Ein Auto zwei Geschichten

Opel Diplomat damals und heute

Opel Diplomat Foto: Markus Stier 8 Bilder

Vor 46 Jahren war Reinhard Seiffert guter Hoffnung, dass Opel mit dem Diplomat die betuchte deutsche Kundschaft erobern könnte. Vor allem der großvolumige Motor und das Automatikgetriebe begeisterten den Tester.

Der Europäer neigt nicht so stark wie der Amerikaner dazu, seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit durch ein möglichst großes Auto zu dokumentieren. Wer sich früher einen Buick oder Mercury über den Ozean schicken ließ, legte damit außerordentlichen Luxus an den Tag. In Amerika waren diese Autos damals schon nichts Außergewöhnliches. Sie wurden in größeren Stückzahlen gebaut als unsere Opel Olympia oder DKW Meisterklasse.

Opel startete kurz vor dem Krieg mit dem 3,6-Liter-Admiral einen Versuch, das preisgünstige große Auto in Europa heimisch zu machen, nun folgt der zweite Anlauf. Der Diplomat hat, so sehr er auch mit den Mercedes-Modellen konkurriert, mit diesen Autos nicht viel gemeinsam. Ein Mercedes ist typisch europäisch – liebevoll verfeinert innerhalb der Grenzen, die durch Hubraum und Preis gezogen sind. Der Diplomat ist ein amerikanisches Auto – konzipiert mit der gelassenen Grosszügigkeit von Leuten, die unter zwanzig Achtzylindermotoren und zehn automatischen Getrieben wählen können.

Eines jedoch ist am Diplomat europäisch: die größere Sorgfalt, die auf das Fahren mit hoher Geschwindigkeit verwendet wurde. Notwendig dafür sind geeignete Reifen und Bremsen. In beiden Punkten griff Opel auf europäische Entwicklungen zurück und verwendete Gürtelreifen und Scheibenbremsen. Und so kann man Tempo 180 Dauergeschwindigkeit fahren wie mit dem 300 SE oder dem 3,2-Liter-BMW-V8. Während aber Mercedes und BMW für ihre 200 km/h schnellen Limousinen nur etwa drei Liter Hubraum spendierten (und da gab es schon manch bedenkliches Gesicht ob dieser „großen“ Motoren), ließ Opel aus dem GM-Programm zunächst einen 4,7-Liter und nun, zunächst für das Coupé, auch noch einen 5,4-Liter kommen, für Autos, die im Preis den 2,2 Liter großen Mercedes-Modellen entsprechen.

Während ein Dreiliter seine 160 oder gar 190 PS nur unter Aufwendung hoher konstruktiver und metallurgischer Kunst hergibt, schüttelt der 4,7-Liter sie sozusagen aus dem Ärmel.

Fahren ohne Schalten

Der Dreiliter muss hoch drehen und wird dabei laut, der 4,7-Liter kann langsam laufen, ist leise und erleichtert außerdem ein Problem, das nun auch in Europa akut ist – das Fahren ohne Schalten. In der landläufigen Automeinung gelten Automatikgetriebe bei uns noch immer als etwas Kompliziertes und Ausgefallenes. Was die Bequemlichkeit des Fahrens angeht, entspricht der Diplomat völlig seinen amerikanischen Geschwistern.

Für Europa setzt er neue Maßstäbe jenseits aller Schalterei. Es gibt kein Rucken und keine Beschleunigungslöcher, sondern nur ein stufenfreies Beschleunigen oder Verzögern. Möglich macht dies ein Zweiganggetriebe mit Drehmomentwandler. Der einzige Schaltvorgang, der deutlich bemerkbar ist, ist das Heraufschalten bei hoher Geschwindigkeit. Der untere Gang reicht bei Kickdown bis zirka 100 km/h und liefert eine hervorragende Beschleunigung. Auch im oberen Gang beschleunigt der Diplomat noch kräftig. Man kann sich bei dieser bulligen Maschine alle Schalt-Gedanken sparen.

