Corvette Z06

Liegt wie ein Z

Foto: Jim Fets 10 Bilder

Corvette Z06, ein kämpferischer Hubraum-Prediger. 512 PS aus sieben Litern vermitteln die Welt der Supersportwagen als grobkörnige Realität. auto motor und sport ist den Club-Sportler auf der Rennstrecke in Spa gefahren.

Eau Rouge, die Heldenkurve. Wie aus dem Nichts taucht sie auf, die Eiger-Nordwand der Formel 1. Am Ende des Tals, das rechts die Boxenmauer, links der Zaun begrenzt. Sie beginnt mit einer verbogenen Geraden, weitet sich trügerisch auf, endet als Abschussrampe gen Himmel. Jetzt füllt sie die Windschutzscheibe, groß, breit, Furcht einflößend. Und die 512-PS-Corvette Z06 ist über 200 km/h schnell.

In Spa ist der Selbsterhaltungstrieb größer als der Mut: Knapp zündet der Brems-Fallschirm auf den Curbs, es rattert fürchterlich. Mit Vollgas in die Kompression, der Magen krampft, die Wangen schlackern. Die Rechtskurve hängt, die Corvette treibt ab, fliehkraftgebeutelt hält der Pilot dagegen. Das Firmament öffnet sich, ohne zu lupfen hinein ins Nichts. Kurz vorm Orbit geht es links ab – auf die gelobte Gerade zum Verschnaufen.

Selbstbewusst präsentiert Chevrolet seine sechste Extrem-Vorstellung eines highwaytauglichen Club-Sportwagens auf der Rennstrecke. Z06, eine Gigant-Corvette auf Basis des C6- Coupés: mehr Hubraum, mehr Leistung, dafür leichter und verdichteter.

Modern times unterm Fiberglas: Das Stahl-Gerippe wurde abserviert, das Rückgrat ist nun aus Aluminium, vordere Kotflügel, Radhäuser und Teile des Unterbodens sind aus Karbon. Das spart in Summe 90 Kilogramm. Optisch bestehen nur flüchtige Unterschiede. Flügel und Schweller haben sich die Amerikaner gottlob verkniffen. Vorn presst eine kleine Lippe, hinten drückt ein Mini-Spoiler, dazu rundum Schlaghosen-Radläufe.

Fertig. Aluminium-Block und -Kolben, Trockensumpf-Schmierung, Dämpfer von Sachs sowie Sechs-Kolben-Bremssättel duften nach Rennsport. Doch auch diese Brutalo-Corvette bleibt ganz sie selbst: ein effektiv modernisiertes Muscle-Car aus der Zeit der Big Blocks, Burnouts und Blattfedern.

ZZ Top, die Südstaaten-Rocker, würden dem Z06 Respekt zollen. Beide sind vom gleichen Schlag, beide haben ähnlich lange Bärte, kombinieren seit Jahrzehnten die gleichen fünf Akkorde immer wieder neu, stehen für rüde Rhythmen und satten Schub. Lässig, locker, unverkrampft.

Acht Mannsbilder von Kolben reißen an den Titan-Pleueln. In den mit Hubraum verwöhnten USA zählen sieben Liter zu den Smallblocks, hier zu Lande dagegen geht es kaum bigger. Tief grunzend vertraut die Corvette auf ihr 206-Kilogramm-V8-Fundament: Bei Leerlaufdrehzahl glatt wie ein Baggersee, baut sich das Drehmoment darüber zur hawaiianischen Surf-Welle auf.

Kippt der Start nicht in einen Burnout, soll nach 3,9 Sekunden der Nullbis- 100-Dragstrip niedergestreckt sein. Die Beschleunigung wird zum Knockout- Haken in Zeitlupe, bei dem der Druck auf dem Kinn bis über 200 km/h lastet. Der V8 brodelt und schießt wie ein Zen-Bogenschütze aus allen Lagen, bleibt dabei buddhistisch gelassen. Das sorgt für hektikfreies Carven.

Wer das ausladend wiegende Heck bevorzugt – bitteschön: Räder einschlagen, Vollgas. Wohlig bebend durchfährt ein Soul-Vibrato den Magen. 637 Nm Drehmoment brechen über die Hinterreifen herein, die Traktion steckt auf. Drift-Mambo. Nur im Sicherheits-Modus verstellt ASR den Zugang zum Grenzbereich; ein Knöpfchen spielt den Schlüsselwächter. In der Competitive-Stellung der Fahrdynamik-Kontrolle darf der Z06 querschießen: Selbst Highspeed- Oversteering im vierten Gang wird zum lösbaren Problem – unglaublich, wie geschmeidig sich die Corvette bei diesem Tempo noch abfangen lässt. Erst wenn man senkrecht in der Kurve steht, fällt der ASR-Rettungsanker.

Welcher Belastung der Nacken in Kurven standhalten muss, dokumentiert der g-Force-Sensor im Headup- Display: Die Gravitationskräfte werden an die Frontscheibe projiziert. Wer 1,0 g ermittelt, treibt den Ami-Herkules schon pfeffrig ums Eck, bei 1,1 ist Chili an Bord. Über 1,2 entspräche der grünen Sushi-Paste Wasabi – schwer zu dosieren und schweißtreibend.

Der barmherzigen Abstimmung ist es zu verdanken, dass man ohne Rennerfahrung überhaupt in diese scharfwürzigen Bereiche vorstößt. Fahrwerk, Bremse und Lenkung vermitteln ein Vertrauen, das man dankbar annimmt. So verlieren 512 PS etwas von ihrem Schrecken – auch Novizen bewegen sich mit dem Smooth Operator trittsicher in Supercar-Kreisen. Fein ziselierte Aluminium-Ornamente darf man im Innenraum ebensowenig erwarten wie in einem texanischen Truck-Stop. Dessen ist sich die rustikale Klientel bewusst und arrangiert sich mit der robusten Funktionalität.

Man lenkt seinen Fokus auf die Strecke, nicht auf das Armaturenbrett, übertönt dessen mitteilsam knarzende Verarbeitungsqualität mittels korpulent klingender HiFi-Anlage und deutet die grobe Luftverteilung der Klimaanlage als kühlen Fahrtwind um. Chichi bleibt draußen, es regiert das lifestylefreie Ambiente der Rennstrecke. Das bei niedrigen Drehzahlen grießig mahlende Tramec-Sechsgang- Getriebe verlangt nach einer kräftigen Muskulatur – eine leidenschaftliche Runde beschleunigt die Fettverbrennung des Fahrers, den man sich als stiernackigen Edeltürsteher im knapp sitzenden Anzug vorstellt. Volksnah ist auch die Kalkulation.

Die Eintrittskarte in die Supersportwagen- Welt wird ab November mit 79 950 Euro geradezu günstig zu lösen sein: Zum Preis eines Porsche 911 Carrera gibt es die Leistung eines Lamborghini Gallardo. Und sogar das Drehmoment eines Murciélago, verbunden mit einem anständigen Kofferraum. Wenn das kein vernünftiges Kaufargument ist.

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Technische Daten
Chevrolet Corvette Z06 Coupé 6.2 V8
Grundpreis 86.150 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4460 x 1928 x 1244 mm
KofferraumvolumenVDA 634 l
Hubraum / Motor 7011 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 377 kW / 512 PS bei 6300 U/min
Höchstgeschwindigkeit 320 km/h
Verbrauch 14,7 l/100 km
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