Chrysler PT Cruiser 2.0

Das Spiel mit Retro-Elementen beherrscht niemand besser als die amerikanische Daimler-Tochter Chrysler. Der Chrysler PT Cruiser sieht aus wie ein Retro-Spielzeug und trägt als Kompakt-Van den Keim eines praktischen Kultautos in sich.

Exzentrische Showstars wieder PT Cruiser könnten so entstehen: Ein Renault Mégane Scénic kracht ins Heck eines Chrysler Airflow 1935, ein Comic-Zeichner protokolliert den Unfall und jubelt diese Skizze in der nächsten Bar einem Chrysler-Manager unter, der von Europa genau weiß, dass ein Carl Benz dort irgendwann einen Kleinwagen ohne Getriebe-Automatik und ohne Klimaanlageerfunden hat.

In Wirklichkeit werden Automobile wie der Chrysler PT Cruiser auf Computern entworfen, wenn zuvor ein Marketing-Mann in eine Marktnische gekracht ist und diesen Crash als Geistesblitz verkauft.

Chrysler ist unter den amerikanischen Autokonzernen die Verpackungs-Company. GM ist für die Masse zuständig. Ford steht für die große amerikanische Familie.

Chrysler wird geschätzt, weil 1946 im Imperial und Newport die Scheibenbremse Weltpremiere hatte, 1949 erstmals das Zünd-Anlassschloss und 1960 die Zentralverriegelung mit Kindersicherung in den Serienbau eingeführt wurde und weil die Konzernmarke Dodge 1958 als Erste den von innen verstellbaren Außenrückspiegel in Serie brachte.

Nach der großen Finanzkrise der achtziger Jahre legte sich Chrysler dank Lee Iacocca und Bob Lutz ein Car-Guys-Image zu. Seither entscheiden die Burschen mit Benzin im Blut, allerdings bleifrei und mit geringer Oktanzahl, und überziehen amerikanische Standard-Technik mit Zitatenaus ihrer wilden Jugend.

Nach dem Muscle Car Dodge Viper 1989 und dem Hot Rod Plymouth Prowler 1993 war ein Street Rod fällig. Chrysler-Chef Bob Eaton höchstpersönlich präsentierte ihn auf der Detroit Auto Show in bester Rudi-Carrell-Manier: 1999 noch auf unserer Show-Bühne, im Jahr 2000 bereits auf den Straßen der Erde.

Die schnelle Umsetzung vom Prototyp zum Serienautomobil beweist aber nicht nur, dass Chrysler aus den verzögerten Produktionsanläufen bei Viper (1992) und Prowler (1996) gelernt hat.

Der PT Cruiser, eine gewagte stilistische Hommage an die revolutionären Chrysler Airflow-Modelle der dreißiger Jahre, trifft den Zeitgeist 1999/2000 besser als die Nasa den Mars: Innen schält sich aus der Hülle des kompromisslosen Retromobils das zeitgemäße Konzept des Kompakt-Vans. Außerdem stand der Prototyp bereits auf der serienreifen Bodenplatte der Kompaktlimousine Neon.

Die ersten Vorserienmodelle des PT Cruiser fallen in Barcelona so wenig auf wie ein neuer Seat. In den dichten Girlanden von Kompakt- und Kleinwagen werden sie bestenfalls für eine mexikanische Version des klassischen London-Taxis gehalten.

Tatsächlich schrumpft die historische Projektion auf kompakte Abmessungen: Der PT Cruiser ist 4,28 Meter lang, 1,7 Meter breit und 1,6 Meter hoch. Das entspricht ziemlich genau den Dimensionen des Mégane Scénic, der in Europa eine neue Klasse definiert hat.

Aug’ in Aug’ wirkt der PT Cruiser aber um einiges zierlicher, als es Fotos und amerikanische Herkunft verheißen. Damit orientiert sich der PT Cruiser an jener Hollywood-Legende, für die er maßgeschneidert hätte sein können – wäre er 50 Jahre früher gekommen. Auch Humphrey Bogart war in Wirklichkeit kein Straßenkreuzer, sondern exakt so groß, dass Ingrid Bergmann hätte sagen können: „Ich schau dir in die Augen, Kleiner.“

Der Innenraum passt ideal zu Bogarts illusionslosen Filmdetektiven Marlowe und Spade: geräumig, praktisch und trostlos wie ein Großraumbüro. Von der Retro-Anmutung bleiben die angenehm hohe Sitzposition, eine hohe Gürtellinie und schmale Fensterscheiben erhalten. Die Qualität der Materialien ist jedoch von einer Güte, als hätte Fiat in den siebziger Jahren einen koreanischen Zulieferer beauftragt, in Osteuropa Plastikimitate zu produzieren.

Trotzdem ist der PT Cruiser durch und durchpraktisch, über zwei getrennte Stromausgänge in der Mittelkonsole und die großen Becher-Fächer bis zur Abdeckung des Kofferraums, die zu einer Tischplatte für Parkplatz-Partys umfunktioniert werden kann.

Aus dem ehemaligen Neon-Derivat ist eine eigenständige Bodengruppe geworden. Radstand und Außenlänge sind geschrumpft, eine neue Hinterachse mit Wattgestänge verkleinert die Radhäuser und sorgt für mehr Kofferraum.

Der Zweiliter-Vierzylinder-Vierventiler mit 141 PS Leistung wirkt im PT Cruiser weniger brummig als im Neon, und bei Fahrverhalten und Lenkung wurden alle Spuren in die Vergangenheit gründlich verwischt. Der PT Cruiser ist so handlich, wie er aussieht, und nicht so weichabgestimmt, wie die Historie befürchten lässt.

So fährt sich dieses Auto, neben dem ein Renault Mégane Scénic, ein Fiat Multipla oder eine Mercedes A-Klasse ziemlich uninspiriert aussehen, sachlich und nüchtern, nicht amerikanisch, auch nichteuropäisch, sondern auf eine übergeordnete Art zweckmäßig wie ein VW Golf mit Skoda-Karosserie.

Gerade deswegen trägt er den Keim des Kultautos in sich. In-People brauchen dazu keinen V8 und Heckantrieb mehr, sondern eine Gebrauchsanleitung für Lifestyle. Stil hat der PT Cruiser sozusagen epochenweise, und die Preisgestaltung orientiert sich erfreulicherweise am wirklichen Leben und verzichtet auf den Retro-Zuschlag.

Die Preisspanne reicht von rund 35.000 Mark für die Standard-Ausstattung Classic bis zu 45.000 Mark für die Limited-Version mitserienmäßigen Chrom-Rädern, ABS mit Traktionskontrolle, Klimaanlage und Lederbezügen.

Daimler-Chrysler startet die Produktion im mexikanischen Werk Toluca, in dem auch das Chrysler-Cabrio gebaut wird, im Frühjahr zunächst mit dem Zweiliter-Triebwerk. Ab 2002 soll der Neon-Vierzylinder durch den 1,6-Liter, der als Joint Venture mit BMW in Südamerika entsteht, und den 220 CDI-Common-Rail-Diesel von Mercedes ergänzt werden.

Die Karriere des PT Cruiser könnte ebenso europäisch angehaucht sein wie die Motorenpalette: Bei Kundenbefragungen wurde er in England, Frankreich, Deutschland und Italien besser bewertet als in Amerika.

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