Fahrbericht Ferrari 355 Spider

Der fällige Modellwechsel vom 348 zum 355 Spider sorgt für frischen Wind. auto motor und sport fuhr den neuen offenen Ferrari dort, wo der Fahrtwind im Frühjahr so heiß weht, dass die Klimaanlage auch bei geöffnetem Verdeck kühlen muss: in der tunesischen Wüste.

Modellwechsel à la Ferrari sind unvergleichlich. In der Autobranche sowieso, und der Hochadel kann Krönungen auch nicht mehr besser inszenieren. Welcher neue König kann in puncto Aerodynamik, Tempo, Beschleunigung und Auspuffton gegen einen brandneuen Ferrari bestehen? Selbst ein so fließender Übergang wie von Spider zu Spider und von 348 zu 355 sorgt für Turbulenzen, die auf der Richter-Skala der Emotionen nur Hugo, der Hurricane, aufwühlt. In einem neuen Ferrari-Modell des Baujahrs 1995 stecken 49 Jahre Ferrari S.p.A., 66 Jahre Scuderia Ferrari und 90 Jahre Enzo Ferrari, die im konkreten Fall des F 355 Spider auf 380 PS Leistung, 40 Ventile und einen Knopf zum automatischen Öffnen und Schließen des Verdecks komprimiert sind. Im Archiv der Legenden passen auf einen Spider wie diesen zahlreiche Etiketten. Sein direkter Vorgänger, der 348 Spider mit dem 3,4 Liter- Vierventil-V8, wurde nur kurz, von Frühjahr 1993 bis Anfang 1995, gebaut. Der Stammbaum führt in Direttissima zurück zum 365 GTS/4, besser bekannt als Daytona Spider, von dem Anfang der siebziger Jahre 121 Stück modelliert wurden. Und war nicht, amici sportivi, sogar jener 330 P4, mit dem Chris Amon und Lorenzo Bandini 1967 in Daytona der letzte 24 Stunden-Sieg für Ferrari ge- lungen war, offen? Offen, also Spider, wie auch der letzte Werkswagen für die klassischen Sportwagen-Rennen, 312 PB, der 1972 vom Nürburgring bis zur Targa Florio zwölfmal gewonnen hatte. Diese Erinnerungen, im Kaufpreis von knapp 210 000 Mark serienmäßig enthalten und für Freunde des Hauses, die keine Kunden sind, sogar vollkommen gratis, beschleunigen die Phantasie schneller als jene 4,7 Sekunden, die das Werk für den Sprint von null auf 100 km/h angibt.

