Fahrbericht Volvo S80 2.4

Frischer Nordwind in der oberen Mittelklasse: Die S80-Limousine von Volvo soll markentypisch sicher und solide sein, bricht aber als Nachfolger des S90 auch mit einigen Volvo-Traditionen. Sie ist mutig gestylt, hat Frontantrieb sowie quer eingebaute Fünf- und Reihensechszylindermotoren.

Im Haifischbecken des internationalen Autowettbewerbs, wo – siehe Zusammenschluß von Daimler und Chrysler, BMW und Rover oder das Ringen um Rolls-Royce – zur Zeit das große Fressen regiert, ist Volvo nur ein kleiner Fisch, aber ein schmackhafter. Denn die schwedische Firma, die mit nur 400 000 Autos pro Jahr neben Saab, Isuzu und Ssangyong zu den Branchenzwergen zählt, gilt als hochprofitabel und hat ein blendendes Image. Kein Wunder, daß mit Renault 1993 schon einmal ein Großkonzern Appetit auf den Schwedenhappen verspürte, sich aber am Widerstand der Volvo-Aktionäre die Zähne ausbiß.

Das Scheitern dieser Fusion wird bei Volvo heute noch als glückliche Fügung gesehen: „Das hat uns zwar bei der Entwicklung unseres neuen Topmodells S80 zwei Jahre gekostet“, meint Projektleiter Hans Wikman, „aber den Glauben an unsere eigene Stärke gefestigt.“ Zudem seien die Mentalitätsunterschiede zwischen Franzosen und Skandinaviern so groß wie das gemeinsam beschlossene Luxuswagenprojekt gewesen: Ursprünglich schwebte beiden Partnern als Nachfolger für Volvo S90 und Renault Safrane ein Auto im S-Klasse-Format vor.

Nach dem Platzen des Deals nahm Volvo von diesem Größenwahn schnell wieder Abschied. Der Startschuß für das Projekt P23, so der interne Code, fiel im Frühjahr 1995. Vorgabe: eine Oberklasse-Limousine mit volvotypischen Merkmalen wie Geräumigkeit, Komfort, Sicherheit und Solidität als Konkurrent zu Audi A6, Mercedes E-Klasse, Fünfer-BMW und natürlich auch zum Saab 9-5. Ein weiteres wichtiges Entwicklungsziel: „Volvo vom Image eines Kombi-Herstellers befreien“ (Designchef Peter Horbury). 

Denn so positiv der Erfolg von Kombis wie V90, V70 und V40 mit bis zu 85 Prozent Verkaufsvolumen an den jeweiligen Baureihen auch sein mag, so fatal wirkt er sich auf den prestigeträchtigeren Status als Limousinen-Hersteller aus. Dort spielt Volvo mittlerweile nur noch eine Nebenrolle. „Deshalb“, so Horbury, „wollen wir Kombis und Limousinen strenger voneinander trennen.“ Innerhalb einer Reihe werden Limousine und Station Wagon nicht mehr parallel angeboten.

Den S80 gibt es nur als Stufenheck-Limousine. Auf gleicher Plattform, aber in Größe und Preis darunter positioniert, wird später ein Kombi kommen: der V70-Nachfolger. Eine weitere Stufe tiefer folgt dann die Limousine S60. Diese drei neuen Modelle sollen zusammen mit den ebenfalls bald zur Renovierung anstehenden V40/S40-Versionen dazu beitragen, daß Volvo mittelfristig 500 000 Autos pro Jahr verkaufen kann. Die Pläne für einen oberhalb des S80 angesiedelten Volvo (S90 oder 100) mit V10-Motor wurden hingegen auf Eis gelegt.. Der S80 ist Realität, an die sich das Auge erst gewöhnen muß. Denn das Styling wirkt auf den ersten Blick mehr auffällig als gefällig.

