BMW 1er im Fahrbericht

Spaß auch ohne Hinterradantrieb?

BMW 118i, Exterieur Foto: Bernhard Limberger

Ja, der BMW 1er hängt seine Alleinstellungsmerkmale an den Nagel. Im Rahmen einer ersten Erprobungsfahrt haben wir der neuen Baureihe schon mal auf den Zahn gefühlt.

Hinterradantrieb plus Reihensechszylinder? Das verkauft sich laut BMW bei ihren Kompakten hauptsächlich beim 2er Coupé. Zudem sei Käufern durchschnittlich motorisierter 1er die angetriebene Achse eher egal, mehr Platz für Fondpassagiere und Gepäck stehe hingegen weit oben auf der Kundenwunschliste.

Was den ab Sommer 2019 bestellbaren BMW 1er erwartet, streitet in München schon lange niemand mehr ab: die Frontantriebsplattform UKL2 (Untere Klasse) für Drei- und Vierzylindermotoren. Den Unterbau nutzen bisher Mini Clubman und Countryman, die Tourer-Modelle des BMW 2er sowie X1 und X2. Neben spezifischen Fahrwerkskomponenten hat der 1er etwa eine reibungsoptimierte Lenkung (gut für die Rückmeldung), eine eigene Software für die Servounterstützung sowie zusätzliche Karosserieversteifungen.

BMW steigert durch die Erweiterung des UKL2-Portfolios nicht nur die Skaleneffekte der Plattform, sondern spart bei Front-1ern gleich noch die Kardanwelle. Und der Kundenwunsch? Bei gleichen Karosseriemaßen 20 Liter zusätzliches Kofferraumvolumen plus drei Zentimeter mehr Beinfreiheit hinten. Möglich macht das vor allem der platzsparend quer eingebaute Motor.

BMW 118i, Interieur Foto: Bernhard Limberger
Was der Wechsel zum Frontantrieb bringt? Unter anderem 20 Liter zusätzliches Kofferraumvolumen und drei Zentimeter mehr Beinfreiheit hinten.

Neue Traktionskontrolle

Ein Alleinstellungsmerkmal hat auch der neue 1er: die aktornahe Radschlupfbegrenzung (ARB). Dabei übernimmt das Motorsteuergerät einen Teil der Traktionskontrolle direkt und umgeht so das bisherige Signal-Pingpong mit dem ABS-/ESP-Steuergerät: BMW verspricht eine bis zu zehnmal schnellere Regelungsgeschwindigkeit. Aktor- statt motornah übrigens deshalb, weil das Funktionsprinzip vom i3s stammt.

Die Nasshandlingstrecke des riesigen BMW-Testgeländes in Miramas eignet sich mit zahlreichen Kurvenradien perfekt fürs Ausprobieren der ARB im 118i mit DKG und 140-PS-Dreizylinder. Aktiv bleibt die sehr geschmeidig arbeitende Regelung grundsätzlich, modusabhängig wird die Regelschwelle jedoch angehoben: Der erlaubte Radschlupf ist gefühlt allerdings immer stark begrenzt. Zumindest ist es selbst bei ausgeschaltetem ESP schwierig, überhaupt mit dem Schlupf zu spielen – meist entreißt die ARB dir die Gasmodulation schon dann, wenn du den Schlupf gerade spürst. Erst mit dem Öffnen der Lenkung wird wieder mehr Drehmoment auf die Antriebswellen übertragen, denn je weniger Grip die Reifen fürs Lenken brauchen, umso mehr bleibt ihnen für den Vortrieb.

Schiebt er über die Vorderachse?

In einem Wort: nö. Das Unterbinden von Untersteuern ist BMW beim neuen 1er absolute Herzenssache, was sie mit der Querdynamikregelung via radselektiver Bremseingriffe (BMW Performance Control) dick unterstreichen. Solange du halbwegs sauber fährst, bleibt das System hintergründig. Wenn du jedoch mit ruppigen Lenkmanövern die Vorderachse absichtlich überforderst, würde die Physik den Fronttriebler eigentlich geradeaus weiterrutschen lassen. Stattdessen dreht er mit Bremseingriffen über die Hinterachse ein und folgt dem Lenkeinschlag – anschließendes Gegenlenken ist optional.

BMW 118i, Exterieur Foto: Bernhard Limberger
Frontantrieb-typisches Untersteuern? Das unterbinden im 1er elektronische Regelsysteme.

Zu Vergleichszwecken steht auf dem Nasshandlingkurs ein aktueller 118i (gleicher Motor, vier PS weniger) mit Hinterradantrieb bereit. Ja, den kannst du bei dem niedrigen Reibwert mit ordentlich Gas quertreiben. Und nein, bei tollpatschiger Überforderung der Vorderachse wehrt er sich bei ausgeschaltetem ESP nicht gegen die Physik. Eine weniger offensichtliche Erkenntnis: Der noch aktuelle 1er zeigt Untersteuern über nachlassende Lenkkräfte gut verständlich an. Der Neue kommuniziert den sich ändernden Fahrzustand noch viel deutlicher, was sich zum jetzigen Entwicklungsstand wegen eines teilweise ungewöhnlichen Übergangs etwas synthetisch anfühlt.

