Ferrari 599 GTB Fiorano

Glut im Bauch

Foto: Hans-Dieter Seufert 19 Bilder

Der stärkste Saugmotor in einem Frontmotor-GT wird beim Ferrari 599 GTB von feinster F1-Technologie bei Schaltung und Traktionskontrolle flankiert. Gleichzeitig wird der Pilot mit einem Service verwöhnt, den er bis jetzt nur in Luxusherbergen geboten bekamen.

Der linke Daumen übernimmt das Dirigieren der Ouvertüre. Ein Druck auf den Startknopf links unten am Volant, und das Philharmonische Orchester Maranello intoniert die heimliche italienische Nationalhymne – die Klangwolke eines Ferrari-V12. Sobald der Gasfuß die Musik vorgibt, kippt die Tonlage ins dramatische Fach: Ein heiserer Pavarotti würde ähnlich klingen.

Gleichzeitig verwöhnt der neue Ferrari 599 GTB Fiorano den Piloten mit einem Service, den Ferrari-Fahrer bis jetzt nur in Luxusherbergen geboten bekamen. Die sequenzielle F1-Schaltung verfällt nach dem Anlassen des Motors – selbsttätig – in den Automatikmodus. An den Recaro-Sitzen können Seitenwangen und Polsterhärte verstellt werden. Leicht könnte man sich dank perfekter Sitzposition und sonorem Motorsound nun in einer wohligen Wellness- Oase wähnen. Bevor es soweit kommt, zuckt der rechte Zeigefinger im Reflex zur Schaltwippe und schnippt den ersten Gang rein. Klack, hurra, der manuelle Schalt-Modus ist da. Gas und weg. Ohne Elektronik würde sich die Szenerie in Rauch auflösen. So stürmt der 599 GTB Fiorano einfach auf und davon,

in 3,7 Sekunden von null auf 100 km/h, wenn’s sein muss. Tritt der Ferrari Enzo Ferrari seine Fahrer mit der Wucht eines Flugzeugträger- Katapults in den Rücken, so zerrt der Sechsliter-V12-Frontmittelmotor wie eines jener Gummibänder, die Segelflugzeuge hoch in den Himmel schleudern. Doch rund 160 Kilogramm Abtrieb bei Tempo 300 halten den 599 am Boden; die Bridgestoneoder Pirelli PZero-Reifen verzahnen sich mit der Fahrbahn.

Das neue semiaktive Dämpfersystem vom amerikanischen Zulieferer Delphi reagiert vier Mal so schnell wie das alte Skyhook- System von Sachs. Wie jede Publikumsattraktion kann auch der 599 GTB Fiorano diverse Steigerungsstufen offerieren. Ab etwa 3500/min öffnen Ventile im Auspuffsystem, es ertönt Pavarotti heiser mal zwölf. Bei knapp 8400/min, unmittelbar am Begrenzer, erklingt der leibhaftige Enzo Ferrari, nicht das Auto, sondern der legendäre Commendatore, Presidente, Ingegnere bei einem seiner unvergleichlichen Wutanfälle, wie sie Niki Lauda in seinem Buch „Protokoll – meine Jahre mit Ferrari“ überlieferte.

Hinten Enzo, vorne Schumi. Wer den Karbon-Kit Interieur 2 aus dem Carrozzeria Scaglietti-Programm bestellt, bekommt neben Einstiegsleisten und Türverkleidungen auch das Lenkrad in Kohlefaser-Verbundmaterial.

Im oberen Karbonbogen ist eine LED-Anzeige integriert. Bei 6000/min flackert die erste rote Leuchtdiode auf. In 500/min-Abständen wird der Fahrer noch vier Mal von seinem Lenkrad geblitzt. Entweder jetzt vom Gas oder schumimäßig schalten, denn am Begrenzer knallt die F1- Schaltung den nächsten Gang automatisch rein, ein einzelner harter Schlag, 100 Millisekunden Zugunterbrechung. Der aktuelle Ferrari F1-Rennwagen bewerkstelligt dies in 80 Millisekunden, der laszive Wimpernschlag von Monica Belucci dauert dagegen ganze 210 Millisekunden.

