Audi e-Tron GT (2020)

Schlägt das Elektroauto die Schlaglöcher von L.A.?

Audi e-tron GT Audi e-tron GT Audi e-tron GT Audi e-tron GT 21 Bilder

Klar, der e-tron GT ist ein Elektroauto. Aber wüsste man das nicht, wäre er ein schnittiger Viertürer der Ingolstädter mit einem Design, fast so ikonisch wie das des legendären Audi 100 Coupé. Wir haben ihn uns genau angesehen, Platz genommen und sind Probe gefahren – über den ruppigen Asphalt von Los Angeles.

Der erste Eindruck: lang, geduckt, ein echter GT. Und so flach, dass die Haube etwa Sitzhöhe für Normalwüchsige hat. Das sieht schon mal sehr verheißungsvoll aus. Einziger Hinweis auf den Elektroantrieb ist der - wie bei den e-tron Modellen üblich - invertierte und geschlossene Single Frame. Aber daneben klaffen so große Lüftungsöffnungen, dass auch das Elektro-Coupé luftgierig aussieht. Vor allem ist der e-tron GT unverkennbar ein Audi, ein moderner.

Hinten erinnert das durchgehende Leuchtband mit den nach innen zeigenden Pfeil-LEDs ohnehin an den A7, mit dem der e-tron GT die Proportionen gemein hat. Bei praktisch gleicher Länge (4,96 Meter) ist der e-tron allerdings vier Zentimeter flacher und fünf Zentimeter breiter, was seine Wirkung nicht verfehlt. Die 22-Zoll-Räder füllen die im Urquattro-Stil offensiv ausgestellten Radhäuser perfekt aus und tun ein Übriges, dass der Betrachter dem GT viel Leistung zutraut – über Krawall würde sich auch niemand wundern. Aber der dürfte dezent bleiben: Statt dicker Auspuffendrohre schließt ein auffällig in Szene gesetzter schwarzer Diffusor mit rot beleuchtetem e-tron-Schriftzug das Heck.

„Veganer“ Innenraum mit Fußgaragen

11/2018 Audi E-Tron GT Concept Foto: Audi
Im E-Tron GT erklärt Audis Interieur-Designer Enzo Rothfuss die gestalterischen Besonderheiten des Instrumententrägers.

Genug ums Auto herumgeschlichen, wir wollten ja Probe sitzen. Auch im Viertürer gibt es viel zu entdecken: Beruhigenderweise ist das Cockpit-Layout eher klassisch: leicht fahrerorientierte Mittelkonsole, griffsympathisches Lenkrad mit kantigem Mittelteil, aber ohne viel Bedienelemente. Ok, die Instrumente sind digital; aber in Verbindung mit den zwei mittigen Touchsreens für Infotainment und Klimaanlage in der gleichen Black-Panel-Optik sieht auch das einfach gut aus.

Der Instrumententräger zieht sich mit einer kantigen Metallleiste über die ganze Breite bis in die Türverkleidung. Die Windschutzscheibe steht vergleichsweise steil, was den Fahrer der Fronthaube näherbringt. Die Übersichtlichkeit nach vorn ist gut nach hinten schlecht. Die Sitze sind straff, aber bequem und binden einen schön ins Auto ein – man bekommt hier große Lust auszuprobieren, was die 590 PS in Verbindung mit Allradantrieb und Allradlenkung so anrichten können.

Riecht das hier nach Fisch?

Audi 100 Coupé S Audi 100 Coupé S im Fahrbericht Vom Hersteller vergessener Klassiker

Den Elektroantrieb bringt man ja gerne mit Umweltfreundlichkeit in Verbindung, was angesichts der hohen Leistung aber so eine Sache ist, vor allem so lange der Strom dafür noch nicht nachhaltig erzeugt wird. Vielleicht ist Audi deshalb wichtig, dass das Interieur aus nachhaltigen Materialien gemacht ist. Das kennt man ja schon vom BMW i3, aber Audi geht noch einen Schritt weiter: Auf den Einsatz von Produkten tierischen Ursprungs verzichteten die e-tron-GT-Bauer völlig: Der Innenraum ist „vegan“. Sitze und Verkleidungsflächen sind aus synthetischem Leder, an Sitzflächen, Armauflagen und an der Mittelkonsole finden sich Textilien, die aus recycelten Fasern hergestellt sind. Der hochflorige Teppich ist aus nachhaltigem Econylgarn, einer Recyclingfaser, die aus gebrauchten Fischernetzen hergestellt wird. Keine Angst, man riecht es nicht! Auch sonst erfordert die Nachhaltigkeit keine Zugeständnisse. Die Materialien machen einen hochwertigen Eindruck und fassen sich gut an.

