Ferrari P4/5

Einzel-Schicksal

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Ferrari-Einzelanfertigungen mit maßgeschneiderten Pininfarina-Karosserien gehören zu den wertvollsten Sammlerstücken überhaupt. Mit dem Glickenhaus P4/5 erweitert Pininfarina diese Kollektion nun um ein zeitgenössisches Juwel.

Grenzen wir die Obsessionen der wirklich harten Ferraristi mit dem Zirkel ein, bilden etwa fünf Modelle den innersten Kern aller Leidenschaften: die 375 MM Berlinetta Aerodinamica Ingrid Bergman 1954, der 275 GTS/4 NART Spider 1967, ein 250 LM 1963, ein P4 1967 und ein junger Enzo Ferrari.

Wer damals zu kurz kam, weil er nicht Roberto Rossellini, Gianni Agnelli, König Leopold von Belgien oder Lorenzo Bandini hieß, sollte die James Glickenhaus-Karriere in Betracht ziehen. Glickenhaus, ein gelernter Drehbuchautor, Filmregisseur und -produ- zent von harten Action-Streifen (Blue Jean Cop, Slaughter of the Innocent, McBain), die meist nur in den Vereinigten Staaten liefen, trug sich eine imposante Spielzeugsammlung zusammen. „Ich besitze einen Ferrari 166 Spider Corsa 1947 von Franco Cortese, einen 330 P3/4 Spider aus dem Daytona- Siegertrio sowie einen P4/412 mit der Chassis-Nummer 0854, der an den britischen Importeur Maranello Concessionaires ausgeliefert wurde“, doziert Glickenhaus im distanzierten Tonfall New Yorker Intellektueller. Als Honorar-Professor der Universität von New York City pflegt Glickenhaus eine weitere wissenschaftliche Passion: „Die Rennwagen der späten sechziger Jahre finde ich fantastisch. Ich habe also auch noch einen Ford Mk IV, der 1967 mit Bruce McLaren und Mark Donohue Vierter in Le Mans geworden ist, und den blauen Sunoco Lola T70 von Mark Donohue/Roger Penske.“

Nur eins besaß Glickenhaus nicht: den endgültigen Ferrari. Eine Art Über-Drüber-Berlinettissima, deren Form noch Enzo Ferrari höchstpersönlich abgesegnet hatte, und unter deren aktualisierter, neuzeitlicher Form State-of-the-Art-Technik steckt. Außerdem natürlich mit normaler USStraßenzulassung, da Glickenhaus an Wochenenden doch lieber über Long Island kurvt als durch das Oval von Daytona Beach. Wo sonst kann man heute noch eine individuelle Ferrari-Einzelanfertigung bestellen als beim Turiner Haus-Karossier Pininfarina, dessen Ruhm in den fünfziger Jahren durch persönliche Einzelstücke begründet worden war. Glickenhaus diktierte der Designer-Truppe um Chef Andrea Pininfarina und Paolo Garella, Leiter der Abteilung Spezialprojekte, ein ultimatives Lastenheft: Aussehen wie ein P4, Fahrleistungen wie ein Enzo Ferrari, US-Straßenzulassung wie ein F430.

Pininfarina, mit der Industrieproduktion von Alfa Romeo Brera und Spider, Volvo C70 und Ford Focus Coupé- Cabriolet kreativ nicht gerade überlastet, nahm das Projekt im Jahr 2005 mit Handkuss in Angriff. Glickenhaus wurde mit Ideen, Skizzen, Renderings und Sitzungen überhäuft, als lautete sein zweiter Vorname Enzo.

Enzo wurde nicht nur als ideeller Patron verpflichtet, sondern auch ganz profan als fahrender Untersatz. Der Glickenhaus P4 konnte nämlich nur auf der Technik des Ferrari Enzo Ferrari basieren, sollte er über rennwagenähnliche Technik verfügen. Die entsprechende Hardware fand sich bei einem kalifornischen Händler, wo ein fabrikneuer Enzo nach US-Spezifikationen auf seinen potenziellen Kunden wartete, der im Dschungel südamerikanischer Währungswirren verloren gegangen war. Glickenhaus schickte seinen eigenen Ferrari P4-Rennsport-Prototyp nebst Enzo gleich mit ins Pininfarina- Entwicklungszentrum Cambiano bei Turin, damit die Designer beim Original Augenmaß nehmen konnten. Rund 100 Stunden im Windkanal und ein 1:1-Tonmodell später, was unter Brüdern mit Kosten von einigen Millionen Dollar verrechnet wird, fährt der Ferrari P4/5 by Pininfarina auf dem französischen Testgelände C.E.R.A.M bei Paris. Er schießt heran wie die glühend rote Spitze einer Druckwelle, eine düsenjägerähnliche Tonkaskade im Schlepptau, wirft sich wie ein Kreisel in die Steilkurve und ist schon wieder zurück, bevor der letzte Rest des Heckflügels verschwunden ist. Glickenhaus behält die Contenance wie jeder Ferrari-Rennleiter vor ihm beim ersten Roll-out, die Pininfarina-Truppe tanzt, und Testfahrer René Arnoux strahlt ein stilles Lächeln.

Der Glickenhaus- P4 ist weder Replica noch Denkmal, sondern ganz zeitgenössische Interpretation, die künstlerische Kadenz auf jenen Rennsportwagen, der 1967 zwei Marken-WM-Läufe gewann. Der Schnitt der Scheinwerfer ist neu, dafür interpretiert die Silhouette perfekt die Formen eines Rennwagens, der damals weder einem Designstudio noch einem Windkanal in die Nähe gekommen war, sondern von Ingegnere Mauro Forghieri im Alleingang komponiert worden ist.

Pininfarina hat die Karosserie des Enzo durch 200 Neuteile ersetzt und dabei durch die exzessive Verwendung von Kohlefaser-Verbundstoffen auf ein respektables Kampfgewicht von 1200 Kilogramm abgespeckt. Wer die eineinhalbfache Schraube in den Innenraum schafft, ohne mit dem linken Bein am Schweller hängenzubleiben, erlebt im Fahrersitz die perfekte Zeitmaschine. Lenkrad, Sitze, Armaturen, Bedienung stammen aus unserer höchst komfortablen Gegenwart. Kaum rollt der Ferrari P4/5 an, setzt mit der Betätigung der Schaltpaddel auch ein automatisches Zeitprogramm ein. Irgendwie wird in die weit nach vorn gezogene Glaskuppel das Gefühl jener Epoche projiziert, in der Ferrari neben zwei bis drei Formel 1-Rennwagen auch noch vier oder fünf Rennsport- prototypen einsetzte und dafür knapp zehn Werksfahrer beschäftigte.

Die Steilwand wirkt wie in Daytona, als Fahrer verwandelt man sich gerne in einen der damaligen Werkspiloten. Und sehen aus der Cockpit-Perspektive James Glickenhaus, Andrea Pininfarina und Paolo Garella am Streckenrand nicht aus wie Forghieri & Co? James Glickenhaus pflegt realistischere Visionen: Zunächst will er mit dem P4/5 über Long Island gondeln, und irgendwann sollte sein Ferrari auch mal in Le Mans fahren.

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