Große Laufruhe

Den Motor hört man nur beim Hochdrehen im Stand und bei langsamer Fahrt leise surren, bei schnellerem Fahren übertönen ihn die Roll- und Windgeräusche ganz. Das völlige Fehlen des Motorgeräusches gilt seit jeher als Kennzeichen besonderer Perfektion. Die Verteilung der Arbeit auf acht Zylinder dient nicht nur der akustischen Laufruhe, sondern besonders auch der Schwingungsfreiheit.

Während bei amerikanischen Autos unerfreuliche Vibrationen und Dröhnerscheinungen bei hohem Tempo normal sind, gibt es dergleichen beim Diplomat nicht. Hier ist trotz der konventionellen Bauweise des Wagens ein unkonventionell gutes Ergebnis erreicht worden. Die Folge: Man merkt kaum, wie schnell man fährt. Bei 180 fährt der Wagen ebenso mühelos und ruhig wie bei 120 Mitfahrer, die sonst auf hohe Geschwindigkeiten empfindlich sind, merken davon überhaupt nichts. Sie fühlen sich sicher. Der Fahrer muss mehr auf den Tachometer sehen als bei anderen Autos.

Wir fuhren mit dem Diplomat mühelos Autobahnschnitte über 150 km/h, ohne es zu wollen. Im Diplomat reist man schneller als in den meisten harten und lauten Sportwagen und hat nicht das Gefühl, eine besondere fahrerische Leistung zu vollbringen. Man fühlt sich – im Gegensatz zum Sportwagen – auch keineswegs dazu aufgefordert. Das Gewicht von 1,6 Tonnen, der lange Radstand und die breite Spur sorgen für jenes satte und ruhige Fahren, das man von Autos dieser Größenordnung erwartet. 

Fahreigenschaften haben Vorrang vor dem Fahrkomfort

Ein unmerkliches Hinwegschweben über Unebenheiten aller Art darf man freilich nicht verlangen, denn die Federung ist relativ hart. Wie bei allen Modellen der letzten Jahre hat Opel sie so ausgelegt, dass die Fahreigenschaften Vorrang vor dem Fahrkomfort hatten. Es gibt beim Diplomat kein Schaukeln und Schwanken, aber kurze Querrinnen und Fugen auf der Autobahn schluckt er nicht gern. Leicht übersteuernd. Beim schnellen Kurvenfahren verhielt sich der Wagen neutral und im Extremfall leicht übersteuernd.

Diese Neigung ließ sich mit der Lenkung, obwohl diese nicht überaus direkt arbeitet, gut korrigieren. Die Bremsanlage mit vorderen Scheibenbremsen ist zweifellos besser als bei jedem vergleichbaren US-Wagen mit Trommelbremsen. Das Herunterbremsen aus hoher Geschwindigkeit ist unproblematisch. Bei häufiger Benutzung auf verkehrsreicher Autobahn lässt jedoch die Wirkung nach, und auch auf Gefällen sollte man die Bremsen nicht überfordern. Bremsen und Lenkung sind beide mit Servo-Einrichtungen versehen, machen den Wagen leicht bedienbar und, soweit man bei den beträchtlichen Ausmaßen in Breite und Länge davon reden kann, ausreichend handlich.

Ein ideales Stadtfahrzeug ist der Diplomat freilich nicht, er passt nicht in jede Parklücke und braucht viel Platz zum Rangieren. Von innen macht der Diplomat einen gepflegteren Eindruck als Kapitän und Admiral, ohne sich generell von ihnen zu unterscheiden. Seine besondere Attraktion sind die elektrisch betätigten Fenster. Man vermisst jedoch eine leistungsfähige Direktbelüftung.

Verbrauch zwischen 16 und 25 Litern

Die Betrachtung der Preise zeigt, dass es Opel mit dieser Einführung neuer Maßstäbe auf dem Großwagenmarkt ernst ist. Doch was spricht dagegen? Wir glauben nicht, dass die schlichte Fahrwerkskonstruktion, der Verzicht auf optimalen Federungskomfort die Achtzylindermodelle daran hindern wird, gegenüber der Konkurrenz Boden zu gewinnen.

