Foto: Hans-Dieter Seufert
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Dodge Viper SRT-10 und Corvette Cabrio

Nachtleben

Dodge Viper SRT-10 und Corvette Cabrio: Zwei Ausnahme-Fahrzeuge, gesegnet mit brachialen Motoren, gewaltigen PS-Zahlen und Formen, die alle Blicke auf sich ziehen. Möge die Macht mit ihnen sein.

So amerikanisch wie ein fetter Hamburger sind sie beide. Mit mächtigen Motoren unter den Hauben, mit gewaltigen PS-Zahlen und mit Formen, die alle Blicke auf sich ziehen. Aber damit hat es sich auch schon. Denn die US-Interpretation des offenen Sportwagens fällt bei General Motors und Chrysler völlig anders aus. Die Corvette bemüht sich in ihrer nunmehr sechsten Generation mehr denn je um europäische Finesse, während der Dodge Viper dem klassischen Muscle Car-Ideal huldigt.

Was zählt, ist schiere Power, alles andere ist Nebensache. Es beginnt schon beim Innenraum-Odeur des Viper- Testwagens. Dort, wo andere Preziosen im sechsstelligen Euro-Bereich Essenzen von Leder, gemixt mit geahnten Nuancen von Holz, verströmen, riecht die Schlangenhöhle wie eine Mischung aus Rugby-Umkleide- und Examens-Prüfungsraum – nach vier Stunden bei geschlossenen Fenstern.

Der Angstschweiß hat Spuren hinterlassen, wie das zart salzgehärtete Leder an Lenkrad und Billardkugel-Schaltknauf verrät. Tja, selbst unerschrockenen Testern geht gehörig die Muffe, sobald sie sich über die breiten Schweller, die bei der US-Version Sidepipes beherbergen, hinters kleine Lenkrad gefädelt haben. Spätestens aber, wenn sich der Lkw-artige Anlasser rabiat auf die Kurbelwelle stürzt und die zehn Kolben auf ihre Zehn-Zentimeter-Reise schickt.

Energisch vibrierend, bei jedem Gasstoß provokant zur Seite nickend. 506 PS und 711 Newtonmeter aus 8,3 Liter Hubraum. „Built with pride at Conner Avenue Assembly Plant, Detroit.“ Vorn zwei offen schnüffelnde Luftfilter- Dosen, dahinter die massige Ansaugbrücke, daneben schrumpflack-rote Zylinderkopfdeckel. Testarossa made in USA. Natürlich mit einer untenliegenden Nockenwelle, Stoßstangen und zwei Ventilen pro Zylinder.

Wie beim Sechsliter-V8 der Corvette, die ihre Leistung zwar ebenfalls auf traditionelle Art und Weise produziert, aber mit anderem Ergebnis. Hier werden 404 PS und 546 Newtonmeter nicht kantig-ungeschliffen rausgeprügelt wie beim Viper, sondern kultiviert, sanft wummernd verabreicht. Insgesamt spielt die aktuelle Vette Wellness-Oase und empfängt Passagiere mit kuschelig gepolsterten Sitzen, einem aufgeräumten, solide verarbeiteten Ambiente. Im Gegensatz zum Viper mit seinen engen Nischen, klammernden Sportsitzen, dem kleinen Lenkrad, einer weiß hinterlegten Uhrensammlung sowie einem Materialeindruck, den man jedem Korea-Kleinwagen um die Ohren hauen würde.

Schmuddelig wirkendes Billig-Plastik, rausquellender Kleber, ein lose herumfliegendes Lüftungsgitter, Schalter vom Conrad-Wühltisch – na und? Die knorrige USIkone setzt sich über berechtigte Kritik selbstbewusst und publikumswirksam hinweg. Und die Masche zieht: Auto- Paparazzi jedweden Alters und Geschlechts zücken Fotohandys und recken Daumen in die Höhe, als ob es in Deutschland niemals eine Neid-Debatte gegeben hätte.

