Fahrbericht VW Sharan 2.0

Die neue Großraumlimousine Sharan von Volkswagen, die in Zusammenarbeit mit Ford gebaut wird, schließt die Lücke zwischen dem Passat Variant und dem Caravelle – ein weiterer Minivan zum Schöner Wohnen auf vier Rädern.

Der Sharan ist eines der wenigen Automobile, das nicht durch Über- oder Untersteuern von sich reden machen wird, sondern überwiegend vor oder nach Steuern: Wohl kaum ein anderes Projekt der Autoindustrie wurde durch Steuergelder stärker subventioniert als die AutoEuropa Automóveis Lda., wie das Gemeinschaftsunternehmen von Ford und VW im portugiesischen Palmela bei Lissabon genannt wird. Der neue Van, bei VW als Sharan, beim Partner Ford als Galaxy im Programm geführt, wird dort in einer nagelneuen Fabrik gebaut, die unter Volldampf 3000 neue Arbeitsplätze bieten soll, plus 1500 Stellen bei den angesiedelten Zulieferern.

Die Europäische Union und der Staat Portugal ließen sich nicht lumpen: Ein Drittel der Kosten für die rund fünf Milliarden Mark teure Anlage werden subventioniert, dazu kommen ein Bündel steuerlicher Erleichterungen für die Palmela-Buchführung sowie ein besonderes Gastgeschenk des strukturschwachen Landes – 90 Prozent der Trainingskosten der portugiesischen Belegschaft werden ebenfalls übernommen. Das Steuer-Sponsoring von Palmela orientierte sich an Optimaldaten, die dem Werk volle Belegung und Auslastung bei einer Jahresproduktion von 180 000 Vans garantierten. Von diesen Zahlen rückte speziell Volkswagen mittlerweile deutlich ab – lediglich für 53 000 Sharan und Galaxy, wird in Wolfsburg geschätzt, sei beispielsweise im zweiten Halbjahr 1995 Bedarf.

Viel Brisanz also beim Debüt eines Autos, das im Fall des Sharan einen stimmigen Platz zwischen dem VW Passat Variant und dem Bus Caravelle einnimmt: Der Sharan liegt in den Außenmaßen genau zwischen diesen beiden Modellen, ist mit 4,62 Metern zwei Zentimeter länger als der Passat, aber vier Zentimeter kürzer als der Bus. Oder die Höhe des Sharan – mit 1,73 Meter überragt der Van den Variant um 25 Zentimeter, ist aber 21 Zentimeter niedriger als der Caravelle. Den entscheidenden Hinweis, daß es sich beim Sharan um ein durch und durch neukonstruiertes Auto handelt, gibt die Breite des Wagens (1,81 Meter):

Neun Zentimeter mehr als beim Passat, drei weniger gegenüber dem Bus, bedeuten hier, daß für den Van eigens eine völlig neue Plattform geschaffen wurde, die mit keinem anderen VW-Modell geteilt werden kann. Für Design und Entwicklung des Sharan und des Ford Galaxy zeichnet Wolfsburg verantwortlich. Daß eine Ford- Eingreiftruppe ständig an Bord war, belegt ein Blick auf die Armaturentafel des Sharan, wo viele Stilelemente des Ford Mondeo zu entdecken sind. Dies bestätigt ein VW-Entwickler, der zwar Wolfsburger Design- Urheberrechte reklamiert, beim Innenraum aber eine gewisse Ford-Note einräumt: „Hier und da mußten wir Ford ein paar Kompromisse zugestehen.“

