Foto: Achim Hartmann
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Bentley Continental Flying Spur

Heiß-Sporn

Den letzten Bentley, der diesen Namen trug, gab es vor 40 Jahren. Nun feiert der Continental Flying Spur Wiederauferstehung. Seine besonderen Merkmale sind vier Türen und eine Motorleistung von 560 PS.

Wollen wir es mal so sagen: Häufig ist es ja der Mischling, der sich als bester Freund des Menschen entpuppt. Hundefreunde wissen das. Gute Exemplare sind treu, gelehrig, dankbar und besonders angenehm im Wesen. Da macht es dann auch nichts, wenn die Schnauze etwas zu kurz ist und der Körper zu lang, solange das Tier respektabel daherkommt. Was nicht heißen soll, dass es dem neuen Viertürer von Bentley an Rasse fehlt.

Bentley gehört zwar heute zur VW-Familie, aber der Continental Flying Spur, so der aufwendige Name, wurde im englischen Bentley-Stammsitz Crewe von Bentley-Ingenieuren entwickelt, und Bentley-Arbeiter bauen ihn dort zusammen.

Dass eine Gen-Analyse auch zahlreiche VW- und Audi-Spuren zutage fördert, kann, aber muss nicht stören. Hauptsache, der Charakter stimmt. In diesem Fall entspricht er weitgehend dem 2003 vorgestellten Continental GT, der sich in der Zwischenzeit zum Verkaufsrenner mauserte. 2004 konnten 5983 Stück abgesetzt werden – für Bentley- Verhältnisse eine Sensation und schlagender Beweis, dass die Mischung stimmt.

Nun soll die Erfolgsstory ein zweites Kapitel bekommen. Zum Continental Coupé gesellt sich die Continental Limousine, deren Besonderheiten sich erwartungsgemäß auf den Fond konzentrieren. Der Radstand wurde um 300 Millimeter nach hinten gestreckt und erreicht nun gewaltige 3,07 Meter.

Der Bentley wuchs in der Länge um einen halben Meter auf 5,31 Meter und um neun Zentimeter nach oben – Abmessungen, die selbst den blutsverwandten VW Phaeton in Langversion zum Kompaktwagen degradieren.

Für die Fondpassagiere bedeutet das nahezu grenzenlose Rekelmöglichkeiten – perfekt, wenn man von der erschwerten Kontaktaufnahme mit den Vornesitzenden mal absieht.

Zwei Möblierungsvarianten stehen zur Auswahl: Im Normalfall nimmt man auf einer dreisitzigen Bank Platz, für 6600 Euro gibt es zwei elektrisch verstellbare, bequemere Einzelsitze, getrennt von einer schmucken, holzgetäfelten Mittelkonsole mit separater Klimabedienung.

Überhaupt mangelt es nicht an bentleytypischem Luxus. Die Furniere mit spiegelbildlicher Maserung sind von höchster Güte, die Zahl der verarbeiteten Kuhhäute (elf) liegt weit über dem Durchschnitt, und im sichtbaren Bereich dominiert noch immer die Handarbeit. Allein am Leder des Lenkrads wird fünf Stunden genäht. Im Cockpit gleicht der Viertürer dem GT-Coupé, nur die Frontscheibe steht etwas steiler.

Im Gegensatz zum hinteren Pullman- Abteil umweht den Insassen vorn ein Hauch von Sportlichkeit, eine Kombination, die beim Flying Spur zugleich Programm ist. Echter Limousinenkomfort gepaart mit anspruchsvoller Dynamik verspricht Bentley, angesichts der genannten Werte wagt man nicht, daran zu zweifeln.

In nur 5,2 Sekunden soll der 2,5-Tonner (90 Kilogramm mehr als der GT) bei Bedarf Tempo 100 erreichen, in 11,3 Sekunden Tempo 160. Und sollte es der Herrschaft pressieren, kann James mit bis zu 312 km/h dienen – so schnell ist man derzeit mit keiner anderen serienmäßigen Limousine.

Die dazu notwendigen Reserven stellt der aus dem GT bekannte Biturbo-W12- Motor zur Verfügung. 560 PS und eine Drehmomentkurve, die ab 1600/min für die nächsten 4000/min bei 650 Nm verharrt, überwinden hier die Fahrwiderstände – gnadenlos, wie sich zeigt. GT-mäßig auch die restliche Technik: Sechsgangautomatik, Luftfederung, vier Dämpfer-Programme, Allradantrieb nach Quattro-Muster.

Dass die GT-Verwandtschaft auch beim Fahren durchscheint, kann folglich nicht überraschen. Hinter dem Lenkrad ist der zu- sätzliche halbe Meter im Rücken schnell vergessen.

Der Nachteil des Viertürers gegenüber dem GT beschränkt sich in der Praxis weitgehend auf die latenten Proteste der Fondpassagiere. Tatsächlich schwingt die 5,3-Meter-Karosse kaum weniger lässig über kurvige Landstraßen als der kürzere GT, die Lenkung wirkt sogar eine Spur präziser. Dabei ist man kraft Allradantrieb und hoher Haftreserven immer schneller, als man denkt.

Aber auch beim Geradeausfahren neigt der Bentley zum Understatement. Beschleunigungsmanöver erfolgen kraftvoll, aber unspektakulär, die Automatik bleibt relaxt, der Komfort ist erster Klasse. Meist verrät nur der Blick in den Rückspiegel, dass wieder einmal keiner folgen konnte.

Soviel Feinschliff verdient nicht nur Respekt, sondern demonstriert zugleich, wie sehr sich die Zeiten bei Bentley gewandelt haben. Anders als frühere Produkte des Hauses ist der Continental von heute keine liebenswürdige Antiquität, sondern in jeder Traditionalisten mögen damit ihre Probleme haben, aber der Rest der Welt weiß den Wandel offenbar zu schätzen: Mindestens 80 Prozent der Flying Spur-Kunden will Bentley aus dem Lager der handelsüblichen Oberklasse (Audi, BMW, Jaguar, Mercedes, Range Rover) abschöpfen. Schätzungsweise 5000 pro Jahr sollten dabei zusammenkommen, wobei die Tatsache hilft, dass der Continental in seiner Preisklasse als Viertürer allein auf weiter Flur steht.

167 504 Euro muss der aufstrebende Käufer (Durchschnittsalter etwa 47 Jahre) anlegen. Nicht zuviel, so die Recherchen der Marketing-Abteilung, für das Budget der typischen Oberklasse-Klientel, aber weniger als die Hälfte dessen, was in Maybach-, Rolls-Royce- und – nicht zu vergessen – in Bentley Arnage-Regionen üblich ist.

Immerhin steht ja auch beim Continental Bentley drauf. Da zückt man das Scheckbuch schon viel unbeschwerter.

Technische Daten

Bentley Continental Flying Spur
Grundpreis 181.118 €
Außenmaße 5290 x 1916 x 1475 mm
Kofferraumvolumen 475 l
Hubraum / Motor 5998 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 412 kW / 560 PS bei 6100 U/min
Höchstgeschwindigkeit 312 km/h
Verbrauch 16,6 l/100 km
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