Chevrolet Corvette 5.7

Die Corvette von Chevrolet, ein Kultobjekt seit über 40 Jahren, präsentiert sich in der fünften Generation. Amerikas Sportwagen Nummer eins erhielt nicht nur ein geändertes Outfit, sondern wurde von Grund auf neu konstruiert. Ziel: mehr Kraft, besseres Handling – und vor allem mehr Qualität.

Wenn die General Motors- Division Chevrolet eine neue Corvette präsentiert, ist das für Amerikas Autofans ein Ereignis, dessen Bedeutung der Erfindung des Automobils nahekommt. Die Fachblätter überbieten sich derzeit in Lobeshymnen über die fünfte Generation eines Sportwagens, der seit 1953 amerikanische Automobilgeschichte geschrieben hat. In den Augen ihrer Anhänger ist die Corvette „weit mehr als nur ein Auto – eher eine langjährige Liebesaffäre“, wie es John Middlebrock, der General Manager von Chevrolet, formuliert. Das Magazin „Car and Driver“ schreibt: „Stark und schnell – selbstverständlich. Aber auch noch geräumig und solide? Das ist schlichtweg verblüffend.“ Und „Road & Track“ schlägt in dieselbe Kerbe: „Die beste Corvette, die es je gab.“

Die Mannschaft um Corvette- Chefentwickler Dave Hill erstickt unter Lorbeerkränzen. Das Corvette-Team hat bei der Entwicklung des neuen Modells Freiheiten genossen, wie sie in einem rasiermesserscharf kalkulierenden Groß- konzern selten sind. Bei der Konzeption der neuen Corvette blieb keine Schraube auf ihrem Bolzen. Alles wurde neu gemacht – die Karosserie, der Rahmen, das Fahrwerk und der Motor (siehe auch Fahrbericht in Heft 2/97). So etwas gab es noch nie in der langen Corvette- Historie. Gute Voraussetzungen für einen Paukenschlag. Was das Styling angeht, ist der allerdings ausgeblieben, das darf bei aller Rücksicht auf den persönlichen Gechmack behauptet werden. Ein völlig eigenständiges, mit allen Merkmalen amerikanischer Großspurigkeit versehenes Design, wie es frühere Corvette-Generationen auszeichnete, ist nicht gelungen. Die neue Corvette macht Eindruck und erregt Aufmerksamkeit – hauptsächlich wegen ihrer verschwenderischen Proportionen, die in einem gigantischen Hinterteil ihren Höhepunkt finden.

Wirklich Neues entdeckt der Betrachter nicht, viel eher einen gefälligen Stilmix aus bekannten Elementen. Die praktischen Vorzüge der neuen Karosserie, die natürlich wieder aus glasfaserverstärktem Kunststoff besteht, überwiegen. Der Einstieg gelingt mühelos, das Platzangebot im Innenraum ist reichlich bemessen für zwei Passagiere. Angaben für das Kofferraumvolumen nach VDA-Norm gibt es keine, aber das Abteil unter der Heckklappe ist in jedem Fall auch für die größten Reisekoffer gerüstet. Das Cockpit entspricht mit seiner strengen Teilung durch die Mittelkonsole dem gewohten Corvette-Stil. Die Rundungen, gebildet durch die Abdeckung der Instrumente und einen Haltegriff auf der Beifahrerseite, sollen Reminiszenzen an den berühmten Sting Ray aus den sechziger Jahren hervorrufen. Stilistische Spielereien, früher immer ein typisches Merkmal von Amerikas berühmtestem Sportwagen, blieben diesmal außen vor. Die Rundinstrumente präsentieren sich in klassischem Schwarzweiß und sind sehr gut abzulesen. Die Anordnung der Bedienungselemente enspricht dem üblichen Schema, wobei die großen, handlichen Knöpfe für Radio und Klimaautomatik besonders hervorzuheben sind. Elektrische Sitzverstellung und die in der Höhe justierbare Lenksäule ermöglichen eine tadellose Sitzposition.

Die Sitze selbst bieten viel Bequemlichkeit, ohne die notwendige Seitenführung zu vernachlässigen. Alles in Ordnung also, wie es sich für einen modernen Sportwagen gehört. Die eigentliche Überraschung hält die Corvette beim Fahren bereit. Ein auf Bodenwellen zitternder Aufbau, sichtbar arbeitende Interieurbestandteile, knirschende und klappernde Geräusche, Mängel also, mit denen sich Generationen von Corvette-Fahrern abfinden mußten, glänzen durch Abwesenheit. Der neue Rahmen, angeblich viermal steifer als bisher, macht es möglich: ein ganz neues, von Qualität geprägtes Fahrgefühl. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Das ist kein Mercedes. In Kentucky, wo die Corvette vom Band läuft, herrschen andere Qualitätsmaßstäbe als im Schwabenland. Die Verarbeitung ist ordentlich, jedoch keinesfalls perfekt im Detail.