Auch die etwas zahmere Corvette fährt mehr Zustimmung als Ablehnung ein, hat in Generation sechs ihr Luden- Image endgültig abgelegt. Nicht einmal exzessiven Spritverbrauch kann man ihr nachsagen, jeder große SUVBenziner schluckt mehr. Ohne jenes wollüstige Vollgas-Gewitter zu bieten, das bei offenem Verdeck in die Gehörgänge einschlägt.

Obenraus verwandelt sich die sanfte Amboss- Massage in puren Rock ’n’ Roll, der sich höchstens hinter dem schaurigen Viper-Stakkato verstecken muss. Dessen Zehnzylinder klingt nicht nur schräger als der sämige Corvette- Motor, sondern fährt auch so.

Während der Corvette-V8 zwischen Standgas und dem Begrenzer bei 6500/min pausenlos-unbeirrt anschiebt, ruckelt der Dodge-V10 im unteren Drehzahlbereich zunächst beleidigt vor sich hin, möchte mit dem Gaspedal gefühlvoll Richtung 3000/min bugsiert werden, um danach aus wenig Drehzahl- überproportional viel Geschwindigkeitszuwachs herauszuholen. Wuchtig und unbarmherzig.

Die akkurate Nutzung des Drehzahlfensters – Ende bei 6000/min – erfordert dennoch Sensibilität. Nicht nur, weil selbst griffige Michelin Pilot Sport der Dimension 345/30-19 irgendwann von Grip zu Schlupf übergehen, sondern wegen einer Kupplung, deren Bedienkräfte selbst Lance Armstrongs Schenkel brennen lassen würden, und der unexakten Schaltung, die sanft anfahrende Piloten per Sperrklinke direkt vom ersten in den vierten Gang lotsen will.

Eine ebenso absurde Spritsparmaßnahme wie die lange Übersetzung, mit welcher der Viper theoretisch Tempo 480 erreichen könnte. Praktisch schafft er 306 km/h. Und trifft dort auf die Corvette, die trotz ihres Leistungshandikaps ebenfalls eine 300 auf ihr Head-up-Display zaubert. Selbst auf geraden Autobahnpassagen bleibt keine Zeit für Ödnis, vor allem der Viper macht seinem Namen alle Ehre und schnüffelt jeder Spurrille hinterher.

Sei’s drum, die Lieblingsreviere der beiden offenen Bolzer sind ohnehin Stadt und Land. Gesehen werden in der Stadt und Sehen auf der Landstraße – nur dass die Umgebung schneller vorbeifliegt als üblich. Gänge klickt man nicht aus dem Handgelenk oder gar per Fingertipp, sondern prügelt sie wie fette Pflöcke in Weideland, bevor die nächste Drehmoment- Welle aufbrandet.

Der Grenzbereich der beiden Anderthalbtonner liegt hoch, endet jedoch mitunter überraschend – vor allem bei feuchter Piste. Während Corvette-Piloten sich auf ein in drei Stufen regelbares ESP verlassen können, obliegt es beim Viper einzig Sinnesorganen und Extremitäten des Piloten, ohne Kaltverformung aus der schnellen Nummer rauszukommen.

Im Trockenen herrscht hier wie dort purer Speed, nicht nur beim Beschleunigen, wo beide erwartungsgemäß versuchen, den Asphalt in Wellen zu legen. Mindestens genauso beeindruckend wie der Sprint von null auf 100 in 5,2 (Corvette) und 4,3 Sekunden (Viper) ist die Kaltschnäuzigkeit, mit der Hubraum sich über lange Übersetzungen erhebt.

Der Tempozuwachs im großen Gang entspricht dem, was anderswo durch knallhartes Durchschalten erreicht wird. Maßstäbe? Gut am Dodge Viper ist vor allem, dass er anders ist.

Technische Daten

Dodge Viper SRT-10
Grundpreis 112.000 €
Außenmaße 4460 x 1944 x 1210 mm
Kofferraumvolumen 200 l
Hubraum / Motor 8285 cm³ / 10-Zylinder
Leistung 372 kW / 506 PS bei 5600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 306 km/h
Verbrauch 19,1 l/100 km
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