Was die Käufer eher Überwindung kosten wird, sind die höheren Aufwendungen für den Unterhalt, besonders der Verbrauch. Unsere Verbrauchswerte lagen zwischen 16 und 25 Liter/100 km; das ist im Verhältnis zu der gebotenen Leistung zwar nicht übertrieben viel, aber doch angesichts der weit verbreiteten Meinung, dass ein Auto nicht mehr als zehn Liter brauchen darf, eine ganze Menge.

Wer mit einem solchen Auto fährt, der tut gut daran, es gleichgültig hinzunehmen wann und wie viel er tanken muss. Luxus kostet Geld – auch der Leistungs-Luxus. Da Opel den gleichen Wagen mit dem Sechszylindermotor bewährter Größenordnung baut, kann der Rüsselsheimer Firma nicht viel passieren, wenn das Publikum den Schritt zum V8 nicht tut. Aber alle Anzeichen sprechen dafür, dass es ihn tut.

Auf der nächsten Seite lesen Sie den Fahrbericht von Alf Cremers.

Reiz des Verbotenen

Als wir klein waren, rutschten wir vor dem Abendbrot unruhig auf den Popöchen herum und warteten auf das Vorabendprogramm. Western von gestern, Raumschiff Enterprise und Dick und Doof waren ganz in Ordnung, aber die Hits waren Starsky und Hutch, Die Straßen von San Francisco und Detectiv Rockford. Lang gestreckte Straßenkreuzer fuhren durchs Bild, fegten mit ihren Auslegerkofferräumen um die Straßenblocks, räumten Mülltonnen und Hydranten ab, während Reifen um Gnade winselten und Radkappen scheppernd durch die Gegend eierten.

Wenn sie sich nicht gerade durch die Docks oder die Bronx jagten, dann rollten sie dumpf bollernd dahin, eiserne Bollwerke von Wohlstand und Coolness, unterlegt mit Schlagzeugen, Bässen und Bläsern von Isaac Hayes oder Quincy Jones. Wenn du dann wieder raus auf die Straße gingst, zwitscherten höchstens die Spatzen, und du sahst nur diese öden deutschen Vernunftkisten vom Typ Taunus oder Strich Acht. Die Realität bis 17.30 Uhr war mit der jenseits davon nie in Einklang zu bringen, aber es gab den Diplomat.

Auch wenn dessen erste Version in meiner Kindheit schon vom B-Modell abgelöst worden war, rollten noch seltene Exemplare durch die Straßen - fünf Meter Automobil, davon gefühlte drei allein nur Motorhaube. Die blecherne Antwort auf die Frage: "Darf’s ein bisschen mehr sein?" Es hat schon fast den Reiz des Verbotenen, in einer Welt von Kohlendioxidreduktionen und explodierenden Benzinpreisen den Bollermann zu starten. Ein heiseres Räuspern, dann metallenes Hecheln. Unter der Haube wohnt ein mächtig großer Hund – schon beim ersten Gasstoß wird klar, der Hund ist auf Wunsch auch böse.

Ignorante Lenkung

"Er ist ein bisschen lauter als das Original", hat der Mann im Opel-Museum gesagt. Was soll’s, hier darf es gern ein bisschen mehr sein. Die Unterarme angespannt, folgen der forsche Griff ins Lenkrad und die erste Überraschung: Die Lenkung ignoriert Manöver unter zehn Grad weitgehend, die allerpräziseste ist sie nicht, aber so schön leichtgängig. Wir reden immerhin von den späten Sechzigern, als Servounterstützung für den Normalsterblichen noch Science Fiction war.

Auch das Bremspedal arbeitet mit Servohilfe. Mit langem Pedalweg täuscht es Schwäche vor, doch auch hier überrascht der Diplomat positiv: Trotz seiner 1,6 Tonnen erfordert das Dickschiff keine hypermentalen Fähigkeiten, mit denen sich die Verzögerungsabsicht des Vordermanns durch Gedankenlesen antizipieren lässt. Mag sein, dass die Bremsen beim Brettern durch den Steigerwald an ihre Grenzen stoßen, aber der Diplomat will ja kein Racer sein, sondern ein Cruiser. Liegt es am Opel-Schriftzug oder an der lausigen Belüftung, dass der Fahrer im Diplomat ständig geneigtist, die Seitenscheibe runterzukurbeln und den Ellbogen in den Wind zu stellen?

