Fahrbericht Mercedes ML 320

Obwohl die M-Klasse für jede Schlammschlacht gerüstet ist, zählen befestigte Straßen zu ihrem bevorzugten Einsatzgebiet. Erste Fahreindrücke vom neuen Mercedes-Geländewagen aus den USA.

Wenn ich damals schon davon gewußt hätte, würde meine Tochter Mercedes heißen“, schwärmt Jim, der vor vielen Jahren als amerikanischer Soldat in Deutschland Vater der mittlerweile erwachsenen Susan wurde und längst wieder mit der Familie im US-Staat Alabama lebt. Die Menschen hier sind stolz. Nicht nur, weil zum ersten Mal in ihrem Bundesstaat ein neues Auto entsteht, das ihnen Arbeitsplätze verschafft, sondern auch, weil es ein Mercedes ist. „Ich fahre schon den dritten“, erklärt Elliot mit der tief ins Gesicht gezogenen Schirmmütze, der extra stoppt, um die neue M-Klasse anzuschauen.

„Mercedes ist teuer, aber die Qualität ist gut.“ Bevor er weiterfährt, will er wissen, wieviel Hubraum der Motor hat. 3,2 Liter in der neuen V6- Ausführung, nicht viel nach amerikanischen Maßstäben. Das weiß auch Mercedes und bereitet deshalb bereits die Markteinführung eines Achtzylinders mit 4,3 Litern für 1998 vor. Das klingt dann selbst in US-Ohren etwas imposanter. Bei dem Offroader, der nach BMW-Einspruch gegen M nun ML heißt und um den Produktionsort Tuscaloosa zu Erprobungsfahrten über die Highways rollt, handelt es sich um ein bilaterales Produkt. Nicht nur Amerikaner, auch Deutsche sollen an dem 4T4 Gefallen finden, und so müssen beide Seiten Kompromisse eingehen. „Für den US-Markt hätten wir die M-Klasse ruhig noch etwas größer bauen können“, erklärt Entwicklungs-Projektleiter Gerhard Fritz, „doch dann hätte das Auto nicht mehr nach Deutschland gepaßt.“

Schließlich empfiehlt sich die Neuentwicklung mit permanentem Allradantrieb zwar als reinrassiger Geländegänger, aber 95 Prozent der Besitzer auf beiden Seiten des Atlantiks bewegen sich ausschließlich auf Asphalt in der Stadt. Und da freuen sich besonders die Deutschen beim Rangieren in enge Parklücken über jeden Zentimeter weniger Länge. Mit 4,59 Meter mißt der Deutsch-Amerikaner 20 Zentimeter weniger als eine E-Klasse, die er in der Höhe mit plus 34 Zentimeter jedoch deutlich übertrifft. Gleichwohl hat sich Mercedes bemüht, den Offroader in jeder Hinsicht limousinenhaft zu gestalten, angefangen beim Styling: „Wir wollten auf keinen Fall einen Pseudo-Military-Look, der viele Geländewagen auszeichnet,“ sagt Andreas Langenbeck, verantwortlich für Innen-Design.

„Das Auto soll freundlich und nicht aggressiv wirken“, betont auch Mercedes-Mann Fritz. Die Erfordernisse eines Sport Utility genannten Freizeitfahrzeugs in Kombination mit den Qualitäten einer Limousine standen bei der Entwicklung an erster Stelle. Kein Wunder also, daß bereits der Einstieg mehr an eine E- als an eine G-Klasse erinnert. Kletterpartien auf dem Weg zu den Sitzen sind jedenfalls nicht notwendig. Innen erscheinen die Polster aus Vollschaumstoff treuen Mercedes- Fahrern neu, fehlt den Sitzen doch der klimatisch günstige Unterbau mit Gummimatte und Roßhaar, über den die Limousinen verfügen.

