Chrysler Viper GTS-R im Fahrbericht

Große Klappe, viel dahinter

Chrysler Viper GTS-R Foto: Hofmann

In seinem ersten Jahr stellte der Chrysler Viper GTS-R beim 24 Stunden-Rennen von Le Mans sein beachtliches Potential unter Beweis. auto motor und sport fuhr das 650 PS starke Auto.

Die Zeit zum Reagieren ist beängstigend knapp bemessen. Gerade noch signalisierte die kleine Leuchtdiodenreihe am Armaturenbrett, dass alles im grünen Bereich ist, doch einen Augenblick später springt sie unerwartet auf Rot um. Wer beim Beschleunigen des Chrysler Viper GTS-R Rot sieht, sollte eiligst zum Schalthebel greifen und die Gasse des nächsthöheren Gangs wählen, denn die kritische Drehzahlgrenze von 7.000 Touren ist erreicht.

Die Vorstellung, der Vorgang des Gangwechsels könnte von Flüchtigkeitsfehlern unterwandert werden, hat für den Gastfahrer etwas Alptraumhaftes. Denn die Folge wären Ventileinschläge in den zehn Zentimeter dicken Kolben, krumme Titanpleuel sowie die Gewissheit, dass die Crew des französischen Viper-Teams Oreca zu der unumkehrbaren Überzeugung gelangt: „Da war der weltgrößte Idiot am Werk.“

Glücklicherweise liegen die Schaltgassen des Borg-Warner- Sechsganggetriebes weit auseinander. Der Chrysler Viper GTS-R, der typisch amerikanische Beitrag zur aufblühenden Kategorie der GT-Sportwagen, ist einer von jener Sorte Rennwagen, die den entschlossenen Handwerker am Steuer erfordern und weniger den feinsinnigen Technokraten, der per Computerprogramm und spitze Finger sein Rennauto bis zur Zieldurchfahrt verwaltet.

Ein sequentielles Getriebe, so leicht und sicher zu handhaben wie eine TV-Fernbedienung, fehlt im Viper GTS-R ebenso wie ABS und elektronische Traktionskontrolle. Somit ist der Fahrer gezwungen, im Kurvengrenzbereich auch jene Bereiche intellektuell abzudecken, die etwa in den High Tech-Tourenwagen der ITC getrost der Obhut elektronischer Fahrhilfen überlassen werden können. Derartige technische Bonbons sind bei GT Autos verboten.

Der Fahrer muss selbst entscheiden, wann und wie heruntergeschaltet wird. Er muss zudem den korrekten Bremsdruck erfühlen, ohne den 27 Zentimeter breiten Slicks an der Vorderachse einen Bremsplatten aufzudrücken. Und er sollte feinfühlig im Umgang mit abrupten Leistungseskalationen sein, denn schließlich verrichten 650 PS unter der mächtigen Motorhaube ihren Dienst.

Allein der optische Auftritt der weißblauen Schlangenbrut aus Detroit hat bei der GT Konkurrenz von McLaren, Ferrari oder Porsche für Eindruck gesorgt. Aus den beiden links und rechts vor den Hinterrädern mündenden, oberarmdikken Auspuffendrohren brüllt der Viper einen Siegeswillen heraus, den ähnlich markerschütternd nur die 1000 PSPowerboote im Jachthafen von Monaco beherrschen.

Immerhin: Nach dem Debüt bei den 24 Stunden von Le Mans, wo drei der vier Viper das Ziel erreichten, stellte das US-Car beim letzten Europa- Rennen der Sportwagenserie BPR im französischen Nogaro sein ernstzunehmendes Potential erneut unter Beweis. Umgeben von McLaren und Ferrari, die zwar ähnlich leistungsstark, aber erheblich leichter sind, platzierten sich beide GTS-R unter den ersten Zehn.