Bei all der amerikanisch geprägten Komfortbetonung wäre doch eine Klimaanlage mal eine Maßnahme gewesen. Zwar ist das Schiebedach von stattlichem Format, aber so knallt der Lorenz nur noch heftiger herunter. Die Lüftung erzeugt auch auf höchster Stufe nur ein laues Lüftchen, dafür aber ein stattliches Rauschen, das aber schon kurz nach der Autobahnauffahrt die akustische Oberherrschaft an Dichtungen von Fenstern und Schiebedach verliert. Bei zügiger Fahrt herrscht im Auto ein Lärmpegel wie bei einem Picknick unter einer Autobahnbrücke. Auf die Art ist es keine große Kunst, das Motorgeräusch zu kaschieren. Und wozu auch? Der Achtzylinder aus dem GM-Regal ist ja schließlich das Vorzeigestück des Diplomat. Dabei ist der 4,6-Liter mit 190 PS ja sogar nur der kleine V8 im Motorenprogramm.

Drehzahlmesser überflüssig

Einen Drehzahlmesser braucht der Diplomat nicht, es ist immer genügend Dampf da. Schon kommt kurz nach dem Wechsel auf die linke Spur einer dieser TDI-Hektiker, der mit aufgeblendeter Xenon-Batterie den weißen Riesen aus der Bahn zu drücken versucht. Nach wenigen Sekunden kommt der Hintermann nicht mehr näher, dann wird er im Rückspiegel langsam kleiner.

Das Coolste am Diplomat ist seine Zweigangautomatik. Die erste Fahrstufe ist eigentlich nur zum Anfahren nötig. Ab Tempo 50 schaltet das Getriebe ohne großes Wandlergewimmer zackig in den zweiten Gang, womit sich dann alle gewünschten Geschwindigkeiten mühelos erzeugen lassen. Der Tacho reicht bis 220, und der rote Pfeil erreicht das Ende der Skala mit größter Selbstverständlichkeit.

Die unaufdringliche Leichtigkeit des Motors erfordert wie bei modernen Luxusautos den ständigen Blick auf den Tacho. Irgendwie bist du im Diplomat immer zu schnell, ohne es zu merken. Gehst du vom Gas, entspricht der Anhalteweg in etwa dem eines Kreuzfahrtschiffes. Yacht mit Seegang. Auf Bodenwellen hebt und senkt sich die Karosserie dagegen wie eine kleine Yacht im Wellengang.

Wenn dieses Fahrwerk für damalige Verhältnisse als hart galt, dann wären bei weichen Varianten Warnhinweise vor Seekrankheit angemessen. Allerdings hält sich die Seitenneigung erfreulich in Grenzen. Zwar holt der Opel beim Wechsel von Steuerbord-auf Backbordbug kurz über, aber einmal in die Federn gesetzt, umrundet er auch Autobahnausfahrten zügig und stabil, ohne dass die Insassen nach Karabinerhaken zum Sichern suchen.

Eine wenig staatsmännische Figur macht der Diplomat tatsächlich auf kurzen Querfugen. Die Vorderachse poltert über die Unebenheiten, die hintere Starrachse hoppelt hinterher, neben den Windgeräuschen die einzige Enttäuschung bei diesem Nachmittagsausflug. Am Ende waren es aber wohl weder das Fahrgeräusch noch die Starrachse, die dem Diplomat den Durchbruch ins automobile Oberhaus verwehrten. Es lag eher an der Dünkelhaftigkeit der Wohlstandsgesellschaft, die dann doch nicht mit dem Opel vorfahren wollte. Schade.

Technische Daten
Opel Diplomat V8
Hubraum / Motor 5354 cm³ / 8-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit 205 km/h
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