 Trotzdem sitzt man bequem und genießt die gute Rundumsicht als Folge der erhöhten Position. Vertraute Mercedes-Atmosphäre schaffen nicht nur der Stern im Lenkrad, sondern auch bewährte Drehschalter und In- strumente. Aus dem Rahmen fallen aber die Lenkstockhebel, die, bereits aus der V-Klasse bekannt, unförmig wirken und bei der Bedienung einen billigen Eindruck hinterlassen. Die eingesetzten Kunststoffe beweisen ebenfalls, daß Mercedes sparen mußte. „Wir wissen, daß wir im Hinblick auf die Qualität ans untere Limit gegangen sind“, so Mercedes USAPräsident Andreas Renschler. „Aber wir wollten den Preis unter 35 000 Dollar halten, um wettbewerbsfähig zu sein.“ Auf dem Niveau der Konkurrenten wie Mitsubishi Pajero und Ford Explorer bewegt sich das gute Raumangebot. Nicht nur Fahrer und Beifahrer verfügen über viel Bewegungsfreiheit, auch in der zweiten Reihe wurde der Platz für Kopf und Beine großzügig bemessen.

Nur die Fußfreiheit könnte etwas üppiger ausfallen. Um ein hohes Maß an Variabilität zu erreichen, lassen sich die hinteren Sitzlehnen einzeln umlegen, die Bank ist zusätzlich im Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel vorklappbar, so daß eine ebene Ladefläche entsteht. Ein Kofferraumvolumen von 613 Liter, das sich auf maximal 2020 Liter steigern läßt, darf selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten als großzügig bewertet werden. Großzügig fielen auch die Investitionen in das Fahrwerk aus. Die M-Klasse, die auf einem stabilen Leiterrahmen ba siert, verfügt vorn und hinten über Einzelradaufhängung an Doppelquerlenkern. Derart ausgerüstet bietet der Offroader ein hohes Komfortniveau mit einer für amerikanische Verhältnisse straffen Abstimmung, die für Deutschland noch ein wenig modifiziert werden soll.

Über kleine Fahrbahnunebenheiten rollt der ML etwas steifbeinig ab, große Bodenwellen quittiert er dagegen mit sanften, aber kontrollierten Vertikalbewegungen. Der gute Komforteindruck leidet nur etwas unter den sich frühzeitig einstellenden Windgeräuschen bei Modellen mit Schiebedach, doch im Hinblick auf das höhere Geschwindigkeitsniveau in Deutschland will Mercedes dieses Problem mit zusätzlichen Dichtungen lösen. Als stadt- und straßentauglich erscheint die M-Klasse allein deshalb, weil sie sich leicht dirigieren läßt und Kurven weitgehend neutral ohne nennenswerte Karosserieneigung umrundet. Das Rangieren erleichtert auch die exakte Servolenkung.

Zum Charakter des Zweitonners paßt der 218 PS starke 3,2 Liter-V6, der in Verbindung mit der Fünfstufen-Automatik auf Gas gut anspricht und bei Bedarf zügig beschleunigt – laut Werksangabe in weniger als zehn Sekunden auf 100 km/h. Sollte der ML wider Erwarten doch einmal vom rechten Weg abkommen, genügt ein Knopfdruck auf die LowRange- Taste. Dann wird der permanente Allradantrieb mit Zentraldifferential von einer Geländereduktion unterstützt, die ein hohes Motordrehmoment bei zugleich niedriger Drehzahl der Antriebswellen ermöglicht. Die Kraftverteilung an alle vier Räder erfolgt über ein elektronisches Traktionssystem (4-ETS), das mechanische Differentialsperren, wie sie zum Beispiel beim G-Modell zum Einsatz kommen, ersetzt. Dreht ein Rad auf glattem Untergrund durch, kommt es automatisch zu einem Bremseingriff.

Extreme Steigungen stellen für die M-Klasse genausowenig ein ernsthaftes Hindernis dar wie rutschige Flußläufe – es sei denn, sie sind tiefer als 50 Zentimeter. Dann saugt der Motor Wasser statt Luft an. In die Luft gehen könnten deutsche Offroader, weil sie noch bis Frühjahr 1998 warten müssen, bis der Verkauf mit dem Vierzylinder 230 für unter 60 000 Mark und dem rund 65 000 Mark teuren 320 beginnt. Die 1997 gebauten Modelle bleiben dem neuen Mercedes- Produktionsland USA vorbehalten.

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Technische Daten
Mercedes ML 320
Grundpreis 42.688 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4587 x 1833 x 1776 mm
KofferraumvolumenVDA 633 bis 2020 l
Hubraum / Motor 3199 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 160 kW / 218 PS bei 5600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 195 km/h
Verbrauch 13,8 l/100 km
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