Starke Basisfahrwerke

Weiter geht’s auf der Landstraße zunächst in einem neuen 120d (190 PS, Aisin-Achtgangautomatik) mit Hang-on-Allradantrieb, wie er für xDrive-Modelle der UKL2-Plattform üblich ist. Beide Autos waren übrigens ohne verstellbare Stoßdämpfer ausgestattet – so, wie sie zumeist bestellt werden. Zunächst zum 120d mit optionalem Sportfahrwerk: kräftiges Drehmoment, präzises Fahrverhalten, kommunikative Lenkung und eine erstaunlich bekömmliche Fahrwerksabstimmung ohne jegliches Gerumpel. Zudem ist die ARB bei der starken Allradtraktion selten spürbar – so der Ersteindruck nach einer Runde auf der BMW-Hausstrecke.

Erlkönig BMW 1er BMW 1er F40 (2019) Erlkönig Flacher, breiter und mit Frontantrieb

Der frontgetriebene 118i rollt auf dem Serienfahrwerk und einer Nummer kleineren 17-Zoll-Rädern noch weicher und ruhiger ab. Bei Landstraßentempo büßt er damit kaum Präzision oder Direktheit ein, obwohl er sich mehr Bewegung in alle Richtungen erlaubt: Über Fahrbahndefekte bringt die harmonische Abstimmung so einiges an Leben ins Fahrgeschäft. Auf dem trockenen Asphalt fühlt sich die im Vergleich zum 120d etwas indirektere Lenkung sauber abgestimmt an, informiert passend über Straßenunebenheiten und kündigt Untersteuern ohne das beschriebene künstliche Lenkgefühl an. Zudem dreht das Heck auch hier via ruppiger Lenkradreißerei leicht ein. Nach einmaligem Ausprobieren an einer dafür geeigneten Stelle bleibt noch unklar, ob und wie sich mit einer normalsportlichen Fahrweise Verwendung dafür finden lässt. Ein großes Sicherheitsplus, das bei der Vermeidung von Untersteuerunfällen hilft, ist die Performance Control so oder so.

M135i xDrive als Sportmodell

Die Allradkompaktsportler möchte BMW mit dem M135i xDrive aufmischen: zwei Liter Hubraum, 306 PS, Torsensperre vorn. Obwohl es als kleine Kompensation des verlorenen Hinterradantriebs eigentlich passen würde, ist ein Drift-Modus wie beim Ford Focus RS oder Mercedes-AMG A45S nicht geplant. Der Vierzylinder ist dafür einer, der richtig Druck macht. Als Einordnung: Der X2 M35i beschleunigt identisch motorisiert in 4,9 Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde. Nach lediglich zwei zügigen Runden auf einer trockenen Handlingstrecke sind die Ersteindrücke positiv: Der Wagen fühlt sich stabil wie neutral an, setzt hohe Einlenkgeschwindigkeiten präzise um und erreicht mit der P-Zero-Bereifung ein beachtliches Haftungsniveau. Ganz wichtig: Selbst bei aktiviertem ESP fühlst du dich nicht bevormundet – jedenfalls hat in den zwei Runden nichts gestört.

BMW 1er: So schlägt sich die neue Baureihe im Fahrbericht

BMW 118i, Exterieur BMW 118i, Exterieur BMW 118i, Exterieur BMW 118i, Exterieur BMW 118i, Exterieur BMW 118i, Interieur BMW 118i, Interieur BMW 118i, Exterieur BMW 118i, Exterieur BMW 118i, Exterieur BMW 118i, Exterieur BMW 120dxDrive, Exterieur BMW 120dxDrive, Exterieur BMW 120dxDrive, Exterieur BMW 120dxDrive, Exterieur BMW M135ixDrive,Exterieur BMW M135ixDrive,Exterieur BMW M135ixDrive,Exterieur BMW M135ixDrive,Exterieur

Fazit

Den Löwenanteil der 118i-Kunden muss der Frontantrieb wegen der weiterhin guten Grundsportlichkeit nicht weiter kümmern. Sportfahrer hingegen wird die nicht abschaltbare Traktionskontrolle stören; zumindest beim Vorderradantrieb. Ergo ist die ARB zwar ein Alleinstellungsmerkmal, aber kein Verkaufsargument – Fahrspaßpotenzial hat hingegen die Performance Control. Dem 2er bleiben die klassischen BMW-Merkmale erhalten: Gekniffen sind die, die einen kompakten Viertürer brauchen, aber vorn lieber auf Antriebswellen verzichten. Ob München einen Frontreißer gegen solche Alphatiere wie den Honda Civic Type R oder Renault Mégane R.S. Trophy ins Rennen schickt, wollte von BMW keiner verraten. Da der M135i xDrive schon in der Leistungsklasse unterwegs sein wird, scheint das leider unwahrscheinlich. Wir sagen trotzdem: Wennschon, dennschon, BMW!

Zur Startseite
Die neue Ausgabe als PDF
Mittelklasse Audi SQ5, Mercedes-AMG GLC 43, Exterieur Audi SQ5 gg. Mercedes-AMG GLC 43 Sportliche Mittelklasse-SUV im Test VW Passat Variant, Gebrauchtwagen-Check, asv2317 VW Passat Variant im Gebrauchtwagen-Check Auch als Gebrauchtwagen ein Publikumsliebling?
SUV Jeep Gladiator Rubicon 2020 Fahrbericht Jeep Gladiator (2020) im Fahrbericht So fährt der neue Jeep-Pickup LUMMA CLR G770 Mercedes G-Klasse Lumma CLR G770 Breitbau für die Mercedes G-Klasse
promobil
Knaus Boxlife 630 ME Knaus Boxlife 630 ME (2019) Wandelbarer Campingbus mit Bad Außendekorfolie erneuern Tipps zur Optimierung des Reisemobils Optische Aufwertung durch Außendekorfolien
Anzeige
Alle Automarken von A-Z
Markenbaum Sideteaser Erlkönige, Neuvorstellungen und Tests von allen Marken