Aber es ist typisch Volvo: mit aufrechtem Kühlergrill, stark herausmodellierten Sicken in der Motorhaube und einem Kofferraumdeckel als ausgeprägte Erhebung in der Heckpartie. Keine Frage indes, daß der S80 viel hermacht. Dazu trägt schon seine stattliche Erscheinung bei: Mit 4,82 Meter ist seine Karosserie zwar fünf Zentimeter kürzer als die seines Vorgängers S90, aber ein paar Fingerbreit länger als ein E-Mercedes. Im Innenraum herrschen vor allem auf den Rücksitzen opulente Platzverhältnisse. Kopf- und Beinfreiheit sind in Hülle und Fülle vorhanden, dazu gibt es nützliche Details wie etwa auf Knopfdruck zusammenfaltbare Fond-Kopfstützen für bessere Sicht nach hinten. Besonders übersichtlich ist die Karosserie dennoch nicht, und sie hat auch keine handfesten Bügeltürgriffe mehr, sondern weniger praktische Klappgriffe – „ein Zugeständnis an das Styling“ (Designchef Horbury). 

Überhaupt wurden beim neuen Flaggschiff einige Volvo- Traditionen über Bord geworfen. „Um zu vereinheitlichen und Kosten zu senken“ (Projektleiter Wikmann), hat der S80 Front- statt Hinterradantrieb. Eine allradgetriebene Version ist in Vorbereitung. Um Platz zu sparen, sind die Fünf- und Sechszylindermotoren (siehe Tabelle Seite 28) quer montiert – ein quer installierter Reihensechszylinder ist seit dem Austin Princess aus den sechziger Jahren eine Novität. Aber auch Daewoo arbeitet an einem Reihensechser zum Quereinbau. Die Lage des Motors erforderte ein neues, sehr kompakt bauendes Fünfgang-Schaltgetriebe und nötigte bei der Automatikversion einen Kompromiß ab: Weil es keinen passenden Fünfgang-Automaten gibt, müssen im S80 vier Fahrstufen – auf Wunsch mit einem Geartronic genannten, zusätzlichen Handschaltmodus – genügen. Dem Fahrkomfort tut dies keinen Abbruch.

Beide Sechszylinder, sowohl der 2,9 Liter- Sauger mit 204 PS als auch der 2,8 Liter-Biturbo mit 272 PS, harmonieren prima mit der weich schaltenden und gut gestuften Automatik. Darüber hinaus ist der S80 der erste Volvo, der seine Passagiere mit einem wirklich geschmeidigen Abrollund Federungskomfort verwöhnt – „ein Thema, dem wir uns mit besonderer Hingabe gewidmet haben“, wie Hans-Jürgen Karalus, Technischer Direktor von Volvo Deutschland, versichert. „Unser Maßstab war der Fünfer-BMW.“ Um in der Liga der Besten bestehen zu können, hat Volvo für den S80 auch ein besonders umfangreiches Technik- und Sicherheitspaket geschnürt: So sind nicht nur Airbags für Fahrer und Beifahrer sowie Sidebags serienmäßig, sondern auch zwei Inflatable Curtains (aufblasbare Vorhänge) – Luftschläuche, die sich beim Seitencrash schützend zwischen den Köpfen der Insassen und den Seitenfenstern und Dachholmen ausbreiten.

Zusätzlich zu den schwedischen Gardinen hat der S80 einen integrierten Kindersitz und Vordersitzlehnen, die definiert nachgeben, um den Peitscheneffekt beim Heckaufprall abzufedern. Fahrwerksseitig ist der S80 ab Werk mit ABS und Antriebsschlupfregelung (ab 1999 auch ESP) ausgerüstet. Für den Innenraum gibt es auf Wunsch ein integriertes Autotelefon mit Freisprechanlage und Fernbedienung vom Lenkrad aus oder für den US-Markt wichtige Features wie Approach-Light: Über die Fernbedienung der Zentralverriegelung kann das Auto auf Knopfdruck innen und außen illuminiert werden. 25 Prozent der S80-Produktion sind für die USA vorgesehen. In Deutschland, wo der Verkauf am 10. Oktober zu Preisen ab 53 500 Mark startet, sollen jährlich 6000 Einheiten abgesetzt werden. Gegenüber den Verkaufszahlen des Vorgängers wäre dies ein dreifach Hoch.

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