Der Sharan kann zum Siebensitzer aufgerüstet werden, mit aller Variabilität der Bestuhlung, wie sie moderne Vertreter der Großraum-Limousinen eigentlich durchgängig aufweisen. Ab dem Ausstattungsniveau GL, der zweiten Stufe zwischen CL-Basis und Carat- Luxus, sind beispielsweise die Sitze von Fahrer und Beifahrer um 180 Grad drehbar. Die bis zu sieben Einzelsitze sind überdies alle in Längsrichtung verstellbar und können auch umgedreht am Wagenboden fixiert, ihre Rücklehnen als Tische oder Ablagen genutzt werden. Der Wagenboden ist durchgängig glattflächig und wird dies auch in der Allradversion Sharan Syncro bleiben, die Ende 1995 auf den Markt kommt. Kein Zweifel: Der Sharan ist ein wohldurchdachtes Transportmittel für family oder fun. Dem entspricht auch ein umfangreiches Zubehörprogramm zur weiteren Individualisierung des Autos: Integrierte Kindersitze können ebenso geordert werden wie eine Dachreling oder eine Leder-Ausstattung. Beim Sharan-Antrieb begnügt sich VW hingegen bislang mit drei Kandidaten – alles wohlbekannte VAG-Motoren.

Das Sharan-Volumenmodell, dem ein Verkaufsanteil von bis zu 80 Prozent zugetraut wird, besitzt den Konzern-Zweiliter mit 115 PS Leistung. Darüber rangiert das Topmodell mit dem 174 PS starken VR6-Motor. Beide Benziner sind mit Fünfgang-Handschaltung von Ford oder mit VW-Automatik zu haben. Vorläufig nur mit Fünfgangschaltung gibt es im Sharan den TDI-Dieselmotor mit 90 PS, dem im kommenden Jahr eine leistungsgesteigerte Version mit 110 PS beigefügt wird. Dieser weiterentwickelte Direkteinspritzerdiesel, dessen Mehrleistung vor allem durch einen neuartigen Turbolader mit variabler Geometrie erzielt wird, bleibt ein VW-Special, und er wird nicht im Galaxy angeboten. Der Sharan mixt überzeugend die Fahrdynamik einer Limousine mit den gesteigerten Ansprüchen an die Ladekapazität: Die Sitzposition unterscheidet sich kaum von der herkömmlicher Limousinen, zumal Lenkrad und Fahrersitz längs- und höhenverstellbar ausgeführt sind. Wo genau die abfallende Schnauze des Sharan endet, kann der Fahrer allerdings nur vermuten. Und sicher ist auch, daß ihm in diesem Auto die Klima- Katastrophe droht:

Durch die sehr flach angestellte, riesige Frontscheibe werden die darunterliegenden, voluminösen Kunststoffverkleidungen der Armaturentafel extrem aufgeheizt – Sharan-Käufer sind wohlberaten, die Option auf die Klimaanlage wahrzunehmen. Die Lenkung des Sharan erlaubt die feinfühlige Kontrolle über einen Van, der behende wie eine Mittelklasse-Limousine unterwegs ist. Die Fahrstabilität in Kurven ist beachtlich, der Geradeauslauf bei schneller Autobahnfahrt problemlos.

Abzuwarten bleibt allerdings, wie die im Windkanal optimierte Karosserie des Fronttrieblers (Luftwiderstands-Beiwert 0,33) auf Seitenwind reagiert. Bei den Benzinmotoren überzeugt besonders der Zweiliter mit enormem Durchzug und durchaus zügigen Fahrleistungen, vor allem in Kombination mit dem exzellent zu schaltenden Getriebe von Ford. Daß der Standort Portugal für die Autoindustrie kein Nachteil bei der Verarbeitung sein muß, bewiesen die ersten Testexemplare von Volkswagen nachdrücklich – kein Klappern, kein Scheppern auch bei äußerst holpriger Piste.

Vielmehr bietet der Sharan einen vorzüglichen Fahr- und Abrollkomfort, bei dem auch die Geräuschbelästigung überraschend gering ausfällt. Aber in Sachen Verarbeitungsqualität herrscht in Palmela bislang Ausnahmezustand: Noch ist eine Hundertschaft VW-Bediensteter abkommandiert, die Sharan-Qualität abzusichern.

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