Ist das Manettino, der Fahrprogrammschalter rechts unten am Lenkrad, auf das Raceprogramm gestellt, erscheint im Display links vom zentralen Drehzahlmesser eine Stoppuhr samt Vmax-Anzeige. Bevor es soweit kommen kann, steht plötzlich Herr Schumacher hinter der Box der Ferrari-Teststrecke Fiorano, um die Shakedown- Tests von Luca Badoer für den Grand Prix in Imola zu beobachten. Der Rekordweltmeister parliert mit Ferrari-Cheftester Dario Benuzzi in einwandfreiem Italienisch über den 599 GTB, bevor er ins Cockpit rutscht. Schumi fährt auch eine Gran Turismo Berlinetta (GTB) mit 5999 cm3 (599) wie ein Weltmeister und erzählt locker, wie er in die Abstimmung des Fahrwerks und der Elektronikprogramme eingebunden ist. In der engen Rechtskurve hinauf zur Brücke meint er: „Die Traktionskontrolle ist mir immer noch etwas zu weich.“

Doch vor der Dritte-Gang-Linkskurve zurück auf die Boxengerade hat er sein Idealprogramm gefunden: keine Sensoren, keine Elektronik, nur 620 PS samt den Talenten eines Michael Schumacher.

Ein klassischer Powerslide, das Heck wischt Richtung Appartmenthäuser, die Schar der Tifosi hinter dem Zaun bekommt feuchte Augen, bevor Schumi so gefühlvoll korrigiert, dass sich auch der Beifahrer fast wie ein Weltmeister fühlen darf. F1-Trac nennt Ferrari seine Antriebsschlupfregelung, eine Weiterentwicklung der F1-Idee.

Die Abteilungen des Hauses sind inzwischen so systematisch vernetzt, dass die High Tech der Formel 1 wie eine Flutwelle in die Entwicklung der Straßensportwagen schwappt. F1-Trac verfügt über ein Softwareprogramm, das die hinterlegten Idealwerte der Fahrzeugdynamik mit dem Istzustand vergleicht und entsprechend sanft regelt – allerdings ohne Bremseneingriff wie beim traditionellen ASR Traction Control System, das in den Fahrprogrammen Wet und Ice arbeitet. F1-Trac verbessert die Rundenzeit des Fiorano auf seiner Hausstrecke Fiorano um 1,5 Sekunden gegenüber einem 599 GTB im ASR-Modus.

In nackten Zahlen: 1:27 min für ein rund 1700 Kilogramm schweres Frontmotor-Coupé. Der Ferrari Enzo Ferrari (1365 kg) packt die Teststrecke in 1:25,30 min, dessen (Mittelmotor-)Vorgänger F 50 (zirka 1330 kg schwer) in 1:30 min. Im Fiorano steckt neben der Rennstrecke Fiorano eben auch eine ordentliche Portion Michael Schumacher.

Zur Startseite
Technische Daten
Ferrari 599 GTB Fiorano
Grundpreis 247.520 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4665 x 1962 x 1336 mm
KofferraumvolumenVDA 320 l
Hubraum / Motor 5999 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 456 kW / 620 PS bei 7600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 330 km/h
Verbrauch 21,3 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Die neue Ausgabe als PDF
SUV Ssangyong Korando leaked Ssangyong Korando Neuauflage debütiert in Genf Cupra Terramar Cupra Terramar (2020) SUV-Coupé mit 300 PS
Motorsport Kimi Räikkönen - Alfa Romeo - Barcelona - F1-Test - 18. Februar 2019 Räikkönen-Debüt für Alfa-Sauber "Erstes Gefühl ist sehr positiv" Niki Lauda & Alain Prost - Formel 1 - 1984 Packende WM-Entscheidungen Ein halber Punkt macht den Titel
Oberklasse Alpina B7 Biturbo 2019 Alpina B7 (2019) Untenherum mit viel mehr Druck Care by Volvo Auto-Flatrate Auto-Flatrate statt Kauf Alle Auto-Abos im Überblick
Anzeige
SUV Ssangyong Korando leaked Ssangyong Korando Neuauflage debütiert in Genf Suzuki Jimny 2018 Fahrbericht 4. Generation Suzuki Jimny (2018) In Deutschland vorerst wohl nicht mehr verfügbar
promobil
Flowcamper Frieda, Fritz, Frieda Stern (2019) News Mercedes-Benz: Transporter in Second Life La Strada Avanti H Plus (2019) La Strada Avanti H Plus (2019) Winterfester 6,36-Meter-Bus mit Hubbett
CARAVANING
Gaspedal Gaspedal-Tuning von DTE Systems Sportlich unterwegs mit der Pedalbox Euro 6d-Temp Neue Abgasnorm 2019 100 Zugwagen mit Euro 6d-Temp
Alle Automarken von A-Z
Markenbaum Sideteaser Erlkönige, Neuvorstellungen und Tests von allen Marken