Gute Platzverhältnisse, zwei Kofferräume

Wo die Schuhe in den Teppich tauchen, hat die im Fahrzeugboden platzierte 96-kWh-Batterie Aussparungen. Die sogenannten Fußgaragen (vom Porsche Taycan) verhindern, dass sich größere Fondinsassen mit den Knien die Ohren zuhalten können – sprich: Für die Beine ist Platz nach unten, obwohl die Sitzflächen passend zur flachen Karosse tief angebracht sind. Der Knieraum ist hinten ausreichend; angesichts der vielfach beschworenen Bauraum-Vorteile des Elektroantriebs hätte man sich bei einem Radstand von 2,90 Meter fast mehr erwartet. Dass hingegen Personen mit mehr als 1,85 Meter Körpergröße der Dachhimmel nahekommt, ist eher dem sportlichen Dachverlauf am Heck geschuldet.

Dafür soll der e-tron GT jede Menge Gepäck schlucken: Hinten 450 und vorne weitere 100 Liter. Das allerdings ließ sich am Concept Car nicht ausprobieren: Der Kofferraumdeckel blieb verschlossen. So konnte man nur erkennen, dass der e-tron GT nicht für Sperriges gedacht ist, denn die große Heckklappe fehlt – zugunsten der Steifigkeit. Schließlich soll er ein Sportwagen sein.

Erste Probefahrt mit dem Elektro-Coupé

Audi e-tron GT
Audi e-tron GT Fahrbericht 3:44 Min.

Kaum hat der Audi e-tron GT als Conceptcar seine Weltpremiere auf der Los Angeles Auto Show 2018 hinter sich gebracht, schon stand er fernab des Messestandes für einen ersten Fahreindruck zur Verfügung.

Die Vorzeichen standen schlecht. In der Nacht hat es in Los Angeles angefangen zu regnen. Ausgerechnet in sunny California. Konzeptfahrzeuge mögen aber keinen Regen. Sie haben keine Scheibenwischer und keine Regenrinnen. Sie dürfen nur raus, wenn die Straße weitgehend trocken ist.

Mit dem Concept Car über Schlaglöcher in L.A.

Wir treffen uns Downtown L.A., unweit vom Broadway. Dort, wo sich Hollywood-Schönheiten genauso Guten Tag sagen wie Menschen ohne Dach über dem Kopf. Wir haben Glück. Der Regen hört auf, der e-Thron GT darf raus. Ganz vorsichtig. Das luftgefederten Fahrwerk wird per Hand eingestellt, es bietet wenig Bodenfreiheit und jedes Schlagloch, jede Bodenwelle könnte dem kostbaren Unikat schwer zusetzen. Die Audi-Techniker holen ihren 4,96 Meter langen Schatz schließlich selbst aus der Tiefgarage, bevor sie mit unruhigen Augen ansehen, das erstmals ein Journalist, Pardon, in diesem Fall eine Journalistin für einen allerersten Fahreindruck auf öffentlichen Straßen Platz nimmt – aus Sicherheitsgründen sogar flankiert von Polizisten auf Motorrädern.

Bevor der 590 PS starke Elektro-Gran Turismo loslegen darf, müssen erst mal die Türen geöffnet werden. Fingertipp auf ein kleines Sensorfeld und es tut sich – nichts. Ein Techniker springt herbei, erklärt, wie man auf das Feld drücken muss (eine Sekunde, aber auch nicht länger), und dann springt die Tür auf. Keine Sorge, für die Serie des Viertürers, der 2020 auf den Markt kommt, gibt es klassische Türgriffe. Gott sei Dank.

Begeisternde Optik, klasse Sitze

Audi e-tron GT Foto: Audi
Der E-tron GT lässt schon als Concept Car großes Fahrvergnügen erahnen.

Die Sitze sind eng, aber nicht zu eng. Sie geben einmal das wohlige Gefühl, auch auf Langstrecken gut aufgehoben zu sein – laut WLTP schafft der E- Renner 430 Kilometer Reichweite, aus der Praxis wissen wir, dass das auch deutlich weniger sein kann – speziell, wenn man null auf 100 km/h in der Werksangabe von 3,5 Sekunden herausfordert oder öfter mal auf die Vmax von 240 km/h beschleunigen möchte.

