Mittelkonsole erweckt den Eindruck, als hätte der zuständige Designer vorzeitig die Arbeit eingestellt. Immerhin sitzt man vorzüglich und noch dazu auf einem Leder, das diesen Namen verdient. Den gewohnten Schaltknüppel sucht man indessen vergebens, ebenso die Kupplung. Stattdessen sieht sich der Fahrer mit zwei paddelförmigen Hebeln links und rechts hinter dem Lenkrad konfrontiert, denn das neue Modell gibt es ausschließlich mit automatisiertem Sechsganggetriebe und sequenzieller Schaltung.

Die Technik stammt vom italienischen Spezialisten Magneti Marelli und gleicht im Prinzip jener, die Ferrari in den 360 F1 einbaut. Bei der Abstimmung ging Aston Martin jedoch eigene Wege, was, wie sich alsbald herausstellt, dem Vanquish zum Vorteil gereicht Gestartet wird per Knopfdruck. Sodann darf mittels weiterer Tasten auf der Mittelkonsole zwischen dem schnell schaltenden Sportprogramm, dem sanften Winterprogramm und dem RückwaÅNrtsgang gewählt werden. Wählt man nichts dergleichen, verharrt die Getriebesteuerung in der Normalstellung, die sich als hervorragender Kompromiss entpuppt.

Jedenfalls erfolgen die Gangwechsel erfreulich spontan, aber zugleich ruckarm und ohne lästige Pausen, so dass man spaßeshalber und zur Erzielung erstrebenswerter Soundeffekte meist häufiger zum Schaltpaddel greift als notwendig.

Schließlich herrscht in puncto Durchzugskraft wahrlich kein Mangel. Der Sechsliter- V12 bringt 542 Nm auf die gegenüber dem DB7- Motor erleichterte Kurbelwelle. Insgesamt wurde sein Gewicht um 18 auf 290 Kilogramm reduziert, zugleich der Gaswechsel beschleunigt, die Elektronik modernisiert und das Drehvermögen verbessert – ein Paket, das dem V12 nicht nur ein Leistungsplus von 40 PS beschert, sondern obendrein jene Ausnahmequalitäten, die man beim DB7 Vantage bislang vermisste.


Mit den 1,8 Tonnen verfahren die zwölf zur Verfügung stehenden Zylinder nun geradezu spielerisch. Schon im Bereich unter 3000/min fühlt man sich bestens versorgt. Heftet man das Gaspedal ans Bodenbrett, dreht das Sechsliter-Triebwerk aber ebenso bereitwillig bis zur Grenze von 7300/min, wobei sich die Katalogleistung von 460 PS bei 6500/min einstellt.


Zugleich traf Aston Martin die nötigen Vorkehrungen dafür, dass sich die möglichen Fahrleistungen auf der Straße mühelos reproduzieren lassen. Dank der präzisen Lenkung
und dem von Lotus Engineering sorgfältig abgestimmten Fahrwerk gelingt es, mit einem Minimum an Aufwand ungewöhnlich schnell zu sein – und das bei annehmbarem Komfort.


So lässt sich nach der ersten Bekanntschaft denn auch zumindest eines schon mal festhalten: Der Vanquish ist der modernste, ausgefeilteste Aston Martin, den es bisher gab. Und das ist auch gut so.

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Technische Daten
Aston Martin V12 Vanquish
Grundpreis 244.809 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4665 x 1923 x 1330 mm
Hubraum / Motor 5935 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 338 kW / 460 PS bei 6800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 322 km/h
0-100 km/h 5,6 s
Verbrauch 16,7 l/100 km
Testverbrauch 17,8 l/100 km
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