Bentley Continental Cabrio

Luft der großen weiten Welt

Foto: Achim Hartmann 20 Bilder

Nach dem großen Azure schiebt Bentley gleich ein zweites Cabrio in den Markt, den sportlichen Continental GTC. Rund 130.000 Euro günstiger und gut 100 PS stärker, zielt er nicht auf den alten Geldadel, sondern auf die Selfmade-Reichen.

Continental GTC owners“ heißt die Datei. Die Datei steckt in einem Computer. Und der Computer steht mitten in der Marketingabteilung von Bentley, in einem alten Backsteingebäude des englischen Städtchens Crewe.

Klicken wir rein: 48 Jahre ist der potenzielle GTC-Kunde im Schnitt. Er hat drei Millionen Dollar auf dem Konto – selbst verdient, nicht vom Ururur-Opa. Er investiert in Immobilien und seinen Fuhrpark. Und der eine oder andere hat bereits eine Yacht im Hafen oder einen Privatflieger im Hangar. Die Computerdatei könnte auch „Glückspilze dieser Welt“ heißen.

Für sie also ist die neue Cabrio-Version des Bentley Continental GT gedacht. Dass 190 054 Euro Grundpreis unterhalb der Hemmschwelle liegen, zeigen die Vorbestellungen: fast 4000 Stück weltweit, die meisten aus den USA. Wer heute ordert, bekommt sein Auto im September 2007. Sollen sie doch warten. Wir fahren schon mal – das Leben ist gerecht. Zündschlüssel links ins Schloss, wie bei Porsche. Startknopf drücken. Und den Motor gleich wieder ausmachen. Es geht nicht: Man kann sich nicht einfach in einen neuen Bentley setzen und losfahren.

Er verlangt eine Gedenk- Viertelstunde, in der Folgendes zu passieren hat: Erst mal Melinda June Jenkins danken, der extrovertierten Bentley-Farbexpertin, die ihren Boss Franz-Josef Paefgen zu diesem Neptun- Blau überredet hat.

Dann des Chefdesigners Dirk van Braeckel gedenken, der die hinteren Radausschnitte wie gespannte Muskeln modelliert hat, harte Kanten in die Flanken gegeben – und dann die Pfeilung der Motorhaube in ein markantes Bentley-Gesicht mit doppelten Bi-Xenon-Augen auslaufen ließ. Klassische Moderne oder moderne Klassik, wie auch immer.

Der nächste Schritt: Würdigen der zahlreichen skandinavischen Kühe und Walnuss-Bäume, die für den Innenraum ihr Dasein einem noblen Zweck opfern mussten. Es mag ein Trost sein, dass sie zu Lebzeiten nie so andächtig gestreichelt und betatscht worden sind wie jetzt als Interieur des GT Convertible. Zum Schluss spielen wir noch lange mit den berühmten Orgelpfeifenreglern der Belüftungsdüsen; jeder einzelne ist mehr als zehn Mal so teuer wie der übliche Schalter in einem Durchschnittsauto. Denn hinter jedem steckt ein hydraulischer Dämpfer, mit Silikon gefüllt, und sorgt für sämigen Lauf. So wirkt das ganze Auto auch beim Fahren: mit ehrlicher Sorgfalt und jedem vertretbaren Aufwand gefertigt in einer Fabrik, in der gerade mal zwei Roboter stehen.

Einer setzt die Scheiben ein, der andere sprüht Kleber auf. 110 Kilo Gewicht packten die Ingenieure um Entwicklungsvorstand Ulrich Eichhorn zusätzlich in den GTC, um trotz des Stoffdachs für eine Verwindungssteifigkeit zu sorgen, die früher selbst für einen Bentley mit festem Metalldach utopisch war. Was die Stahlverstärkungen an den Schwellern und zusätzlichen Querstreben unter der Fahrgastzelle bringen? Dass cabriotypisches Zittern oder Vibrationen während der Fahrt fast kein Thema mehr sind. Interessant: Firmenboss Paefgen sieht für den GTC am ehesten „Ferrari und Porsche als Konkurrenten bei der Käufergunst“. Der schnellste offene Ferrari liegt bei der Höchstgeschwindigkeit nicht über dem 312 km/h schnellen Bentley. Und im Sprint auf Tempo 100 nimmt der GTC einem Porsche 911 Carrera 4S Cabriolet mit Tiptronic gar 0,3 Sekunden ab.

Der offene Engländer ist eben nicht nur der stilvolle Cruiser, mit dem man durchs kalifornische Napa Valley fährt, um sich abends einer gepflegten Sauvignon- Verkostung hinzugeben und danach selig ins Kingsize-Bett zu fallen.

Nein, der GTC ist im Vergleich zum Azure ein Sportler. Wenn auch einer mit Übergewicht: Zweieinhalb Tonnen, von denen 55 Prozent auf der Vorderachse lasten, lassen sich niemals leugnen. Obwohl der 560 PS starke W12 mit sechs Liter Hubraum und Turboaufladung – er stammt ursprünglich vom Phaeton der Konzernmutter VW, ist aber von Bentley verfeinert – die massige Fuhre brachial nach vorne zieht. Auch die Lenkung arbeitet mit einer sanften Genauigkeit, die nach einiger Eingewöhnung viel Vertrauen schafft. Außerdem lenkt der GTC trotz seines Allradantriebs sauber ein.

Die Sechsgang- Automatik von ZF? Schaltet kaum spürbar. Nur die feststehenden riesigen Schaltpaddel im Kochlöffel-Design vergraulen Ästheten. Die Bremsscheiben jedoch sind ein angemessener Sparringspartner für den druckvollen Motor: mit 405 Millimeter Durchmesser vorne die zweitgrößten bei einem Serienauto. Und sollte doch mal was richtig schiefgehen, halten die ausfahrenden Überrollbügel das zweieinhalbfache Gewicht eines GTC aus. Ist er also perfekt? Perfekte Autos gibt es nicht, auch wenn die Luftfederung, in vier Stufen von Sport bis Komfort einstellbar, ihren Job so flexibel erledigt wie der „Mitarbeiter des Monats“ einer Zeitarbeitsfirma. Aber das Platzangebot hinten macht den neuen Bentley wirklich nur zum 2+2-Sitzer. Auch ein Abstandsradar ist nicht im Programm, und das überarbeitete DVD-Navi dürfte gerne noch mal überarbeitet werden: Statt der gesamten Umgebung zeigt seine Karte kaum mehr als die Straße, auf der man gerade unterwegs ist.

Zudem lassen sich die komfortablen Sitze zwar beheizen, aber nicht kühlen – in dieser Klasse ein kleines Manko. Dafür ist in diesem Cabrio der Wind noch richtig zu spüren. Zu hören ist er nicht: Wer das Gaspedal zu 80 Prozent durchdrückt, öffnet damit eine elektronisch gesteuerte Klappe in den beiden Auspufftöpfen. Nur noch gedämpft von Kat und Vorkat gehen die Bässe des Zwölfzylinders dann direkt zwischen Magen und Zwerchfell. Liebe Rolling Stones, falls ihr noch eine Vorgruppe für die nächste Tournee sucht: Nehmt den Bentley.

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Technische Daten
Bentley Continental GTC
Grundpreis 197.659 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4804 x 1916 x 1398 mm
KofferraumvolumenVDA 235 l
Hubraum / Motor 5998 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 411 kW / 560 PS bei 6100 U/min
Höchstgeschwindigkeit 312 km/h
Verbrauch 16,6 l/100 km
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