Ob Rennen oder Tracktest – die Viper-Fahrt beginnt mit einer Turnübung. Das Kletterkunststück durch die Streben des Sicherheitskäfigs hindurch ist das übliche Vorspiel beim Eintritt ins Reich der aufgehenden Wonne. Dem Anschnallen im Kohlefaser-Rennsitz folgt die Zeit der Akklimatisierung. Etwa 60 Takte Herzklopfen dauert es, bis all die Mechanismen des Schaltpults rechts in Griffweite durchschaut sind und der Blutdruck sich auf Lampenfieber- Niveau unterhalb der 200er Marke eingependelt hat.

Die Tatsache, dass Neil Hannemann, GTS-R-Projektleiter im Chrysler Technology Center in Detroit, während der Warmlaufphase in der Boxengasse in Paul Ricard kritischen Blickes von einem Fuß auf den anderen tänzelt, macht den Anfang nicht einfacher. Schließlich gilt es, die Kraft von acht Liter Hubraum und zehn Zylindern ohne Schande zu überstehen.

„Nur nicht durchdrehen.“ Diese ins Cockpit gemurmelte Aufforderung, zunächst nur als Beruhigung von Hannemann gedacht, erweist sich schon nach wenigen Metern als passende Mahnung in Bezug auf die Kraftübertragung des Viper.

Die noch kalten Michelin- Rennslicks auf den 18 Zoll- Felgen kommen fast zeitgleich mit dem Motor auf Touren, kräftige blaue Rauchwolken hinterlassend. Würde das wuchtige Viper-Heck nicht mit seitlichen Ausschlägen reagieren, man könnte ernsthaft denken, die Dreischeiben- Carbonkupplung hätte plötzlich ihre kraftschlüssige Verbindung verweigert.

Viper Nachruf
Schlange & Gift = Tod

Der im Hub-Bohrungs-Verhältnis fast quadratisch ausgelegte Aluminium-Zehnzylinder schüttelt seine gewaltige Kraft, begleitet von einem kurzen, lustvollen Brüller, bereits bei niedrigen Drehzahlen gelassen von der Kurbelwelle.

Während das Drehmoment des 90 Grad-Motors mit 760 Newtonmetern geradezu exorbitant ist, fällt sein Layout eher schlicht aus. Kein Wunder, war doch das rote Kraftpaket von seinen Erbauern zunächst nur als Truck-Antrieb vorgesehen.

Das Drehmoment der Viper nimmt allerdings nur mit kalten Reifen beängstigende Züge an. Nach kurzer Aufwärmphase von Material und Fahrer gelingt die Bändigung der Schlange zusammen mit dem eng gestuften Sechsganggetriebe erstaunlich einfach.

Die Kraftentfaltung des bis 7.000 Touren belastbaren Big- Block vollzieht sich nicht in Form einer klassischen Kurve, die zunächst bedächtig ansteigt und erst zum Ende steil nach oben geht: Eine nahezu waagerechte Leistungslinie fast über dem gesamten Drehzahlbereich beschreibt ein Kraft-Tableau in lastwagentypischem Format.

Dem V10 ist es egal, ob man ihm 5.000, 6.000 oder 7.000 Umdrehungen abverlangt – er schiebt den GTS-R auf die nächste Biegung zu, dass dem Neuling am Lenkrad der Schweiß ausbricht.

Aber Vorsicht: Aus den Sidepipes des Chrysler Viper ertönt bei zehn geöffneten Drosselklappen ein so wohlklingender Kanon, dass sich Parallelen zu der einschmeichelnden Art der Schlange Ka aus dem Walt Disney- Streifen „Dschungelbuch“ aufdrängen: „Du kannst mir vertrauen“, war ihre trügerische Botschaft – im nächsten Moment biss sie zu.

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Technische Daten
Chrysler GTS 2.2
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4580 x 1735 x 1345 mm
KofferraumvolumenVDA 518 l
Hubraum / Motor 2213 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 109 kW / 148 PS bei 5200 U/min
0-100 km/h 9,6 s
Testverbrauch 13,9 l/100 km
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