In Downtown L.A. geht das natürlich nicht. Wäre auch schade, denn die Menschen wollen das Auto anschauen. Bewundern. Genießen. Da steht eine ganze Familie, die lacht. Menschen, die ihr Smartphone zücken, um Bilder zu machen. Philipp Römers, der als Student bei auto motor und sport 2004 den Designwettbewerb mit Hochschulen aus aller Welt gewonnen hat und mittlerweile als Studioleiter im Exterieurdesign zur Führungsspitze im Audi-Design zählt, ist begeistert. Die jahrelange Detailarbeit hat sich gelohnt, die Menschen mögen das Auto, das seine Basis künftig mit dem Porsche Taycan teilen wird. Der kommt etwas früher, Ende 2019.

Flott im Antritt, schlechte Übersichtlichkeit

Audi e-tron GT Foto: Audi
Für die ersten Kilometer mit dem E-Tron GT nutzten wir eine Regenpause im herbstlichen Los Angeles.

Gas geben und der GT schießt davon. Klar, sofort bremsen vor der nächsten Ampel, wir befinden uns schließlich in einer dicht besiedelten Millionenmetropole, und die Cops sind ja dabei. Der erste Eindruck: das Elektor-Coupé möchte mehr zeigen, darf es aber hier noch nicht. Mit den Bodenwellen der US-Straßen tut er sich schwer, aber das darf man ihm nicht übelnehmen: Erstens sind die Straßen viel schlechter als bei uns und zweitens ist auch das Fahrwerk noch lange nicht im Serientrimm.

Die Lenkung agiert extrem leichtgängig, beim Wenden lässt sich Audis drittes E-Auto spielerisch bewegen. Einzig das kleine Heckfenster erfordert Kompromisse. Wenn Sie den GT herbei träumen, sollten Sie in Gedanken schon mal ein Häkchen bei den Parksensoren setzen – falls die bei einem Auto in der Dimension von rund 100.000 Euro Anschaffungspreis überhaupt extra kosten. Sie werden sie auf jeden Fall brauchen.

Porsche Mission E / Taycan Cross Turismo (2020)
Elektro-Kombi mit Offroad-Optik geht in Serie

Realistische Optik für die Serie

In seiner Optik ist er weit davon entfernt, ein befremdliches E-Auto verträumter Weltverbesserer zu sein. Der viertüriger e-Tron zeigt stolz seinen Single Frame-Grill, den einst der legendäre VW-Konzerndesignchef Walter de Silva erfand. Der macht mittlerweile in Damen-Schuhen. Im Team des aktuellen Audi-Designchef Marc Lichte gehört Exterieur-Designchef Andreas Mindt (Sie ahnen es, beide haben lange vor Philipp Römers den auto motor und sport-Designwettbewerb mit Hochschulen aus aller Welt gewonnen) zu den wegweisenden Gestaltern der Audi-Designlinie. Und der verspricht, dass wir viele Styling-Elemente des e-tron GT auch bei anderen Modellen in der Serie wiederfinden werden. Das ist gut so.

Wir manövrieren den e-Thron GT in der Zwischenzeit sicher zurück. Schade, dass er erst 2020 auf den Markt kommt. Aber schön, dass er auch Passanten gefällt, die ihn sich wohl nicht leisten können.

Audi e-Tron GT (2020)
Das dritte E-Auto ist ein viertüriges Sport-Coupé

Fazit

Ja, der e-tron GT ist technisch ein Porsche Taycan. Aber davon abgesehen haben es sich die Ingolstädter bei ihrer Interpretation des Elektro-Coupés nicht leicht gemacht: Außen- und Innenraumgestaltung haben das Zeug dazu, die Designlinie der Marke insgesamt weiterzuentwickeln. Zukunftsweisend dabei: Gemeinsame Technik wird mit dem Elektroantrieb im Großkonzern häufiger werden, die Differenzierung über andere Merkmale muss die Regel werden. Und das nächste Flachboden-Auto von Audi wird immerhin auf der Premium Plattform Elektro (PPE) stehen, die Audi und Porsche gemeinsam entwickeln.

Dass Fahren im Audi E-Tron GT Spaß machen wird, zeigten die ersten Kilometer in Los Angeles. Auch wenn das Coupé unterm Blech noch weit von der Serie entfernt ist: Sitzposition und Abzug geben schon einen verheißungsvollen Ausblick aufs spätere Fahrgefühl mit Porsche-Technik.

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