Aber eine qualitativ so hochwertige Corvette hat es noch nie gegeben. Selbst wenn das Dachmittelteil entfernt wird, was nach dem Lösen dreier Schnappverschlüsse im Handumdrehen erledigt ist, leidet die Steifigkeit der Karosseriestruktur nicht spürbar. Trotzdem ist das Offenfahren kein reines Vergnügen. Bleiben die Seitenscheiben oben, stellt sich ab 80 km/h ein nervtötendes Wummern des Fahrtwinds ein. Es verschwindet erst, wenn man die Scheiben um ein paar Zentimeter nach unten fahren läßt. Wer das Frischluftvergnügen schätzt, wartet lieber auf das Cabrio, das im Herbst präsentiert wird. Alle anderen sollten sich an den Sportwagenqualitäten der Corvette erfreuen, die sich auch gemessen an exclusiver europäischer Konkurrenz sehen lassen können. Dazu trägt vor allem der V8-Motor bei. Konstruiert ist er nach klassischem Muster, mit zwei Ventilen pro Zylinder also, die von einer zentralen Nockenwelle über Stoßstangen und Kipphebel betätigt werden.

So war der berühmte Chevy Small Block schon immer, auch der Hubraum behielt mit 5,7 Liter das traditionelle Maß. Trotzdem handelt es sich bei dem LS1 genannten Corvette- Triebwerk um eine komplette Neukonstruktion, bei der kein Teil mit dem bisherigen SmallBlock identisch ist. Wichtigste Neuerung: Der 344 PS starke Motor besteht von der Ölwanne bis zu den Zylinderköpfen aus Aluminium. Das simple Konzept wurde beibehalten, weil der LS1 in gezähmter Form auch künftige Truck-Generationen befeuern soll, und bei diesen in Millionenauflage gebauten Autos hat High Tech schon aus Kostengründen nichts zu suchen. DemCorvette-Fahrer jedenfalls erwachsen daraus keine Nachteile.

Der Achtzylinder entwickelt Bärenkräfte, schon im untersten Drehzahlbereich schiebt er gewaltig an, und er erreicht ohne ein Zeichen von Anstrengung seine Höchstdrehzahl von 6000/min. Die Fahrleistungen liegen auf Weltklasseniveau, speziell in der Höchstgeschwindigkeit hat die Corvette erheblich zugelegt, weil ihre Karosserie mit cW 0,29 den günstigsten Luftwiderstand aller Hochleistungssportwagen aufweist. Es wäre allerdings kein Fehler gewesen, wenn die Aerodynamiker den ab 200 km/h aufdringlichen Windgeräuschen mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Angesichts der hohen Leistung hält sich der Benzindurst der Großkolbenmaschine in akzeptablen Grenzen. Die Verbrauchsspanne ist groß, wie bei allen starken Motoren: Zehn Liter auf 100 Kilometer sind möglich, aber auch Spitzenwerte nahe 20 Liter. Eindrucksvoll der Sound, den der großvolumige V8 verbreitet.

Bei geringen Drehzahlen bleibt er noch zurückhaltend, aber beim Ausdrehen ertönt jenes zornige Hämmern, das jedem amerikanischen Roadmovie als Begleitmusik beigemischt wird. Zu so einem starken Motor müßte eine Getriebeautomatik eigentlich gut passen. Das Viergangaggregat der Corvette allerdings wurde etwas zu konsequent auf Sportlichkeit getrimmt. Es reagiert blitzschnell, aber es schaltet auch noch in Situationen, in denen es eigentlich nicht nötig ist: bei Kickdown beispielsweise, wenn die Tachonadel bereits auf 220 km/h steht. Die straffe Auslegung des Drehmomentwandlers sorgt außerdem für unangenehme Rucke beim Runterschalten. Ein Rauhbein mit Charme war die Corvette schon immer, aber inzwischen überwiegt endlich der Charme. Nur auf schlechten Straßen kommen alte Charakterschwächen zum Vorschein. Dann neigt die Hinterachse zu abrupten Vertikalstößen. Abgesehen davon ist der Federungskomfort gut, vor allem in der nachgiebigsten der drei wählbaren Dämpferkennungen.

Und die Fahreigenschaften lassen wenig Wünsche offen. Die Neigung zum seitlichen Versetzen der Hinterachse in holprigen Kurven konnte dem US-Sportwagen zwar nicht ganz abgewöhnt werden, aber je besser die Straße ist, desto besser liegt die Corvette. Extrem hohe Kurvengeschwindigkeiten sind möglich, wobei die exakte Lenkung ebenso zum Gefühl der Sicherheit beiträgt wie das nur ganz leicht untersteuernde Fahrverhalten. Die – abschaltbare – Antriebsschlupfregelung bändigt bei Bedarf die Leistung an den Hinterrädern, die Bremsen verzögern exzellent, lassen sich sehr gut dosieren und zeigen sogar bei extremer Beanspruchung keinerlei Fading. Der Enthusiasmus der Amerikaner erscheint also begreiflich: Die Corvette hat sich zu einemWeltklassesportwagengemausert. Und das beste dabei ist der Preis. Für knapp über 90 000 Mark gibt es nirgendwo sonst einen vergleichbaren Boliden.

Technische Daten

Chevrolet Corvette
Grundpreis 61.000 €
Außenmaße 4560 x 1869 x 1214 mm
Kofferraumvolumen 187 l
Hubraum / Motor 5665 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 253 kW / 344 PS bei 5400 U/min
Höchstgeschwindigkeit 274 km/h
Verbrauch 13,1 l/100 km
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