Der 355 paßt, dazu muß man kein staatlich geprüfter Ästhet sein, noch besser unter das kleine schwarze, ungefütterte Verdeck als der Vorgänger 348. Im Spiel der Kontraste wirken die hinteren Kotflügel eine Spur muskulöser, die Abrißkante am Ende der offenherzig gerippten Motorhaube einen Tick aggressiver und die Keilform der Gürtellinie noch einen Hauch dynamischer. Die Proportionen, aufeinander abgestimmt wie Spaghetti al dente und schärfstes Sugo Arrabbiata, lassen sich durch Verdeckversenken ins Brachiale verändern. Dann besteht der offene 355 Spider nur noch aus einem Faustkeil vorne, einer niedrigen Windschutzscheibe und einer Motorhaube, die so breit wirkt wie Po, der Fluß. Der Weg ins Freie beginnt wie ein modernes technisches Märchen. Nach dem Lösen eines Zentralverschlusses am Rahmen der Windschutzscheibe muß das Verdeck per Hand solange zurückgeschoben werden, bis ein Signalton ertönt, der den Schneuzgeräuschen des seligen Enzo Ferrari nicht unähnlich ist. Dann darf, bei eingeschalteter Zündung und angezogener Handbremse, der Knopf zur Verdeck-Automatik betätigt werden. Die Sitze fahren nach vorn, das Verdeck faltet sich in Ziehharmonika-Manier hinter die Rücksitzlehnen und schmiegt sich dann an die Trennwand zum Motorraum. Bevor eine Spider-Begleiterin aus ihrer angespannten Lage mit angezogenen Beinen auf dem nach vorn geschobenen Sitz automatisch befreit wird, muß sich ihr Pilot als Cavalliere del Lavoro bewähren. Die Mittelmotorposition verbietet jenen praktischen Verdeckkasten- Klappe-zu-Dach-weg-Mechanismus, der bei 170 000 Mark billigeren anderen italienischen Spider und Barchetta aus dem Fiat-Konzern inzwischen Standard ist. Deshalb Persenning, und ihre korrekte Montage berechtigt zu jenem Ehrentitel, den der alte Ferrari am liebsten gehört hat: Ingegnere. Erst wenn zwei Metallstege der Persenning in entsprechenden Klauen des zusammengeklappten Verdecks stecken, wird dieses – wieder automatisch – nun weiter zusammengepreßt, bis dadurch die Persenning hinter den Sitzen gestrafft und festgeklemmt ist. Nun noch acht Druckknöpfe geschlossen, und die Sitze fah- ren automatisch in ihre Ausgangsposition zurück. Im Kaleidoskop von Linien und Schwüngen, Formen und Kurven, aufgeschlitzten Flanken zum Lufteinlaß und vergitterten Metall-Ornamenten zum Luftauslaß kann der Fahrer nur eine gute Figur machen. Denn er ist, obwohl die Gürtellinie bloß 76,5 Zentimeter niedrig ist, bis zum Hals in ein Pininfarina- Modell gepackt, das auch ältere Herren aussehen läßt wie den jungen Jean Alesi. Ferrari gibt für den Spider die gleichen Fahrleistungen an wie für den 355 Berlinetta, der momentan zusammen mit dem Porsche Turbo als Maßstab in der Sportwagenbranche gilt. Selbst auf der hauseigenen Teststrecke Fiorano soll der Spider mit Rundenzeiten von 1:34 Minuten gleichschnell wie der Berlinetta sein.

Die Qualität einer steifen Karosserie beeinflußt erfahrungsgemäß die Empfindungen im Kopf. Der offene 355 Spider verpaßt seinen Passagieren eine einzigartige Kopf- und Gehirnwäsche. Anders als im noch teureren (223 000 Mark) und etwas stärkeren (394 PS) Mercedes SL 600, in dem Fahrgeräusche und Zugluft aufwendig weggefiltert werden, strapaziert der 355 Spider alle Sinnesorgane bis zum Anschlag. Obwohl als Passagier gut geschützt durch die flache Windschutzscheibe und den hinten hochgeschlagenen Kragen der Persenning, füllt der Fahrtwind die Nase mit Luft, die so heiß ist, daß sie direkt aus einem Turbolader geblasen scheint. Und von hinten schlägt einem der 3,5 Liter-V8 mit Fünfventiltechnik die Ansaug- und Auspuffgeschichte als explosives Hörspiel um die Ohren. Der Leistungs-Nachbrenner ab 7000/min sorgt neben Vortrieb auch für eine Gänsehaut, die bis ins Hörzentrum reicht. Sensible Ohren werden im offenen Spider noch besser geschult als im Berlinetta und hören ungefiltert, daß – bei höherer Motortemperatur und offenen Drosselklappen – ein Ventil nun jene zweite Auspuffanlage mit zwei kleineren Katalysatoren öffnet, die weniger Abgasgegendruck erzeugt und den Motor noch viel freier atmen läßt. Deshalb schwebt der abgehärtete Spider-Pilot im offenen 355 nicht ausschließlich durch eine grüne Natur aus Luft und Duft und Sonne, sondern auch durch ein Klanggewitter, wie es in Maranello und Umgebung nur noch der Modeneser Heldentenor Luciano Pavarotti loslassen kann. Weitere Steigerungen der Zauberformel Ferrari mal Spider sind in Theorie und Technik einerseits unter der Typenbezeichnung F 50 längst dargestellt und andererseits auch im 355 schon Realität. Wer die Alu-Kugel des Schalthebels in der Kulisse nach links vorne in den Retourgang drückt, bekommt beim Rückwärtsfahren die stärkste Dosis Spider ins Gesicht gedrückt, die derzeit auf dem Markt ist. Dann weht der Fahrtwind nämlich jene flimmernde Luft, die aus dem Motorraum dampft, direkt ins Cockpit.

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