Bentley Brooklands

Die feine englische Fahrt

Foto: Hardy Mutschler 28 Bilder

Perfekt repräsentiert der Bentley Brooklands die feine englische Art. Das viersitzige Luxus-Coupé mit 1.050-Nm-V8 hält eine Monopol- Stellung: Weder Maybach noch Rolls-Royce bieten derzeit ein vergleichbares Konkurrenzprodukt an.

Die Körperhaltung ist kerzengerade, der Kopf huldvoll gereckt, Bewegungen fließen würdevoll langsam – so viel Stil wird über Generationen vererbt. Gelassenen Umgang mit einem Bentley pflegen deshalb nur Blaublütige. Bei allen Bürgerlichen dagegen hinterlässt der Brooklands mindestens feierliche Ergriffenheit. Während die Finger durch den Hochflor wuscheln, über Ledernähte streichen oder das Holz klopfend begutachten, glänzen die Augen wie einst unter dem Weihnachtsbaum. Neben der Limousine Arnage und dem Cabrio Azure komplettiert das Coupé die große Baureihe des britischen Traditionshauses. Benannt ist der Brooklands nach der ältesten britischen Rennstrecke südlich von London – der Wiege des britischen Motorsports. Damit ist der Charakter klar: Das Schreiten darf durchaus in einen Spurt übergehen. Als erster Bentley sondiert der Brooklands die Lage jenseits der 1000- Nm-Grenze: ein 2,7-Tonnen-Stoßtrupp mit Marschrichtung 300 km/h. Soll die staatstragende Schwere in machtvolle Mühelosigkeit übergehen, reicht es, das Gaspedal zu drücken statt zu streicheln. Ein tiefes V8-Stampfen ertönt und erinnert in seiner behaglichen Tonalität an das großflächige Grollen der Continental-Baureihe mit ihrem Biturbo-Zwölfzylinder. Oder mit den Worten des Komponisten und Entwicklungsvorstands Ulrich Eichhorn ausgedrückt: „Das Herz eines Bentley ist sein Motor. Es schlägt hörbar und emotional.“ Ohren und Bauch empfinden während des Beschleunigens einen scheinbaren Widerspruch: Die Flimmerhärchen vibrieren zu niedertourigen Diesel-Drehzahlen, während die Magenwand beim Sportmotor-Schub verkrampft. Aus dem Untergrund drängen 1050 Nm die Masse, ihre Trägheit aufzugeben – für einen Moment scheint das Irdische mit seinen physikalischen Grundgesetzen aufgehoben. Unterstützt von 0,7 bar Überdruck der beiden Mitsubishi- Turbolader, meidet der 6,75- Liter dabei den angestrengt klingenden Bereich. Das lässt seine kolossalen Taten unfassbar beiläufig erscheinen. Ein Bündel von Modifikationen sorgt für die Mehrleistung gegenüber dem Arnage: Das Team von Brian Gush, Direktor für Antrieb und Chassis, senkte den Abgasgegendruck um 17 Prozent, modifizierte Luftzuführung sowie Turbolader und passte daran die Steuerzeiten an. Auch das Schaltprogramm des ZF-Sechsgang-Automaten wurde auf Gelassenheit getrimmt, damit der Motor lange die hohen Gänge hält – um die Drehmoment-Dramatik noch zu steigern.

