BMW R 100/7 im Fahrbericht

Ave Maria - die Strich-7 von BMW

BMW R 100/7 Foto: Hardy Mutschler 13 Bilder

Beim Anblick dieser BMW R 100/7 mögen ehemalige Leser der Zeitschrift Motorrad Touren an eine Erscheinung glauben. Doch sie ist es leibhaftig: Maria, die schwarze BMW, in den frühen Neunzigern das Redaktionsmaskottchen.

Eine Warnung vorab: Machen Sie niemals den Fehler, Gegenständen Namen zu geben. Den Bentley oder die DS können Sie jederzeit verscherbeln. Aber sich vom Max oder der Brigitte zu trennen, ist fast unmöglich. In meinem Fall heißt sie Maria, ist eine BMW R 100/7, und lief mir zu, als die Reisezeitschrift Motorrad Touren in den frühen Neunzigern ihren Fuhrpark auflöste.

Aus der Gummikuh BMW R 100/7 wurde "Maria"

Ich gehörte zu den Redaktionsmitgliedern der ersten Stunde und lernte Maria noch unter ihrem Mädchennamen BMW R 100/7 kennen. Wir hatten uns schnell aneinander gewöhnt. Ihr dicker Boxermotor schüttelte sich beim Anlassen stets so Furcht erregend, dass man anfangs zur Reue neigte, ihn unsanft aus dem Schlaf gerissen zu haben. Und beim Anfahren entwickelte das ganze Gerät ein Eigenleben, als würden ein gutes Drittel der nominell 60 PS Motorleistung in alles Mögliche, nur nicht in Fortbewegungsenergie verwandelt. Eine echte Gummikuh eben - BMW-Kenner wissen, wovon die Rede ist.

Für die Kollegen aus der Sportfraktion war dieses Meisterwerk bayerischer Fahrzeugbaukunst ein anachronistischer Eisenhaufen. Wir aber mochten die BMW R 100/7 mit jedem Tag mehr, so dass es nur folgerichtig erschien, als Redaktionsmitglied Gerald sie irgendwann "Maria" nannte.

Mit spritzigen Vierzylindern hat so eine alte BMW R 100/7 in der Tat wenig gemein. Sie stampft brav und gefühlt gemächlich voran - und wer vergisst, bei jedem Gangwechsel eine Gedenksekunde einzulegen, damit sich die Schwungmassen wieder sortieren können, wird mit einem hässlichen Krachen aus dem Getriebe bestraft.

Charakter ist jedermanns Sache nicht

Dass die BMW R 100/7 zur Not kaum mehr als fünf Sekunden braucht, um eine Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern zu erreichen, merkt der Fahrer nur daran, wie schnell Autos, die soeben noch an der Ampel hinter ihm standen, im Rückspiegel geschrumpft sind. Bei Landstraßentempo knödelt der Boxer dann mit knapp 3.000 Undrehungen vor sich hin. Das kann ein moderner TDI kaum besser, wenngleich er unter ähnlichen Bedingungen auch nicht mehr Sprit konsumiert.

Als ich sie Anfang der 90er Jahre kaufte, standen bereits rund 100.000 Kilometer auf der Uhr. Doch damit ist eine Zweiventil-BMW längst nicht am Ende. Maria wurde viele Jahre lang als ganz normales Alltagsfahrzeug eingesetzt. Kleinere Reparaturen gehörten dazu. Mal leierte der Hauptständer aus, mal war die Batterie schlapp, was den abgebrochenen Kickstarter nach sich zog. Irgendwo im Schwarzwald riss der Seilzug der Vorderradbremse. Alles Kleinigkeiten, die einem den Spaß an einem Motorrad wie der BMW R 100/7 nicht wirklich verderben können.

Nach langem Dornröschenschlaf folgte die Reanimierung

Die Umstände wollten es, dass die BMW R 100/7 irgendwann dennoch in einen längeren Dornröschenschlaf fiel. Zum letzten Mal richtig gefahren wurde sie irgendwann Anfang des Jahrtausends. Als schließlich doch die Entscheidung zur Reanimierung fiel, zahlte sich einmal mehr aus, dass BMW seine Fahrzeuge seinerzeit mit einem Bordwerkzeug auslieferte, das zur Ausstattung einer halbwegs professionellen Heimwerkstatt vollauf genügt.

Zum Glück war alles noch da. Mag sein, das Geschüttel des nunmehr 32 Jahre alten Boxers ist noch ein bisschen ruppiger geworden. Mag ebenfalls sein, sie hebt sich beim Beschleunigen jetzt noch weiter aus den Federn. Gefühlt sind es gut 20 Zentimeter. Doch Maria, die treue BMW R 100/7, marschiert noch immer voran, wie ein zäher, alter Ackergaul.

Die Bremsen, nun ja. Hinten geht's einigermaßen. Mittlerweile tun auch die vorderen Stopper wieder halbwegs, was von ihnen erwartet wird: Den Bremshebel mit kräftiger Faust an den Lenker zu ziehen, führt dazu, dass hinten an der BMW R 100/7 ein rotes Licht aufleuchtet. Der nachfolgende Verkehr ist nun gewarnt. Dann nehmen vier Beläge zwei imposante Bremsscheiben in die Zange, worauf die Gabel einsackt. Allmählich setzt dann der Verzögerungsprozess ein. Zum Glück hat so eine Tausender eine nicht zu unterschätzende Motorbremswirkung.

Alles funktioniert noch. Irgendwie.

Die BMW R 100/7 stampft voran, als wäre sie froh, sich den Winterschlaf aus den Zylindern schütteln zu können. Bei Autobahnrichtgeschwindigkeit schnurrt der Boxer vor sich hin wie eine zufriedene Katze. Wenn es sein muss, steigt die Tachonadel auf über 180. Doch moderatere Drehzahlen tragen dazu bei, die Einstellintervalle fürs Ventilspiel nicht zu kurz werden zu lassen. Also Ausfahrt anpeilen und raus aufs Land. Obwohl es die dicken Zylinder so suggerieren ist diese Tausender kein Schwergewicht. Auch die schmalen Reifen tragen zu einem sehr handlichen Fahrgefühl und einem durchaus flotten Fahrstil bei.

Männer und Frauen im besten Alter schauen der schwarzen Marienerscheinung bei Ortsdurchfahrten ehrfürchtig hinterher. Auch manche der jüngeren blicken kurz von ihrem iPhone auf. Zeit für eine Gedenkminute. Die langsam abkühlende BMW R 100/7 steht knisternd im Licht der untergehenden Sonne. Perfektionisten würden sich mit Grausen abwenden. Rost hier, Lackfehler dort. Die Schönheitsreparaturen hatten sich bislang auf eine gründliche Entstaubung und den Einsatz der ohnehin vorhandenen Lackstifte beschränkt. Schwarz von Saab, Weiß von Renault. Sollte man ein altes Arbeitstier wirklich aufdonnern wie einen geschminkten Teenie? Vielleicht lasse ich Maria einfach so, wie sie ist. Zeit, die Entscheidung vorerst zu vertagen, ist genug da.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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