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Knapp über 1500/min entsprechen in der höchsten Fahrstufe 100 km/h, mehr als 4500 Umdrehungen rotiert die Kurbelwelle nie. 1050 Nm schieben den Fahrtwind einfach zur Seite. Noch müheloser als der Continental pflügt der Brooklands durch die Drehmoment-Brandung und stößt dabei im Schnitt ein Pfund CO2 pro 100 Kilometer Strecke aus. Mit gerecktem Bug rauscht die Bentley-Yacht dahin, hinterlässt im Wortsinn schweren Eindruck. Und lange V8-Schallwellen als akustische Schleppe. Mehr noch als ein Rolls-Royce oder Maybach umgibt sich der Bentley mit der längst verloren geglaubten Aura des altherrschaftlichen Reisens. Und lässt damit die Zeit wieder aufleben, als das Fahren noch keine alltägliche Nebensächlichkeit war. Dazu gehört auch ein realistisches Tempo-Empfinden: Obwohl seine wattierte Karosserie die Passagiere nicht mit den Belanglosigkeiten der Umwelt belastet, verharmlost der Brooklands Geschwindigkeit nicht wie etwa der kleinere Konzernbruder Audi A8. Ganz den mehrfachen Le Mans-Siegen der Traditions-Marke verpflichtet, wehrt sich das Großkaliber nicht gegen Leibesübungen. Trotz Komfort-Auslegung lässt sich der zwei Meter breite Koloss dank hinreichend auskunftsfreudiger Lenkung und Fahrwerk exakt in die engen Sträßchen der Toskana platzieren, dem Schauplatz der Präsentation. Als Peilstab hilft das aufpreispflichtige Maskottchen auf der Kühlerhaube, genannt Flying B. Die Rückmeldung erhöht sich, sobald man den Sport-Knopf drückt, was die Dämpfer strafft, das wiegende Atmen der Federung abstellt und das Wanken erheblich reduziert. Nur die Bremse wehrt sich mit schier endlosem Pedalweg gegen sportliche Einsätze. Davon abgesehen ist der Brooklands ein Bentley für den aktiven Gebrauch: Man lässt ihn vorfahren, gibt anschließend dem Chauffeur frei – und klettert selbst hinters Steuer. Bei forcierter Fahrt wird der Brooklands zum Sumoringer, wuchtet seine gigantische Masse erstaunlich elegant über die Matte. Selbst provokante Manöver bringen ihn kaum ins Straucheln; die Frage des ESP-Einsatzes ist fast eine theoretische, zumal die angetriebenen Hinterräder spätestens im zweiten Gang meist erquickliche Traktion finden. Das Gierzentrum des Bentley, die Drehachse, liegt auf Höhe des hinteren Aschenbechers. So bleibt selbst übermotiviertes Lenkrad-Gekurbel für das Wohlbefinden der Fondpassagiere folgenlos. Wer will, bettet sein Haupt auf einer Art beledertem Kissen an der C-Säule und fährt den elektrisch verstellbaren Einzelsitz in die Liegeposition.

Die Weite auf den beiden hinteren Sesseln ist schier endlos: Kein aktuelles Coupé bietet den Beinen auf der Rückbank mehr Raum zur freien Entfaltung. Ohne panoramabegrenzende B-Säule genießt man die Umgebung in Cinemascope- Manier oder hält zum Mantra- Murmeln des Achtzylinders meditative Einkehr. Das Gepäckabteil ist ausreichend dimensioniert, was den zweitürigen Bentley zum idealen Reisewagen der feinen Gesellschaft macht. Unter die Rubrik schrullig fällt die Tatsache, dass das Luxus-Coupé von seinem Fahrer erwartet, den Kofferraumdeckel traditionell von Hand zu schließen. Im Bentley genießt man stilvollen Prunk, der Reichtum, aber keinen Protz signalisiert, und atmet den nach Leder duftenden Geist des Empires ein. Ein Aroma, mit dem man gerne alt werden würde, in einem Vollholz-Ambiente, das lange Lebensdauer verspricht. Selbst die neuen Bentleys wirken, als könnten sie für Generationen im Familienbesitz bleiben. Ebenso wie der Arnage ist der Brooklands ein analoger Anker im digital vernetzten Zeitalter. Modernes ist gut gekapselt; etwa verbergen belederte Rollos die optionalen Multimedia-Bildschirme auf der Rückseite der vorderen Kopfstützen. Die Bedienung der Lüftung mit ihren Registerzügen und Bulleye genannten Ausströmern ist kein notwendiges Übel, sondern vermittelt feierliche Bedeutsamkeit. Davon ausgenommen ist das viel zu modisch anmutende Siemens-VDO-Navigationssystem samt fisseliger Fernbedienung: Es wirkt wie ein Stilbruch. Im Brooklands erwartet man beinahe, dass auf Knopfdruck statt des Bildschirms Kompass und Sextant ausfahren – damit der Copilot die Route errechnen kann. Maximal 550 Kunden werden dem automobilen HON-Circle der Brooklands- Eigentümer angehören. Derzeit haben bereits 45 Vielverdiener aus Deutschland den 345 100 Euro teuren Aufnahmeantrag gestellt. Ab März erhalten sie den lebenden Klassiker mit einem Hauch Anachronismus. Der Bentley Brooklands ist eine rollende Präsidenten-Suite für alle Reichen, die sich bewusst für die Umständlichkeit eines Plattenspielers oder Kolbenfüllers entscheiden. Für alle, die dem Schönen und Wahren in ihrem Leben noch genügend Aufmerksamkeit widmen wollen.

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Technische Daten
Bentley Brooklands 6.8 V8
Grundpreis 345.100 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 5411 x 1932 x 1473 mm
KofferraumvolumenVDA 401 l
Hubraum / Motor 6761 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 395 kW / 537 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 296 km/h
Verbrauch 19,5 l/100 km
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